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Viersen
Freier Blick

Viersen: Freier Blick
Der Ausblick vom Kirchturm St. Remigius über Viersen und Umgebung. Links ist die Rektoratstraße mit der Generatorenhalle zu sehen. Bei gutem Wetter sollen die Besucher sogar bis zu 35 Kilometer weit blicken können. FOTO: Jörg Knappe
Viersen. 162 Stufen bis nach oben — vom Remigiusturm aus geht der Blick bis zu 35 Kilometer weit Von Angela Wilms-Adrians

Aus luftiger Höhe präsentiert sich Viersen mit viel Grün. Der Aufstieg bis unter die Kirchturmspitze von St. Remigius ist zwar eng und steil, doch es lohnt sich: Vier Fenster geben den Blick frei über die Dächer von Viersen und das Umland.

Ein mit Wasser gefüllter Zinkeimer, aufgehängt an einem Seil, überrascht in dieser Nachbarschaft. Doch seine Funktion ist schnell erklärt: "Das ist die einfachste Maßeinheit, um zu sehen, ob der Turm wackelt", sagte Rudolf Hünnekes. Der ehemalige Küster geleitete eine Gruppe von mehr als 20 Erwachsenen und Kindern den rund 61 Meter hohen Turm hinauf. Hünnekes scheint jeden Stein zu kennen, weiß viel über die Historie des Turms und manche Anekdote zu erzählen. Auf dem Weg nach oben führte Hünnekes die Besucher auch in die diversen Turmzimmer sowie über den hölzernen Steg, der über dem Mittelschiff der Kirche liegt, und schließlich hinauf in das enge Zimmerchen mit Fensterblick in vier Himmelsrichtungen. Von dort oben gelangt der Besucher nur noch über eine angelehnte, wacklige Holzleiter bis zur Spitze mit dem Kirchturmhahn. Doch das Wagnis sollte den ganz Mutigen vorbehalten bleiben.

In einem Turmzimmer haben einige ausgediente Orgelpfeifen ihre letzte Ruhe gefunden. Gäste aus Israel seien immer erst erschrocken, diese zu sehen, sagte Hünnekes. Dabei hielt er eine der Pfeifen so, dass sie schon an ein gefährliches Wurfgeschoss erinnern konnte. Dann aber blies er hinein und assoziierte mit recht tiefem Ton Schiffssignal und Fernweh.

Hünnekes verwies auf die Betonverstärkungen, die 1930 an den Innenseiten der Mauern angebracht wurden, um den Turm zu retten. "Es war schon gut, dass man damals aus Sorge auf den Rat zur Verstärkung der Wände gehört hat", sagte er. "In Goch ist ein Kirchturm umgefallen, bei dem man zuvor mit den Händen in die Risse hatte greifen können." Beim Blick auf den riesigen Uhrenkasten verriet er, dass das Geläut und das Schlagen der Uhrzeit inzwischen computergesteuert sind. "Wenn es denn der Computer auch tut", merkte Hünnekes mit schelmischem Lächeln an. Und er erzählte von einem nächtlichen Läuten aller Glocken, ausgelöst durch einen technischen Fehler.

Nebenbei bescherte der Blick auf die Wände in den Turmkammern und im Aufgang eine Zeitreise. Hier ist vieles aufgehoben und gesammelt, das vom früheren Kirchenalltag erzählt, hier und da eine Heiligenfigur, alte Pfarrbriefe, Bilder aus Nachlässen, aber auch Dinge, die der Küster auf dem Trödel erworben hat, weil sie ihm passend zum Ambiente schienen.

Ein Vater entdeckte die kleineren Kirchenbänke, die einst vorne im Kirchenschiff für die Kinder gestanden hatten und auf denen er in jungen Jahren oft gesessen hatte. Beeindruckt bestaunten die Turmbesteiger die Glocken, von denen die St.-Remigius-Glocke die größte ist. Sie gibt den Stundenschlag an. Hünnekes berichtete in der Glockenkammer, dass die Marienglocke den Zweiten Weltkrieg überstand, während viele Glocken aus der Vorkriegszeit 1942 eingeschmolzen und zu Waffen verarbeitet wurden. Der Altküster berichtete auch, dass die Marienglocke an Weihnachten 1945 erstmals wieder erklang, dabei allerdings einen Schaden am Turm verursachte.

Der Viersener Christoph Korb hat den Turm von St. Remigius schon häufig bestiegen. Diese Mal hatte er seine Familie mitgebracht. "Schön ist der Blick von oben auf das eigene Haus, und das Historische ist sehr interessant", sagte er.

Quelle: RP
 
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