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Viersen
"Geborgenheit riecht nach Hühnersuppe"

Viersen: "Geborgenheit riecht nach Hühnersuppe"
Markus Orths FOTO: Peter Hassiepen
Viersen. Autor Markus Orths über seine Kindheit in Viersen, die bedingungslose Liebe der Eltern und ein Zuhause-Gefühl, das man nie vergisst Von Markus Orths

Jetzt wird das Haus abgerissen. Das Zuhause meiner Kindheit. Vater verstorben, Mutter ausgezogen, das Haus bald in Trümmern, ein neues entsteht, am selben Ort, immerhin das, der Ort bleibt. Dieses weiße Haus in der Krefelder Straße, der große Hof, der weite Garten, die Felder nebenan, die Stimme meiner Großmutter, die Eltern, die Geschwister: Das ist Heimat für mich.

Wir rannten raus aufs schwarze, abgeerntete Feld, wir rissen die Strünke des gemähten Getreides aus der Erde, Stoppelschlachten mit den Nachbarn, den Freunden. Wir spielten Fußball und nannten uns: 1. FC Knickebein.

Wir stibitzten Feuerzeuge, versuchten, Strohhalme als Zigaretten anzuzünden, kein Rauch erreichte je unsere Lungen. Wir spielten am verbotenen Bahndamm und in der feuchtnassen Unterführung zum Schrottplatz, bewacht von einem riesigen Hund, von dem wir immer nur das Bellen hörten, doch das Bellen klang einfach so, als müsse er riesig sein, der Hund. Der Garten, der Hof, der kleine, uralte Springbrunnen mit einem runden Becken aus Mosaiksplittern, in dem langatmige Fische ihre Runden drehten, ehe der Reiher kam. Wir tobten durch den Garten und sprangen über Blumenbeete.

Meine Mutter hielt alles zusammen, nicht leicht bei drei Kindern. Sie brachte uns bei, die Dinge zu Ende zu bringen. Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nie auf morgen. Das liegt fest verschnürt in mir. Ohne sie gäbe es mit Sicherheit weit mehr Textanfänge und unfertige Texte in meinem Computer. Meine Mutter lehrte uns die Grundregeln des Lebens: Ist die Gabe noch so klein, dankbar muss man immer sein. Und: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es hinaus. Meine Mutter sorgte sich unermüdlich um ein Zuhausegefühl: Geborgenheit riecht nach frisch gebügelter Wäsche, nach Hühnersuppe, nach Knödeln mit Vanillesoße, und immer gab es Nachtisch, Tutti Frutti, Schokopudding, Erdbeeren mit Sahne und Orangen-Quark.

Und mein Vater? "Spielen wir bis zehn?", fragte ich ihn oft, als Kind. Die Tür im Hof, die uns als Tor diente, eins gegen eins, und mein Vater ließ mich gewinnen. Anfangs merkte ich es nicht. Ich hielt meine Siege für wirkliche Siege. Doch je älter ich wurde, umso mehr durchschaute ich ihn; je älter ich wurde, umso schwerer fiel es meinem Vater auch, mich gewinnen zu lassen.

Einmal, kurz vor knapp, da wollte er wirklich gewinnen, ich war zwölf Jahre alt, aber ich setzte mich durch und schoss das entscheidende Tor. Der erste echte Sieg. Und er sagte: "Das hast du gut gemacht, Markus." Mein Vater, der fast 1000 Geschichten verfasste, für Kirchenzeitungen und Magazine, er setzte sich hin und schrieb einen Text, den ich sehr mag, er nannte ihn: Spielen wir bis zehn?

Heimat ist Rückhalt. Heimat ist bedingungslose Liebe. Heimat ist der nimmermüde Versuch meiner Eltern, mich zu unterstützen bei dem, was ich tue. Zu meiner Mutter sagte ich zu Beginn meines Studiums in Freiburg, recht kämpferisch: "Ich stelle jetzt alles in Frage, was ihr mir beigebracht habt!" Meine Mutter antwortete in höchster Gelassenheit: "Ja, tu das ruhig, Markus."

Anfang dreißig teilte ich meinen Eltern mit, dass ich den Lehrerberuf hinwerfen wolle, um Schriftsteller zu werden. Mein Vater lächelte, nickte, und meine Mutter sagte: "Gott sei Dank! Für einen Lehrer bist du sowieso viel zu sensibel." Heimat ist für mich genau dieser Rückhalt und die uferlose Unterstützung. Und kein Mensch, das kann ich wirklich sagen, kein Mensch hat sich mehr für meine Texte, für mein Schreiben interessiert als mein Vater: Seine eigenen Texte wurden ihm immer unwichtiger, über meine Bücher aber wollte er alles wissen, er las jede einzelne Korrekturfahne gewissenhaft und fand Fehler, die der professionelle Korrekturleser übersehen hatte. Jedes Stipendium, jede Veröffentlichung, jeden Artikel, er wollte alles wissen, wollte gar nicht mehr selber 'gewinnen', er wollte, dass ich gewinne, von Text zu Text.

Als mein erstes Buch erschien, schrieb er an die Viersener Lokalredaktion der Rheinischen Post, sein Sohn Markus - ein gebürtiger Viersener - habe ein Buch veröffentlicht, das man doch bitte besprechen solle. Ich schimpfte und sage: "Papa, das kannst du nicht machen, das ist doch peinlich!" Er entgegnete: "Wieso, du musst doch bekannt werden, das muss unter die Leute!" Ich rief: "Aber ich kann doch nicht meine eigenen Bücher anpreisen, Papa!" Mein Vater sagte: "Na, deshalb mache ich das ja!" Ich murmelte: "Aber das ist doch dasselbe, Papa, das ist doch dasselbe, du bist mein Vater, das ist doch dasselbe."

