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Viersen
Einmischen für eine lebenswerte Heimatstadt

Viersen: Einmischen für eine lebenswerte Heimatstadt
Der Vorsitzende des Vereins für Heimatpflege, Dr. Albert Pauly, zeigt Bilder der Siedlung an der Hammer Schanze im Sonnenschein. Die Gebäude wurden 1934 als Nothäuser errichtet, damals gab es eine große Wohnungsnot in Viersen. Einige von ihnen sind heute noch bewohnt. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Viersen. Als Vorsitzender des Vereins für Heimatpflege setzt sich Dr. Albert Pauly seit den 1980er-Jahren für Viersen ein - eine Stadt, die ihm als junger Mann zur Heimat wurde. Bewahrenswertes gelte es zu schützen, sagt Pauly. So wie die Hammer Schanze. Von Birgitta Ronge

Ein schmaler Pfad führt von der Bachstraße auf eine Lichtung. Unter den alten, hohen Bäumen plätschert der Hammer Bach. Überquert der Spaziergänger eine schmale Brücke, steht er plötzlich in einer kleinen Siedlung. Einige wenige Häuser stehen links und rechts der Straße. Von manchen Wänden blättert der Putz. An einem Schuppen hängt die alte Holztür an rostigen Angeln. An anderen Häusern wurden Fenster- und Türrahmen blau oder grün gestrichen. Blühende Geranien in den Kästen zeigen: Hier wohnen Menschen, die ihr Zuhause lieben, es gerne hübsch gestalten möchten. Wer diese Idylle hinter den hohen Bäumen entdeckt, glaubt beinahe, über die Brücke in eine andere Stadt, in ein früheres Jahrhundert gelangt zu sein. Allein die Mülltonnen und Autos zeugen davon, dass sich der Spaziergänger tatsächlich noch im Heute befindet.

Dr. Albert Pauly, der Vorsitzende des Vereins für Heimatpflege in Viersen, hat diese Häuser durch Zufall entdeckt. Und durch Zufall erfuhr er auch davon, dass der Eigentümer, die Viersener Aktienbaugesellschaft (VAB), die Häuser abreißen möchte. Pauly ging der Geschichte der kleinen Siedlung nach.

Er fand Zeitungsartikel, in denen 1934 über den Bau dieser Häuser berichtet wurde. Damals gab es eine große Wohnungsnot in Viersen, woraufhin der Stadtrat beschloss, vier Doppelhäuser mit insgesamt 16 Notwohnungen am Hammerloch zu errichten. Mit Erzeugnissen aus den eigenen Gärten sollten sich die Bewohner weitgehend selbstversorgen können. "Diese Gruppe von Kleinwohnungen an der ,Hammer Schanze' ist ein bescheidener Anfang zu dem großen Ziel, den Arbeitsmenschen aus den dumpfigen Wohnungen der Mietskasernen und der überständigen und unzureichenden Althäusern herauszunehmen und ihm im kleinen Heim inmitten von Gärten und Grün die verlorene Verbindung mit dem heimatlichen Boden wiederzugeben", schrieb die Vereinigte Dreistädte-Zeitung im August 1934.

Die Nothäuser wurden mit Zwei- und Dreizimmerwohnungen geplant. Große Gärten gehörten dazu, damit sich die Bewohner selbstversorgen konnten. FOTO: Busch

Sogenannte Nothäuser wurden auch in späteren Jahren in Viersen errichtet. Viele Einheimische kennen die "Fetten"-Häuser an der Bachstraße, benannt nach dem Dülkener Dr. Gustav Fetten, der ein Haus entwickelte, dessen Bauelemente vorproduziert und dann am Bauplatz montiert wurden - ein günstiges Fertighaus also, das schnell errichtet war. In den Jahren 1949/1950 wurden die Fertighäuser an der Bachstraße gebaut. Aus wissenschaftlichen, insbesondere bauhistorischen, geschichtlichen und hauskundlichen Gründen, heißt es in der Beschreibung der Stadt, liegen Erhalt und Nutzung der Häuser nach dem Denkmalschutzgesetz im öffentlichen Interesse.

Die Nothäuser in der kleinen Siedlung an der Hammer Schanze hingegen sind 15 Jahre älter als die Fetten-Häuser. Sie erzählen aber auch eine andere Geschichte. Die Häuser an der Schanze wurden vor dem Zweiten Weltkrieg errichtet, die Fetten-Häuser nach dem Krieg. In beiden Fällen erinnern die erhaltenen Gebäude daran, wie Menschen, die wenig Geld hatten, damals wohnten - und wie eine Stadt wie Viersen auf die Wohnungsnot der Zeit reagierte.

