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Serie Vor 70 Jahren
"Eine gut regierte Zone"

Kreis Viersen. Im November 1945 befahl der englische Militärkommandant des Kreises die Bildung von Gemeinderäten und Kreistag. Von Prof. Dr. Leo Peters

Kreis Viersen Die Engländer verstanden sich 1945 nicht nur als Sieger, sondern auch als politische Erzieher. Nach dem Vorbild ihrer demokratischen Ordnung sollte auch in der britischen Zone, also auch im Kreis Kempen-Krefeld das politische Leben gestaltet werden.

Mit der Unterschrift des in Kempen residierenden englischen Militärkommandanten Lt. Colonel C.R. Greville Acworth erging am 30. November 1945 der Befehl zur Bildung von Gemeindevertretungen in Städte und Gemeinden des Kreises, - der Beginn, oder zumindest der Vorläufer politischer Selbstbestimmung. Den herablassenden Ton muss man natürlich vor dem Hintergrund des erst vor sechs Monaten zu Ende gegangenen Krieges sehen. Greville Acworth begann seinen Befehl mit zwei einleitenden Artikeln: "1. Der Oberste Befehlshaber hat eine geordnete und gut regierte Zone als das unmittelbare Ziel der Engländer erklärt und gesagt, dass die Deutschen erst beweisen müssen, dass sie dies erreichen können, bevor irgendein weiteres Ziel gesteckt werden kann. 2. Es ist deshalb beschlossen worden, Gemeindevertretungen und Kreistage zu errichten. Wenn sich diese Institutionen bewähren, so werden sie der erste Schritt zu dem eigentlichen Ziel, der vollen demokratischen Selbstverwaltung, sein."

Gewählt wurden die politischen Vertretungen von Kreis und Gemeinden nicht, sie wurden bestimmt. Bei der parteipolitischen Zusammensetzung orientierte sich die Militärverwaltung auf Kreisebene an den Ergebnissen der Kreistagswahl von 1929, was nicht einfach war, weil sich das Parteienspektrum insbesondere im christlichen Lager verändert hatte. Neben dem Zentrum war die konfessionsübergreifende CDU entstanden. Von den am 2. Dezember 1945 erstmals zusammentretenden Kreistagsmitgliedern gehörten 14 der CDU, 9 dem Zentrum, 10 der SPD und 9 der KPD an. 12 waren parteilos. Ähnlich wurde in den kreisangehörigen Städten und Gemeinden verfahren, wobei man sich des provisorischen Charakters der Maßnahmen bewusst war.

Das bekundete auch der in feierlicher Uniform erstmals vor den Kreistag im Kempener Rokokosaal tretende Militärkommandant. Wörtlich führte er aus: "England wünscht Deutschland auf demokratischer Grundlage so schnell wie möglich aufzubauen. Der erste Schritt dazu ist die Bildung von Körperschaften, sowohl in den Provinzen wie in den Kreisen und Gemeinden. Im Anfang wird die Militärregierung die Mitglieder ernennen, und zwar wird sie angesehene Leute aller Berufe und aller politischen Richtungen auswählen. Im Laufe der Zeit werden diese ernannten Volksvertretungen durch gewählte ersetzt werden. Dieser Kreistag, zu dessen Mitglied Sie im Auftrag der Militärregierung bestimmt sind, hat also noch nicht seine endgültige Form. Wenn politische Parteien gegründet sind und Wahlen stattgefunden haben, mag sich herausstellen, dass die Anzahl der jetzt vorhandenen Vertreter nicht mit der Zahl übereinstimmt, die der Wahl entsprechend im Kreistag sein müsste. Wenn sich das herausstellt, wird selbstverständlich eine entsprechende Umbildung vorgenommen."

Einschneidend war vor allem die Festlegung der Engländer, die seit dem Beginn der preußischen Zeit 1816 geltende Praxis, wonach als Verwaltungschef ein Landrat an der Spitze des Kreises, ein Bürgermeister an der Spitze der Gemeinde stand, aufzugeben. Ab sofort galt: der ehrenamtliche Landrat ist der Vorsitzende des Kreistages und protokollarisch erster Repräsentant des Kreises, die Verwaltung wurde fortan von einem Oberkreisdirektor geführt (vertiefende Ausführungen dazu siehe im Aufsatz von Rudolf H. Müller im soeben erschienenen Heimatbuch 2016 des Kreises Viersen). Entsprechendes galt in den Gemeinden (Bürgermeister und Stadt/Gemeindedirektor).

Den Verwaltungschefs war nach englischem Vorbild jegliche aktive politische Tätigkeit untersagt. "Die Gewaltenteilung, die auch in England besteht, soll einen Schutz bilden gegen die Wiederkehr des Nationalsozialismus", hieß es. Auf Vorschlag des Kommandanten wurde der frühere Berliner Filmproduzent Christoph Mülleneisen aus Lobberich bestellt, der u.a. den Vorteil mitbrachte, die englische Sprache perfekt zu beherrschen. Nach seinem gesundheitsbedingten Rückzug von diesem Amt folgten für kurze Zeit als Landrat Josef Windhausen aus Waldniel und im Oktober 1946 Max Clever aus Süchteln. Erster Oberkreisdirektor wurde Ludwig Feinendegen, dessen "hervorragende Aufbauarbeit" (Dieter Hangebruch) in Dülken, ihn aus der Sicht des Kommandanten für dieses Amt qualifizierte.

Nach der Bildung des Kreistages wurde ein analoges Verfahren in den Städten und Gemeinden des Kreises in der Reihenfolge ihrer Einwohnerzahl eingeleitet.

Quelle: RP
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