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Viersen
Erinnerungen an eine kaiserliche Zeit

Viersen. Als Hausierer fing Josef Kaiser in der wilhelminischen Zeit an, als Kommerzienrat starb der Gründer von Kaiser's Kaffee in der Bundesrepublik

EIGENTLICH hatte Josef Kaiser mit Kaffee nicht die Bohne am Hut. Damit der Mann, der der Erzählung nach mit einem besonders sensiblen Riechorgan ausgestattet gewesen sein soll, zu einer deutschen Unternehmerlegende werden und als Kommerzienrat das Erscheinungsbild der Stadt Viersen prägen konnte, waren gleich drei Dinge nötig, die nichts miteinander zu tun haben. Erstens: die Ernährungsgewohnheiten der Landbevölkerung.

"Im 19. Jahrhundert war es völlig normal, sich von warmem Brei zu ernähren", berichtet die Kulturwissenschaftlerin Britta Spies. Erst Mitte des Jahrhunderts habe sich das das Abendbrot als Essensgewohnheit durchgesetzt. "Das war aber trocken. Also wollten die Menschen dazu etwas trinken." Am liebsten Kaffee.

Eigentlich hätte Josef Kaiser, dessen Geburtstag sich in fünf Tagen zum 152. Mal jährt, den Beruf seines Vaters weitergeführt. Der Betrieb im Rahser eine kleine Handweberei. Doch die Industrialisierung setzte dem Betrieb zu. Mechanische Webstühle konnten billiger Waren produzieren. Die Zukunftsaussichten waren schlecht. Kaisers Mutter musste Geld dazuverdienen. Sie betrieb einen Kolonialwarenladen.

Neben der Industrialisierung und den veränderten Ernährungsgewohnheiten bedurfte es aber noch eines dritten Faktors, um die Geschichte von Josef Kaiser zu einer Erfolgsgeschichte zu machen: seinem Näschen fürs Geschäft.

Als Hausierer fing Josef Kaiser an. Brachte den Hausfrauen grüne Kaffeebohnen aus dem Kolonialwarenladen seiner Mutter, die die Frauen zu Hause rösteten, mahlten und aus dem Pulver frischen Kaffee kochten. Allerdings war der Röstvorgang häufig unfallträchtig - die Bohnen brannten in der Pfanne an. Kaiser, der mit 15 Jahren eine Lehre zum Schlosser angefangen hatte, wusste: Das geht besser. Er entwickelte eine Rösttrommel, die das Anbrennen verhinderte. Die Viersener waren begeistert. Der Kolonialwarenladen wurde 1880 zur "Dampf-Kaffee-Rösterei von Hermann Kaiser". Die zwei Rösttrommeln wurden fünf Jahre später auf Gasbetrieb umgestellt. Die erste Angestellte wurde in das Geschäft aufgenommen. Die erste Filiale in Duisburg eröffnet. Und noch im selben Jahr eine in Essen. Und eine in Bochum. Das Credo des damals 23-jährigen Jungunternehmers Josef Kaiser: Gute Standardwaren in überschaubarem Sortiment zu niedrigen Preisen auf dem kürzesten Weg bei einheitlicher Ausstattung des Filialnetzes zu vermarkten. Filialnetz - das Wort gab es damals noch nicht. Kaiser war ein Pionier. Bewusst ging er in die Ruhrgebietsstädte, so konnte er viele Kunden auf einen Schlag gewinnen, statt mit dem Pferdefuhrwerk von Haus zu Haus fahren zu müssen..

Phantasie, Wagemut - schon in der Kaiserzeit waren das unternehmerische Tugenden. Als sein Vater Hermann 1890 starb, hatten Josef Kaisers Geschäfte bereits einen Kapitalwert von 30.000 Mark erwirtschaftet. Die finanzielle Basis wurde im darauffolgenden Jahr verbreitert, als er die Brauereibesitzer-Tochter Julie Didden heiratete - nebenbei eine energische Partnerin mit einem Sinn für das Kaufmännisch Mögliche, die die Geschicke der Firma durchaus mitbestimmte.

Die Zahl der Filialen stieg und stieg - 1897 wurde in Bamberg die 100. eröffnet. Und Josef Kaiser wurde Beigeordneter der Stadt Viersen. Und gründete eine Betriebskrankenkasse für seine Arbeiter und Angestellten. 1899 eröffnete in Regensburg die 400. Filiale. Es war das Jahr, als das Unternehmen in "Kaiser's Kaffee-Geschäft" umbenannt wurde. Zum 25-jährigen Bestehen der Firma im Jahr 1905 beschäftigte Josef Kaiser mehr als 2000 Arbeiter und Angestellte in 900 Filialen. An der Goetersstraße war die Chokolade-Fabrik errichtet worden. Außer in Viersen wurde auch in Zweigbetrieben in Breslau, Berlin, Heilbronn und Basel produziert. Industriell. Mit Dampf. Und nicht nur Kaffee, auch Schokolade und Malzkaffee, später auch Kekse. Ein Jahr zuvor hatte Paul Boehm in Berlin die lachende Kaffeekanne geschaffen, das Markenzeichen von Kaiser's.

Kaiser ist da längst ein gemachter Mann. Dank seiner Unternehemsführung, deren Erfolgsrezepte auch heute noch funktionieren vom Hausierer zum Self-Made-Millionär. Nachdem er im Herbst 1910 zum Kommerzienrat ernannt wird - nachdem der "Turnverein 1848" im Sommer bei ihm um eine Spende für den Bau einer Turn- und Festhalle gebeten hatte - stiftet Kaiser 130.000 Reichsmark für den Bau. Die Entwürfe werden in seiner Chokolade-Fabrik gezeigt. Als das Geld am Ende nicht reichte, muss er sich im Stadtrat beschimpfen lassen, allein der vom "Geschenkgeber" gewählte Platz und die von ihm gewünschte Benutzung als Festhalle hätten die Schwierigkeiten erst heraufbeschworen. Albert Pauly, Vorsitzender des Vereins für Heimatpflege Viersen, hat die Geschichte liebevoll in dem Büchlein "Viersen - Beiträge zu einer Stadt 6" aufgeschrieben. Trotz der unterschiedlichen Auffassungen über die Festhalle ernannte der Stadtrat 1932 Kaiser zum Ehrenbürger. Kurz zuvor, während der Weltwirtschaftskrise, hatte er jeder Filiale 50 Pfund Lebensmittel zur Verteilung an die Armen geliefert. 1939 war Kaiser auf dem Höhepunkt seiner unternehmerischen Karriere: Mehr als 1900 Filialen gab es im Deutschen Reich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Neben der Festhalle ist auch die Galerie im Park steinernes Zeugnis vom Wirken Kaisers in Viersen. Der Unternehmer hatte den Neorenaissance-Bau 1899 als Fabrikantenvilla gekauft, bevor er sich zwölf Jahre später auf dem Waldnieler Adelssitz Haus Clee niederließ. Dort starb er 1950. Auf seinem Totenzettel stand: "Mehr sein als scheinen."

Quelle: RP
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