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Viersen
Geheimversteck in der Orgel

Viersen: Geheimversteck in der Orgel
Im Spieltisch lagen Zigaretten. FOTO: LVR-Klinik Viersen
Viersen. Seit mehr als hundert Jahren waren sie verborgen im Spieltisch der Klais-Orgel: Karten und Flugblätter aus dem Ersten Weltkrieg. Organist Jürgen Schröder fand sie bei der Restaurierung Von Daniela Buschkamp

Mit vielem hat Jürgen Schröder, Organist in der Johanniskirche, gerechnet, seitdem dort die historische Klais-Orgel in Einzelteile zerlegt wurde. Denn: "Es fällt immer mal ein Liedzettel zwischen die Pedale", sagt Schröder aus Erfahrung. Doch was er fand, ließ den Organisten und Lehrer staunen: ein Paket, das seit mehr als hundert Jahren niemand mehr in den Händen gehalten hatte.

Direkt am Spieltisch, wo der Organist sitzt, entdeckte Jürgen Schröder einen fest verschnürten Papierstapel. Er entwirrte die Schnur, entfernte das vergilbte Packpapier - und in seinen Händen lag ein ganzer Stapel mit historischen Papieren. "Zuoberst lagen einige Liederzettel aus den 1940er Jahren, auf denen noch die alte Bezeichnung ,Anstalt Johannistal' vermerkt war", schildert der Organist. Dicht zusammengepackt waren Kriegskarten, die unterschiedliche Frontverläufe des Ersten Weltkriegs zeigten, sowie mehrere Ausgaben der "Kriegs- und Ruhmesblätter", dick übertitelt mit "Weltkrieg!". Diese waren in den Jahren 1914 bis 1917 vom Berliner Hilfsbund Deutscher Frauen herausgegeben worden. Ebenfalls in dem Orgelversteck: eine eingedrückte Zigarettenschachtel "Ernte 23".

Karten und Flugblätter aus der Zeit des Ersten Weltkriegs wurden im Spieltisch der Orgel versteckt. FOTO: LVR-Klinik

In der Johanniskirche, die auf dem Gelände der Süchtelner LVR-Klinik liegt, wird zurzeit die Klais-Orgel wiederaufbereitet. Kirche und Instrument stammen beide aus dem Jahr 1906. Nun waren eine grundlegende Restaurierung und auch eine Reinigung fällig. "Die Arbeiten kosten rund 31.000 Euro. Das Geld dazu stammt etwa von der Sparkassenstiftung des Förderverein der Kinder-/Jugendpsychiatrie und weiteren Spendern", erläutert Dirk Kamps als Sprecher der LVR-Klinik Viersen. Zudem habe es einige Konzterte gegeben, um die 110 Jahre alte Orgel wieder instandsetzen zu können. Das Gefährliche: Das Holz des Instruments war bereits von einer weißen Schimmelschicht befallen. "Schimmel ist bei Orgeln in vielen Gotteshäusern ein Problem ", sagt der Organist.

"Seit Juli wird bereits an dem Instrument gearbeitet", so Jürgen Schröder. Die Orgel sei deshalb vollständig in ihre Bestandteile zerlegt worden; die Empore sei komplett mit den Orgel-Fragmenten belegt.

Organist Jürgen Schröder vor der Klais-Orgel in der Johanniskirche. FOTO: LVR-Klinik

Immer wieder fährt Jürgen Schröder zu seiner Orgel, um sich über den Fortschritt der Arbeiten zu informieren - dabei entdeckte er auch zufällig die sorgsam verborgenen Papiere. "Wer sie dort versteckt hat und aus welchen Gründen, darüber kann man heute nur spekulieren", sagt der Lehrer.

Inzwischen haben die unerwarteten Fundstücke die Johanniskirche wieder verlassen und sind bei den Experten im Archiv des Landschaftsverbands Rheinland in Brauweiler gelandet. Sie sichten und prüfen die Papiere. "Eine spätere Ausstellung und Präsentation sind geplant", sagt Dirk Kamps.

Jürgen Schröder jedenfalls kann die Fortsetzung der Arbeiten kaum erwarten: Am Montag geht es weiter. "Wir wollen im Oktober fertig sein, der Termin für das erste Konzert steht bereits fest", sagt der Organist.

Worauf er sich besonders freut: wenn die außergewöhnlichen Klänge des kleinen Instruments die große Johanniskirche füllen. "Warm, weich" sei die Klangfarbe der Klais-Orgel, sagt Schröder voller Herzenswärme. Ihre technsiche Ausführung sei außergewöhnlich. Der Weg vom Ton zur Pfeife werde nicht mechanisch erzeugt, sondern pneumatisch. "Die Orgel spielt auch ohne Strom", sagt Schröder.

Quelle: RP
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