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Viersen
Erst kam das Essen, dann der Sport

Viersen: Erst kam das Essen, dann der Sport
Neben dem Friedhofseingang am Hoserkirchweg befand sich eine Tennisanlage, auf der ab 1947 wieder gespielt wurde. Im Hintergrund gut zu sehen: die Militärfahrzeuge der britischen Armee. FOTO: Stadtarchiv
Viersen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs dauerte es auch in der Stadt Viersen nicht allzu lange, bis die Menschen wieder anfingen, Sport zu treiben und Sportveranstaltungen zu besuchen. Allen Widerständen zum Trotz. Von David Beineke

Auch wenn es eigentlich darum geht, sich über 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs daran zu erinnern, wie die Menschen in Viersen nach dem Horror des Zweiten Weltkrieges wieder die Unbeschwertheit des sportlichen Tuns für sich entdecken konnten, kommt Fritz Meies - heute unter anderem Ehrenvorsitzender des 1. FC Viersen und Vorsitzender des Kreissportausschusses - schnell ein Moment in den Sinn, der von außen betrachtet bedrohlich wirkt. Doch Meies denkt gerne daran zurück, wie er im März 1945 erstmals US-amerikanische Soldaten zu Gesicht bekam.

Wer über die Mauer schaute, brauchte bei GW nicht zahlen. FOTO: Privat

Weil die Stadt Viersen zuvor noch von zwei verheerenden Bomber-Angriffen heimgesucht worden war, saß Meies mit seiner Mutter im Keller ihres stark beschädigten Hauses. Das Rasseln der Panzerketten kündigte das Näherrücken der Amerikaner an. Als der damals Sechsjährige herauskam, sah er fünf dunkelhäutige Soldaten, die ihn freundlich anlächelten. "Das war eine schöne Zeit mit den Amerikanern, die haben sich richtig gut um uns gekümmert. Das war bei den Engländern ganz anders", erinnert sich Meies. Als der Krieg nämlich endgültig beendet war, lag die Stadt Viersen in der britischen Besatzungszone. Und das deutlich reserviertere Verhalten der Briten gegenüber der Bevölkerung mag auch ein Grund dafür gewesen sein, wieso es die Sportvereine so schwer hatten, sich wieder zu organisieren. Wobei es generell so war, dass die Alliierten das deutsche Sportsystem mit großem Argwohn betrachteten, denn für sie war es ein Teil der Nazibewegung und ihres Körperkults. So war das gesamte Sportleben in Viersen nach Kriegsende einer starken Reglementierung unterworfen. Jeder Sportverein musste sich bei der Militärregierung registrieren lassen, und es gab nur eine Genehmigung, wenn die Vorstandsmitglieder als politisch unverdächtig eingestuft wurden. "Bei den Engländern hat man sich damals irgendwie immer beobachtet gefühlt", erklärt Meies, der als Jahrgang 1939 damals noch viel zu jung war für ein Amt an der Spitze eines Vereins. Doch gerade für die Kinder war der Sport eine gute Möglichkeit, sich von den düsteren Jahren des Krieges abzulenken. Sie bauten sich Tore aus Mützen und kickten auf den Straßen. Weil richtige Lederfußbälle Mangelware darstellten, nähten Mütter für den Nachwuchs Spielgeräte aus Stoffresten.

