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Niederkrüchten
Erinnerung an die Toten vom Lüsekamp wachhalten

Niederkrüchten: Erinnerung an die Toten vom Lüsekamp wachhalten
Autor Pierre Bakkes appelliert an die Besucher: "Wir müssen es unseren Kindern und Enkeln erzählen – und denen, die das alles nicht mehr wichtig finden. Hört nicht auf zu erzählen!" FOTO: Busch
Niederkrüchten. Jan Tobben wäre heute 84 Jahre alt. Ein rüstiger Opa vielleicht, der gerade mit seinen Kindern und Enkelkindern Weihnachten gefeiert hätte.

Doch Jan Tobben durfte nicht Vater und Großvater werden. Er durfte noch nicht einmal erwachsen werden. Gerade 16 Jahre jung war der Roermonder, als ihn ein deutsches Exekutionskommando ermordete.

Es war der 26. und 27. Dezember 1944. Einige Tage zuvor waren 14 Männer bei einer Razzia festgenommen worden. Sie hatten sich unter den Bodendielen einer Mädchenschule versteckt, um der Deportation in die Zwangsarbeit zu entge-hen. Der Roermonder Ortskommandant, der deutsche Major Ulrich Matthaeas, ließ an ihnen ein grausames Exempel statuieren. Alle 14, auch Tobben, wurden im Lüsekamp erschossen und in einem anonymen Grab verscharrt.

Die Aktion zeigte die gewünschte Wirkung: Fast 3000 verängstigte Roermonder folgten daraufhin dem Aufruf zum Arbeitseinsatz. Sie wurden in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1944 in einem Gewaltmarsch durch Kälte und Schnee nach Dülken getrieben und von dort, zusammengepfercht in Bahnwaggons, in die Zwangsarbeit gekarrt.

Seit 1996 erinnert das Roermonder "Comité Voettocht 30 december" am Mahnmal im Lüsekamp an die Ereignisse. Auch diesmal versammeln sich über 130 Menschen – Deutsche und Niederländer – um der Toten zu gedenken. Obwohl die Ereignisse von Jahr zu Jahr weiter zurückliegen, obwohl es immer weniger Zeitzeugen gibt – die Zahl der Besucher der Gedenkfeier sinkt nicht.

Es scheint den Menschen ein Bedürfnis zu sein, dass die Erinnerungen nicht verblassen. Der Autor Pierre Bakkes sagt in einem bewe-genden Vortrag, wie das geht: "Wir müssen erzählen, was wir erlebt ha-ben und was unsere Familien und Freunde erlebt haben. Wir müssen es unseren Kindern und Enkeln erzählen – und denen, die das alles nicht mehr wichtig finden. Hört nicht auf zu erzählen!"

Niederkrüchtens Bürgermeister Herbert Winzen sieht die Gedenkfeier als Mahnung für die Gegenwart und Zukunft: "Die Erinnerung gibt uns etwas in die Hand, um zu erkennen, wenn anders Denkende, anders Glaubende oder Menschen mit andere Hautfarbe diskriminiert und gequält werden." Henk van Beers, Bürgermeister von Roermond, meint: "Wir dürfen nicht vergessen, was in dieser langen, kalten Nacht geschehen ist, aber wir müssen uns auch immer wieder die Hände rei-chen." Insofern sei die jährliche Ge-denkfeier auch "ein Zeichen der Versöhnung".

(jos)
 
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