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Schwalmtal
Flüchtlingen geben, was sie brauchen

Schwalmtal. Aga Laszewski arbeitet bei der katholischen Pfarrgemeinde in Waldniel als Flüchtlingsberaterin. Sie erklärt Kindern aus anderen Ländern den Schulweg und zeigt Erwachsenen den Weg zur Kleiderkammer. Vor allem organisiert sie viel. Von Birgitta Ronge

Das Pfarrhaus in Waldniel ist die Schaltzentrale. Von dort aus organisiert Aga Laszewski Hilfe für Flüchtlinge, die nach Schwalmtal gekommen sind. Rund 210 Asylbewerber gibt es derzeit in der Gemeinde. Sie kommen aus vielen verschiedenen Ländern, unter anderem aus Syrien, Iran, Irak, Afghanistan, Eritrea, aus Albanien, Georgien oder der Mongolei. Alleinstehende Männer sind darunter, alleinerziehende Frauen mit Kind, Familien. Laszewski kennt ihre Bedürfnisse, denn sie fragt, was sie brauchen. Und das beinahe täglich.

Seit dem 1. September ist die Schwalmtalerin bei der katholischen Pfarrgemeinde angestellt, um sich um die Flüchtlingsberatung zu kümmern. Finanziert wird ihre Tätigkeit, die 15 Stunden pro Woche umfasst, von der Zivilgemeinde Schwalmtal und vom Bistum Aachen. Seit Jahren schon gab es solch eine Anlaufstelle im Pfarrhaus, berichtet Pfarrer Thorsten Aymanns. Die Stelle umfasste fünf Stunden pro Woche. Mit den steigenden Flüchtlingszahlen war das viel zu wenig. Das sind 15 Stunden eigentlich auch noch: Würde man sie ausweiten zur Vollzeitstelle, Arbeit gäbe es genug, sagt Aymanns. Auch für eine zweite und dritte Kraft.

Laszewski unterrichtete zuvor an einer Realschule. Manche Kenntnisse aus dieser Zeit kommen ihr bei der neuen Tätigkeit nun zugute: Kommen Flüchtlingsfamilien nach Schwalmtal, versucht sie, gemeinsam mit Eltern und Lehrern herauszufinden, in welche Klasse das Kind gehen kann. Eine Lösung für alle gibt es nicht, dafür sind die Kenntnisse, die die Kinder aus den verschiedenen Ländern mitbringen, zu unterschiedlich, und nicht jedes Kind hat in seinem Heimatland überhaupt eine Schule besucht.

Zu Laszewskis Aufgaben "rund um Schule" gehört auch die Organisation der Dinge, die ein Schulkind braucht: Tornister, Turnbeutel, Sportkleidung, Badesachen für den Schwimmunterricht. Nicht zuletzt geht Laszewski mit Eltern und Kindern auch den Schulweg ab und erklärt, worauf man achten muss. Oder sie zeigt ihnen, wie man mit dem Bus zur Schule fährt, wie man einen Fahrplan liest.

Flüchtlinge aus den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes werden der Gemeinde Schwalmtal zugewiesen. Erste Anlaufstelle für die neu Angekommenen ist das Sozialamt bei der Gemeindeverwaltung im Rathaus. Dort kümmern sich die Mitarbeiter um die Formulare und die Unterbringung der Flüchtlinge.

Dann ist Laszewski gefragt. Sie kümmert sich um die grundlegenden Dinge. "Die Leute kommen oft nur mit dem an, was sie am Leib tragen", sagt Laszewski. "Die Menschen stehen draußen an der Bushaltestelle und frieren. Sie haben keine Jacken." Also zeigt die Flüchtlingsberaterin ihnen den Weg zur Kleiderkammer im Pfarrzentrum. Sie erklärt den Eltern, dass sie Kleidung für Kinder und Jugendliche in der Boutique "Wie neu" am Bethanien Kinderdorf erhalten. Sie zeigt den neu Angekommenen den Weg zur Tafel, erklärt, dass im Supermarkt die günstigen Sachen eher unten und die teuren eher oben im Regal stehen, organisiert Möbel, Bettwäsche, Geschirr. Sie erklärt, wo Ärzte sind, stellt Anträge für Kita-Plätze und kümmert sich darum, dass Schriftstücke übersetzt werden.