Welche Bedeutung der Sport für die Menschen im Allgemeinen direkt nach dem Krieg hatte, stellt Alfred Boeken heraus, der ab 1956 vierzig Jahre Geschäftsführer des Stadtsportverbandes Viersen war. "Am wichtigsten war es, etwas zu essen zu bekommen. Am zweit wichtigsten war der Sport", betont Boeken, der bei Kriegsende zehn Jahre alt war. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass schon ziemlich bald nach dem Krieg die Viersener Sportszene deutliche Lebenszeichen von sich gab. Bei den Fußballern standen wieder privat organisierte Spiele mit befreundeten Vereinen aus dem Grenzland oder Mönchengladbach auf dem Programm. Der erste Höhepunkt war das erste Nachkriegsduell der beiden ewigen Lokalrivalen VfL GW Viersen (1925 entstanden aus der Fusion von Spielverein und Sportclub Viersen) und FC Germania Viersen (gegründet 1912). Am 18. August 1945 hatten sich auf dem Sportplatz im Baggerfeld - ein Gelände, das GW vor dem Krieg von der Firma Kaiser's Kaffee-Geschäft zur Verfügung gestellt worden war - 2000 Zuschauer eingefunden und sahen einen 2:0-Sieg der Gastgeber. Noch eine Schüppe drauf legten die Grün-Weißen allerdings am 23. September, als sich der sechsmalige Deutsche Meister FC Schalke 04 mit Stars wie Fritz Szepan und Ernst Kuzorra zu einem Freundschaftsspiel in Viersen einfand. Möglich machten das laut einer Vereinschronik aus dem Jahr 1990 Gönner des Vereins aus den Branchen Nahrungsmittel und Textilien. Weil der Platz im Baggerfeld unter Verwaltung der Briten stand, wurde das GW-Team durch drei Engländer ergänzt. Aber auch das nützte nichts, die Viersener verloren 1:7. Doch das tat der Begeisterung unter den 12.000 Zuschauern keinen Abbruch. Unter ihnen waren auch Fritz Meies und Alfred Boeken. "Das war schon etwas ganz Besonderes. Damals wurde erzählt, dass die Schalker für ihren Auftritt zwei halbe Schweine und fünf Zentner Kartoffeln bekommen haben", erinnern sich die beiden. Bei den GW begann Fritz Meies 1948 auch mit dem Fußballspielen, hatte zunächst aber keine Fußballschuhe. Als er die dann von einem Nachbarn geschenkt bekam, war die Freude verständlicherweise riesig. "Auch wenn die mir ein bisschen zu groß waren. Ich habe mir dann mit einem Hammer die Stollen reingeschlagen", erinnert sich Meies. Die Beschaffung von Sportbekleidung war ein generelles Problem, da half oft nur Tauschen. Das alles hatte aber offenbar auch positive Effekte. "Alle diese Schwierigkeiten führten jedoch zu einem engen Zusammenschluss bei uns im Verein", schrieb Karl Rohling 1971 in der RP über diese Zeit, "es gab so etwas wie eine Vereinsfamilie."

Die Sportanlage am Hohen Busch wurde 1956 fertiggestellt. 1960 waren viele Zuschauer anlässlich eines Pfingstsportfestes gekommen. FOTO: Stadtarchiv

Schon 1945 lebte dann wieder Spielbetrieb auf, ein sogenannter Dachverband Mönchengladbach bildete mehrere Spielgruppen, in denen die Viersener Vereine Germania, GW und BW Helenabrunn gegen Teams aus Süchteln, Dülken und Waldniel kickten. Schon im Sommer 1946 wurde dann in Düsseldorf der Fußball-Verband Niederrhein gegründet. "Damit war die wichtige Voraussetzung für die Neuorganisation des Sports geschaffen", heißt es in der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen von GW Viersen.

Abgesehen von den Schwierigkeiten, dem Sport nach dem Zweiten Weltkrieg wieder organisatorische Strukturen zu geben, ergaben sich für die Sportvereine naturgemäß auch aus den Zerstörungen große Probleme. So war zum Beispiel das alte Germania-Stadion an der Krefelder Straße nicht mehr nutzbar. Weil sich die Instandsetzung länger hinzog als gedacht, bat der Verein darum, den GW-Platz auf dem Kaisers-Gelände mitbenutzen zu dürfen. Mit Einverständnis der Grün-Weissen, der Genehmigung der Briten und der Entrichtung einer Pacht spielte auch Germania dann im Baggerfeld. Allerdings war auch ziemlich schnell klar, dass in Viersen eine neue Sportstätte gebraucht wurde. Am 20. September 1947 beschloss der Verband für Leibesübungen Viersen den Neubau des Stadions am Hohen Busch. Errichtet wurde es auf den Trümmern, die beim Aufräumen aus der Stadt Viersen täglich mit einer Lorenbahn abtransportiert wurden.

