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Schwalmtal
Fußball macht Flüchtlinge zu einem Team

Schwalmtal: Fußball macht Flüchtlinge zu einem Team
Peter Heister (7.v.l.) übergab die Trikots an das Fußballteam der "Sportfreunde Waldniel" um Trainer Meiry Hakimi (5.v.r.) auf dem Platz des SC Waldniel. FOTO: Busch
Schwalmtal. 22 Männer gehören zur Fußballmannschaft der "Sportfreunde Waldniel". Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, aus der Mongolei oder Eritrea. Ihre gemeinsame Sprache sind die Fußballregeln. Und die vermittelt Trainer Meiry Hakimi mitunter mit Händen und Füßen. Von Birgitta Ronge

Auf dem Sportplatz vergessen sie ihre Geschichte. Wenn Meiry Hakimi pfeift, dann wissen die 22 Männer: Jetzt geht es los. Und dann geht es nicht darum, wie es den Verwandten in Syrien oder in Afghanistan gerade geht, ob man einen Job findet in Deutschland und ob man überhaupt hier bleiben darf. Es geht nur darum, dass der Ball ins Tor muss.

Meiry Hakimi kam 1981 mit seiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland. Längst spricht Hakimi fließend Deutsch, er fühlt sich hier wohl. Hakimi spielt bei den alten Herren der Reisemannschaft Ungerath, und seit 15 Jahren engagiert sich der einstige Flüchtling im Asylkreis Schwalmtal für andere Flüchtlinge . Das ist für ihn selbstverständlich: "Wenn jeder ein bisschen tut, dann kann die Gemeinde doch nur blühen", sagt Hakimi schlicht.

Im Frühjahr gründete der Asylkreis Schwalmtal die Fußballmannschaft für Flüchtlinge. Die Spieler nennen sich "Sportfreunde Waldniel" und trainieren auf dem Ascheplatz des SC Waldniel. Wie viele Spieler zur Mannschaft gehören, ändert sich laufend, und manchmal sind auch Gastspieler aus anderen Orten dabei. Im Augenblick jedenfalls bilden 22 Spieler die "Sportfreunde Waldniel". Sie kommen aus verschiedenen Ländern: aus Syrien, Pakistan, Afghanistan, Mazedonien, Nigeria, Ghana, Montenegro, Eritrea, Guinea und der Mongolei. Ihre gemeinsame Sprache sind die internationalen Fußballregeln, die Trainer Meiry Hakimi mitunter mit Händen und Füßen vermittelt. Manche Begriffe haben sich längst eingeprägt: "Wenn ich sage, das war ein Foul, dann war das ein Foul", sagt Hakimi. Das verstehe jeder, und da gebe es bei ihm keine Diskussionen. Auf dem Platz hat Hakimi Recht - er ist auch Schiedsrichter. Unter den Flüchtlingen sind echte Talente, hat Hakimi festgestellt: "Man sieht, dass viele in ihrer Heimat schon Fußball gespielt haben", sagt er. Und die beiden Männer aus der Mongolei seien richtige Techniker, "da habe ich fast Angst, dass der SC Waldniel sie mir wegnimmt".

Mit der Gründung des Fußballteams wollte der Asylkreis Schwalmtal Flüchtlingen die Möglichkeit geben, für eine Weile dem oftmals langweiligen, tristen Alltag in der Unterkunft entfliehen zu können. "Sie sind aus ihren Ländern geflohen, haben alles zurückgelassen und oftmals Schreckliches erlebt", beschreibt Hakimi die Situation. "In ihren Unterkünften sind sie sich selbst überlassen mit ihren Gedanken und ihrem Leid."

In diesen Momenten sei es wichtig, mal "abzuschalten", Sorgen und Ängste für ein paar Stunden vergessen zu können. Fußball sei dafür perfekt geeignet. Hakimi: "Während des Spiels vergessen die Flüchtlinge die Kriege der Welt. Sie vergessen, dass sie auf der Flucht sind. Sie vergessen, dass sie alleine sind, ohne Familie oder Freunde. Sie vergessen, dass sie fremd sind. Beim Fußball bilden sie eine Mannschaft, ein Team. Da ist jeder wichtig! Im Team gehört man zusammen."

Um zu zeigen, dass sie zusammengehören, wünschten sich die Flüchtlinge Trikots. In Peter Heister, Inhaber von Sport Heister, fanden sie einen Sponsor. Er stiftete 14 Spielersets mit Trikot, Hose und Stutzen sowie ein Torwart-Set. Dadurch können die Männer, die bislang alle zum Training etwas anderes trugen, manche gar in Jeans aufliefen, nun zum Spiel die Trikots tragen. Er sei von Freunden angesprochen worden, ob er nicht helfen könne, erzählt Heister. Gern habe er den Asylkreis und das Flüchtlingsteam unterstützt: "Wenn jeder in seinen Möglichkeiten ein bisschen tut, kommen wir alle weiter." Dass sie jetzt Trikots haben und so als Team zu erkennen sind, macht die Flüchtlinge sichtlich stolz - und gespannt: Mit den Trikots werden sie gegen anderen Mannschaften spielen können. Wie werden sie sich als Team schlagen, wenn etwa die Reisemannschaft Ungerath zum Turnier auffordert?

Die Trikots, Hosen und Stutzen wird nun zunächst Hakimi mit nach Hause nehmen, um sie zu waschen. Reihum soll die Kleidung aber nach dem Training von denjenigen zum Waschen mitgenommen werden, die in einer Unterkunft wohnen, "damit sie auch lernen, dass man als Team gemeinsam dafür verantwortlich ist", sagt Hakimi. Für seine Mannschaft und die Flüchtlinge, die vielleicht in Zukunft noch mitspielen werden, wünscht er sich jetzt noch Sportkleidung, damit keiner mehr in Jeans spielen muss, und vor allem Fußballschuhe, die für den Ascheplatz geeignet sind. Auch Schienbeinschoner wären hilfreich - so mancher hat sich beim Training schon blaue Flecken geholt.

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Quelle: RP
 
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