Mittwochs vormittags öffnet sie die Pfarrhaustür zur Sprechstunde für Flüchtlinge, die mit den unterschiedlichsten Anliegen kommen. Auch fährt sie zu den Unterkünften und fragt, was gebraucht wird. Sie geht nicht in die Zimmer und notiert, was fehlt, sagt Laszewski: "Wir sollten nicht entscheiden, was die Menschen brauchen." Besser sei es zu fragen: "Wie kann ich Ihnen helfen? Was brauchen Sie?"

Diese Frage hilft auch den Helfern. Denn je mehr Dinge gespendet werden, ohne dass man weiß, dass ein bestimmter Mensch diese Sache jetzt braucht, desto mehr Kraft, Zeit und Platz brauchen diese Dinge. Ehrenamtliche Helfer müssen die gespendeten Sachen sortieren, zusammenlegen, in Regale räumen. Bei Kleidung geht das noch, bei anderen Sachen ist das schwierig, sagt Laszewski. Wie viele Teller oder Töpfe kann sie irgendwo abholen und lagern, bis sie benötigt werden? Das würde Zeit und Platz kosten. Daher baut sie nun eine Art Kartei im Pfarrhaus auf. Auf Zetteln notiert sie, wer eine Spende anbietet. Sie schreibt zum Beispiel auf, dass auf dem Speicher von Frau Schmitz in Amern ein sechsteiliges Service wartet. Oder dass bei Familie Müller in Dilkrath ein zweisitziges Sofa steht. Gibt es eine Flüchtlingsfamilie, die dies benötigt, kümmert sich Laszweski um den Transport.

Darüber, wer was braucht und wo man selbst vielleicht Hilfe benötigt, sprechen Laszewski und die Mitarbeiter des Sozialamts regelmäßig. Wichtiger Teil des Hilfe-Teams sind auch die Ehrenamtler im ökumenischen Asylkreis Schwalmtal, die sich zum Beispiel um Verfahrensberatung und Sportangebote, Deutschkurse und die Fahrradwerkstatt kümmern. Die Zusammenarbeit aller Helfer funktioniere in Schwalmtal sehr gut, sagt Laszewski. In der Runde beim Sozialamt habe es am Morgen noch geheißen: "Wir sind gefordert, aber nicht überfordert." Und Laszewski ist überzeugt: "Wenn wir alle vernünftig miteinander arbeiten, kriegen wir das schon hin."

Dass die Helfer sich immer wieder treffen müssen, um miteinander über die Organisation der Hilfe zu sprechen, ist aufwendig. Doch es bildeten sich Netzwerke, sagt Aymanns, man könne auf mehr Gruppen und Vereine, mehr Menschen zugreifen, als das allein die Zivilgemeinde, allein die Pfarrgemeinde oder allein ein Verein könnte. Gleichwohl lernt man vieles erst beim Tun. Auch die Helfer müssen sich an die besten Wege zu helfen erst herantasten. "Unsere Systeme sind für eine so große Zahl Hilfesuchender nicht gemacht", hat der Pfarrer festgestellt. "Wir müssen improvisieren. Schon ein Karton Handtücher kann uns vor ein Problem stellen, weil wir nicht wissen, wo wir ihn lagern sollen." Platz sei ohnehin das größte Problem: "Wir brauchen Platz, Platz, Platz", sagt Aymanns. "Wohnungen für Flüchtlinge, Lagerräume für die Spenden, Werkstätten für die Fahrräder."

Allerdings reichten alle Hilfsbereitschaft nicht aus, wenn man nicht dagegen spreche, wenn jemand etwas gegen Flüchtlinge sage, mahnt Aymanns. Das sage er inzwischen bei jedem Gottesdienst: "Wir müssen mutig sein und den Mund aufmachen, wenn sich zum Beispiel im Supermarkt jemand darüber mokiert, dass die Asylbewerber da vorne den Einkaufswagen aber ziemlich voll haben."

Quelle: RP
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