Noch schwerer als die Fußballer hatten es die Leichtathleten. Auf der Internseite der LG Viersen ist über die Historie des Vereins zu lesen, dass eine gewisse Oma Brassel ihren Garten zur Verfügung stellte, um dort eine Sprunggrube und einen Kugelstoßring anzulegen. Als Laufbahn diente ein Abschnitt der Freiheitsstraße, ein Hochsprunggerät wurde gezimmert, Matten aus mit Stroh gefülltem Sackleinen genäht. Die LG wurde am 5. Mai 1947 gegründet. Aus ihr ging auch Theo Püll hervor, der elfmal Deutscher Meister im Hochsprung wurde und Deutschland 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom vertrat. Seine angestammte Sportstätte nicht so nutzen wie er wollte, konnte auch der Viersener Turnverein von 1848. Die 1927 nach langem Warten erbaute Turnhalle an der Gereonstraße war zwar offenbar nicht zerstört, doch im 2012 vom Verein für Heimatpflege veröffentlichten Buch "Rintgen im Wandel der Zeit" heißt es, dass die Halle nach dem Krieg zeitweise der Unterbringung von Flüchtlingen diente.

Deutlich besser war der Radfahrverein Blitz dran, der schon recht bald wieder die Radrennbahn ganz in der Nähe des Baggerfelds nutzen konnte und dort auch Veranstaltungen mit großem Zuschauerzuspruch auf die Beine stellte. Von 1948 bis 1952 fanden lokale Radrundrennen statt, 1951 richtete der Verein den "Großen Preis vom Niederrhein" aus. Die Anhänger des Tennissports in Viersen fanden erst 1947 wieder zusammen. Vor dem Krieg waren dem VTHC auch die Hockeyspieler angeschlossen, doch weil die nach 1945 bei GW Viersen eine neue Heimat gefunden hatten, wurde beschlossen, den 1896 gegründeten Tennisclub zunächst in seiner ursprünglichen Form wieder aufleben zu lassen. Dann machten sich die Mitglieder schnell daran, die Tennisplätze neben dem Friedhof am Hoserkirchweg auf Vordermann zu bringen. "Die Startbedingungen waren immens schwierig. Es gab weder Bälle noch Schläger; Altes wurde geflickt und auf Umwegen Ersatz beschafft", heißt es auf der Homepage des VTHC unter Historie. Der reguläre Spielbetrieb konnte erst im Jahr 1949 wieder aufgenommen werden.

Ein sportliches Aushängeschild der Stadt Viersen waren auch die Feld-Handballer des Turn- und Spielvereins Viersen-Rahser, die sich schon bald mit dem Titel Westdeutscher Pokalsieger schmücken durften. Erfolge, die den Verein auch für den Nachwuchs attraktiv machten. Alfred Boeken begann 1948 beim TuSpi mit dem Handballspielen, viele Kinder und Jugendliche schauten sich sonntags die Spiele an: "Wir waren erst um 11 Uhr beim TuSpi, um 15 Uhr haben wir uns bei GW Fußball angeschaut", erzählt Fritz Meies. Besonders gut sind ihm noch die gewaltigen Freiwürfe von Josef Bongen in Erinnerung. Woher der seine Kraft hatte, lag auf der Hand. Denn er war auch in der Leichtathletik aktiv und holte sich einmal im Krieg (1943) und zweimal danach (1949 und 1950) den DM-Titel im Kugelstoßen.

Alfred Boeken und Fritz Meies können sich noch gut daran erinnern, dass auch für die Sportvereine mit der Währungsreform 1948 organisatorisch vieles leichter wurde. 1949 war im Amateurfußball die Neuordnung abgeschlossen, GW Viersen spielte in der Amateurliga, Germania startete darunter in der Bezirksklasse. Zu einem Zeichen für den Willen der Viersener Sportler zu Neuanfang und Wiederaufbau geriet die Sportanlage am Hohen Busch, die 1956 mit dem Bau der Umkleiden fertiggestellt wurde.

Quelle: RP
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