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Johannes Steiff
"Falsche Versprechen, unnötige Behandlungen"

Johannes Steiff: "Falsche Versprechen, unnötige Behandlungen"
FOTO: Busch
Viersen. Warum hat das Krebszentrum in Bracht gerade niederländische Patienten angesprochen? Johannes Steiff, Oberarzt am AKH, erklärt, wo die Unterschiede der Länder in den Behandlungen liegen und was einen guten Onkologen ausmacht

Brüggen/Viersen Zwei der Patienten, die nach der Behandlung im Brachter Krebszentrum starben, kamen aus den Niederlanden, eine weitere Patientin aus Belgien. Der Betreiber des Zentrums betreute viele austherapierte niederländische Patienten. Warum zog der Heilpraktiker, gegen den wegen fahrlässiger Tötung in drei Fällen und Körperverletzung in zwei Fällen ermittelt wird, vor allem niederländische Patienten an? Johannes Steiff ist Onkologe am Allgemeinen Krankenhaus Viersen (AKH). Er erklärt, worin sich die Krebsbehandlung in Deutschland und den Niederlanden unterscheidet und warum Onkologen ein besonderes Verhältnis zu ihren Patienten haben.

Hatten Sie persönlich Kontakt zum Krebszentrum im Bracht?

Steiff Nein, aber ich weiß, dass zwei meiner Patientinnen mit einem inoperablen Befund sich dort haben behandeln lassen.

Was ist aus ihnen geworden?

Steiff Das kann ich nicht sagen. Eine Weile liefen die schulmedizinische und die alternative Behandlung parallel. Sie sind aber nicht in Bracht hängengeblieben, sondern zu anderen Heilpraktikern gewechselt und haben dann die Behandlung bei uns im AKH abgebrochen, was aber auch nicht der Empfehlung der Heilpraktiker entsprach.

Das Brachter Krebszentrum hat überwiegend austherapierte niederländische Krebspatienten angesprochen. Warum ausgerechnet aus dem niederländischsprachigen Raum? War das - zynisch ausgedrückt - eine Art Marktlücke?

STeiff Es scheint da ein einen besonderen Bedarf gegeben zu haben.

Gibt es Unterschiede in Deutschland und den Niederlanden?

Steiff Die Niederlande sind in der Onkologie sehr gut aufgestellt, aber es gibt Unterschiede im Verlauf einer palliativen Behandlung. Das habe ich in meiner Zeit an einem Osnabrücker Krankenhaus in der Nähe der Grenze erfahren. Dorthin kamen ebenfalls viele austherapierte Niederländer. Man unterscheidet in der Onkologie mehrere Behandlungslinien: erste Linie, zweite Linie bis hin zur mehrfachen Linie. Die erste Behandlungslinie erfolgt nach der Erstdiagnose. Dann wird überlegt, ob Chemo, Bestrahlung, Operation oder Anderes helfen könnte. Kehrt der Tumor zurück oder wächst unter der ersten Behandlungslinie der Tumor weiter, erfolgt die zweite Linie, dann die dritte und so weiter. In Großbritannien wird ab der zweiten Linie nach einem Punktesystem erwogen, wie sich der Überlebensvorteil des Patienten in Relation zu den Kosten verhält. Da spielen etwa die Prognose, das Alter, Vorerkrankungen und der Gesundheitszustand eine Rolle. Dann kann es sein, dass eine Behandlung schlussendlich abgelehnt wird. In den Niederlanden ist das nicht so extrem, aber die Behandlungen ferner der zweiten Linie werden ebenfalls restriktiver gehandhabt.

Das klingt hart ...

Steiff Ich glaube, dass wir Onkologen in Deutschland uns sehr schwer damit tun, einem Patienten zu sagen, dass wir nichts mehr für ihn tun können. Da muss man sich als Arzt seine Ohnmacht eingestehen.

Das bedeutet auch, dass man als Onkologe ab einem bestimmten Zeitpunkt eine persönliche Einschätzung über Sinn oder Unsinn einer Behandlung abgeben muss ...

Steiff Ja, das ist so. Natürlich entscheidet letztlich immer der Patient, aber es kommt ein Punkt, an dem von mir als Arzt eine persönliche Stellungnahme gefragt ist.

Was halten Sie als Schulmediziner von alternativen Heilmethoden?

Steiff Es gibt ergänzende Methoden etwa aus der Pflanzenheilkunde oder mit Vitaminen, die sich positiv auf die Lebensqualität auswirken und lebensverlängernde Effekte haben. Speziell bei Krebs werden oft Mistelextrakte eingesetzt.

Können Sie den Zulauf auf das Brachter Zentrum nachvollziehen?

STeiff Die Onkologie ist in einer Hinsicht sehr speziell: Zwischen dem Patienten und dem behandelnden Arzt gibt es eine sehr intensive Beziehung, die sich auch aus der Verzweiflung speist. Der Patient hat nicht unendlich viel Lebenszeit. Da wird häufig viel Hoffnung und viel Vertrauen in den Behandelnden gesetzt. Das gilt für Schulmediziner wie für Heilpraktiker. Es kommt in beiden Fällen vor, dass dieses Vertrauen durch falsche Versprechen, unnötige und teure Behandlungen missbraucht wird.

Auch von Schulmedizinern?

Steiff Auch Ärzte empfehlen bisweilen unnötige Therapien. In den USA bemisst man die Qualität eines Onkologen daran, wie viele Therapien er 14 Tage vor dem Tod eines Krebspatienten noch durchgeführt hat. Je weniger Therapien, desto besser der Onkologe, weil er den Verlauf der Erkrankungen richtig eingeschätzt hat.

Ist Ihnen als Mediziner ein alternatives Krebszentrum suspekt?

Steiff In der alternativen Krebstherapie wird oft mit guten Ideen, Erfahrungen und Bauchgefühl gehandelt. Ich vermisse dort aber die Bemühungen, Behandlungsmethoden zu belegen und zu differenzieren. Als Onkologe wächst man damit auf, dass jedes Medikament Gift ist und dass die Kunst in der richtigen Anwendung und richtigen Dosierung liegt.

Auf der Internetseite des Brachter Heilpraktikers stand seinerzeit "100 % biologisch". Ist das seriös?

Steiff Schwierig und eher eine Bauernfängerei. Es gibt so viele biologische Substanzen - auch zuhauf in der Schulmedizin, die hochgiftig sind wie etwa Fingerhut. Trabectedin (geschützter Firmenname Yondelis) beispielsweise ist das das tödliche Gift eines Tiefseefisches, aber es wird in der Onkologie gegen Weichteilkrebszellen eingesetzt.

SABINE JANSSEN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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