Mein Vater starb vor zwei Jahren, aber es bleibt vieles, woran ich mich erinnern kann. Auch wenn jede Erinnerung immer Ver-innerung ist, Ver-sehen, geschönt, begradigt wie unser Flüsschen Niers mit seinen endlosen Pappelreihen, so gibt es doch einen Kern, diese Grundstimmung grenzenloser Geborgenheit. "Ich würde den Opa so gerne noch mal sehen!", sagte mein eigener Sohn kurz nach dem Tod meines Vaters. "Das geht jetzt nicht mehr", antwortete ich.

Für ein Kind schwer zu verstehen, schwer zu ertragen. So bleibt als Trost nur die bekannte, die einfache, aber wahre Einsicht, dass wir auch nach dem endgültigen Abschied eines geliebten Menschen diesen wie einen Heimat-Anker weiter in uns tragen, in Gedanken, Gefühlen und in dem, was uns dieser Mensch geschenkt hat an Zeit, Liebe, Geduld und Zugewandtheit. "Ich bin ja noch da", sagte ich zu meinem Sohn. "Und solange ich noch da bin, ist auch der Opa noch da. Mit mir. Bei mir."

Denn ich kann von ihm erzählen, über ihn schreiben, einen Teil der verlorenen Heimat heraufbeschwören, mit eigenen Worten, oder mit Fotos, die er selber machte, mit den Texten, die er selber schrieb, mit den Witzen, die er nimmermüde wiederholte, und mit seinem Lachen über diese Witze, das ich immer noch höre.

Das Lachen, der Humor, die Lebensfreude, das ist etwas, das mich vielleicht am stärksten geprägt hat. Vor allen Dingen präsent in der Stimme meiner Großmutter Elisabeth Orths. Die reden konnte wie keine zweite. Stundenlang. "Von et Hölzke up et Stöckske", sagte man. Und ihr zu Ehren habe ich einige "Niederrheintexte" geschrieben, in denen eine ältere Dame vor sich hin monologisiert. Und auch wenn sich inhaltlich die Texte gewandelt haben und ich sie mehr und mehr auf Pointe hin schreibe, auch wenn ich bei diesen Texten mehr und mehr ins Erfinden und Fabulieren gerate, so ist und bleibt doch der Tonfall der meiner Großmutter, und der ging so:

"Ja, wenn wir mal nichts zu tun haben, dann machen wir eine Fahrradtour, und letzte Woche waren wir in Oedt, und der Weg dahin, der ist herrlich, so über die Felder, aber in Oedt selber, da ist es richtig langweilig, und die Städte, die heißen ja genauso, wie es da zugeht, das ist kein Zufall mit den Namen, in Krefeld gibt es immer so viele Krähen auf den Feldern, wenn man da vorbeifährt, und die Leute aus Willich, die tun ja alles, was du denen sagst, und besonders freundlich sind die Leute in Nettetal, und nach Anrath zu ziehen, sagt man, das kann man auch keinem anraten, und Viersen, ja, Viersen, das wurde damals von vier Senioren gegründet, das sieht man heute noch, wenn man da durch die Stadt läuft. Und bei manchen Städten gibt es so richtige Geschichten, wie die Stadt zu dem Namen gekommen ist, das geht zurück bis ins Mittelalter, da gab es so einen Benediktinerbruder mit Kutte und Zensur und allem Drum und Dran, und der lief durch den Winterschnee, und es war eisig und bitterkalt, und da musste der ein kleines Flüsschen überqueren, das war aber zugefroren, das Flüsschen, und als er da rüber wollte, rutschte der Bruder dauernd aus und fiel immer wieder hin, das war auch spiegelglatt auf dem Eis, und da kamen jetzt zufällig die Stadtgründer vorbei, und die suchten noch nach einem Namen für die neue Stadt, und da sahen die den Benediktiner, der die ganze Zeit auf dem Eis ausrutschte, und da mussten die auch lachen, neenee, rief der eine Stadtgründer, guck mal, der Mönch in dem glatten Bach, und dann haben die den Ort auch so genannt: Mönchengladbach."

Dies war ein Blick auf die Sonnenseite der Heimat. Natürlich gab es, wie in jeder Heimat und bei allen Familien auch eine Schattenseite. Es muss sie geben, diese Schattenseite. All das, wogegen man ankämpft, wovon man sich abgrenzt, all das, was einem als eng und lähmend erscheint. Davon wollte ich schweigen. Es gehört zum eigenen Kampf des einzelnen Menschen in der Welt. Ich wollte den Blick lenken auf das wohltuende Zuhausegefühl, auf das, was meinem Leben eine Grundlage gab, eine tiefe Wärme, ein Aufgehobensein, das Gefühl, nicht allein zu stehen im Wind der Widrigkeiten, das Gefühl, dass da jemand und etwas ist, Orte, die zu mir gehören, mit denen ich verwurzelt bin, Stimmen und Menschen, denen ich vertrauen kann, die mir vertraut sind und die im Erinnerten bleiben, bis zum Ende und darüber hinaus.

Der Autor Markus Orths, Jahrgang 1969, wurde in Viersen geboren. Er lebt mit seiner Familie in Karlsruhe.

Quelle: RP
 
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