Der Viersener Verein für Heimatpflege setzt sich nun dafür ein, dass die kleine Siedlung erhalten bleibt. Pauly als Vorsitzender hat das Amt für Denkmalpflege im Landschaftsverband Rheinland (LVR) gebeten zu prüfen, ob neben den Fetten-Häusern nicht auch die Gebäude an der Hammer Schanze unter Denkmalschutz gestellt werden können. "Das, was bewahrenswert ist, gilt es zu schützen", sagt Pauly.

Für das Bewahrenswerte in seiner Heimatstadt setzt sich der Vorsitzende des Vereins für Heimatpflege mit aller Hartnäckigkeit ein. Und das seit Jahrzehnten. 1981 wurde Pauly zum Vorsitzenden des 1956 gegründeten Vereins für Heimatpflege gewählt. Als Pauly übernahm, hatte der Verein 117 Mitglieder. Heute sind es 1100. Auf Initiative des Heimatvereins wurde die Skulpturensammlung angelegt, wurden ein Stadtarchivar und eine Denkmalschützerin eingestellt, erschienen zahlreiche Bücher zur heimatlichen und niederrheinischen Geschichte, konnten das Jugendstilbad in Viersen und das Mosterzhaus in Dülken erhalten werden. Als erfolgreichstes Jahr des Vereins nennt Pauly 2014: Da eröffnete der Verein den "Viersener Salon" in der Villa Marx, in dem mit "Wallfahrten und Exerzitien" die inzwischen dritte Ausstellung zu sehen ist. Musik, Literatur, wissenschaftliche Diskurse gehören dort ebenso zum Konzept.

Als er 1981 den Vorsitz des Vereins übernehmen sollte, habe er sich anfangs gesträubt, erinnert sich Pauly. "Ich sah da etwas auf mich zukommen, was ich nicht überblicken konnte. Und hätte ich damals geahnt, was auf mich zukommen würde, wäre ich sicherlich skeptischer gewesen." Doch er habe es letztlich nicht bereut, das Amt übernommen zu haben: "Wenn die Dinge, die aus der Vergangenheit sind und vernachlässigt wurden, wieder wertgeschätzt werden, kann man sich als Bürger dieser Stadt mehr zu Hause fühlen", hat er festgestellt.

Ohne Paulys beständiges "Klinkenputzen" bei möglichen Sponsoren und Förderern wären viele Dinge nicht gelungen. Denn für Kunst und Kultur, für den Erhalt des Bewahrenswerten, seine Restaurierung und Gestaltung, ist meist wenig Geld da. Doch immer fanden sich Menschen, die sich begeistern ließen von den Ideen, die der Heimatverein hatte, die die Ärmel aufkrempelten und anpackten, und die ein Projekt finanziell unterstützten. Manchmal musste er "dicke Bretter bohren". Pauly weiß, dass er für die Umsetzung vieler Ideen einen langen Atem braucht und auch auf Widerstand trifft. "Ich habe mich nie abschrecken lassen", sagt er. "Wenn mir eine Sache wichtig ist, dann muss man das durchstehen."

Für Pauly hängen diese Projekte, die er mit dem Heimatverein verwirklichen konnte, und sein Gefühl, in Viersen eine Heimat gefunden zu haben, zusammen. "Je mehr ich mich eingemischt habe, desto mehr war ich zu Hause", sagt der 72-Jährige. Pauly wuchs in Anrath auf, das Elternhaus stand gegenüber der Brauerei Schmitz-Mönk. Der Vater war zunächst Organist und Chorleiter an St. Johannes, öffnete dann das Musikhaus Pauly in Viersen. Sohn Albert besuchte das humanistische Gymnasium an der Wilhelmstraße in Viersen, fuhr täglich mit dem Fahrrad von Anrath zur Schule. Später studierte er Jura in Köln, Tübingen und Bonn, wurde Richter und zog nach Viersen, wo seine Frau Agnes eine Kunsthandlung führte. So wurde der Anrather zum Viersener. Je größer sein Engagement für die Stadt wurde, desto stärker wurden auch die Wurzeln, die Pauly geschlagen hatte. Und es werden sich weitere Wurzelausläufer bilden - die Stadt habe genügend Potenzial, sagt Pauly und schmunzelt: "Es gibt so viele denkbare Projekte in Viersen, dass ich nie auf die Idee käme, hier wegzuziehen."

Quelle: RP
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