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Viersen
Gemeinden schaffen Platz für Flüchtlinge

Viersen: Gemeinden schaffen Platz für Flüchtlinge
Was Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa durchmachen, kann wohl niemand nachvollziehen, der es nicht selbst erlebt hat. Mit einem Parcours über verschiedene Untergründe, durch ein "Minenfeld" aus Ballons und die Enge in einem vollgepackten "Schlepperauto" wollte das Jugendrotkreuz in Brüggen Verständnis für die Nöte der Menschen wecken. FOTO: Busch
Viersen. In Bracht wird die Turnhalle leer geräumt, in Schwalmtal sollen bald die ersten Asylbewerber ins ehemalige Naafi-Gebäude ziehen. Von Birgitta Ronge

In Brüggen haben Mitarbeiter des Bauhofs damit begonnen, die Turnhalle am Südwall und die dazugehörigen Geräteräume freizuräumen. Turngeräte und Sport-Zubehör werden in der angrenzenden Schwimmhalle gelagert, die daher auch für unbestimmte Zeit geschlossen bleibt. Die Burggemeinde hatte Ende vergangener Woche mitgeteilt, dass die Turnhalle für die Aufnahme von Flüchtlingen vorbereitet werde. Die Gemeinde rechne damit, von der Bezirksregierung Düsseldorf im Rahmen der Amtshilfe um die Erstaufnahme von 50 bis 70 Flüchtlingen gebeten zu werden. Sollte dies nicht geschehen, werde die Turnhalle für regulär zugewiesene Flüchtlinge bereitgestellt.

Die Entscheidung, sowohl Turnhalle als auch Schwimmbad zu schließen, sei "sehr kurzfristig prophylaktisch getroffen" worden, teilte Gerd Schwarz für die Gemeindeverwaltung in Brüggen mit. Die zuständigen Mitarbeiter arbeiteten derzeit akribisch an Lösungen, um sowohl den Schulen als auch den sonstigen Nutzern von Bad und Turnhalle alternative Nutzungsmöglichkeiten anbieten zu können, so Schwarz. Für Mittwoch, 21. Oktober, plane die Burggemeinde zudem eine Bürgerversammlung zur Flüchtlingssituation. Beginn ist um 19 Uhr, der Ort soll noch bekanntgegeben werden. Brüggen zählt derzeit 208 Flüchtlinge, 52 Menschen waren der Gemeinde im September zugewiesen worden. Die Burggemeinde rechnet derzeit mit 50 regulären Zuweisungen pro Monat.

In Schwalmtal möchte die Gemeinde die Unterbringung von Flüchtlingen in einer Turnhalle als Notlösung unbedingt vermeiden. Sie hat am Dienstag ein weiteres Haus am Zoppenberg in Waldniel von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) übernommen, das nach dem Abzug der britischen Streitkräfte an die Bima zurückgegeben worden war. In mehreren Häusern am Zoppenberg hat die Gemeinde mit Hilfe der Bima auf diese Weise Flüchtlinge unterbringen können.

Außerdem hat die Gemeinde den Mietvertrag für das ehemalige Naafi-Verwaltungsgebäude an der Dülkener Straße unterschrieben, dort wäre auf drei Etagen Platz für rund 150 Menschen. Der Vertrag gilt zunächst für drei Jahre mit der Option, auf vier oder fünf Jahre zu verlängern. Die Gemeinde werde in Kürze mit der Belegung des Gebäudes beginnen müssen, machte Bürgermeister Michael Pesch gestern deutlich. Die Wohnungen im Erdgeschoss verfügten über Duschen und Küchen, seien also schon nutzbar. Die anderen beiden Etagen würden noch hergerichtet, darum kümmere sich der Eigentümer des Gebäudes. "Wir können nicht warten, bis das ganze Gebäude umgebaut ist", so Pesch. Die Zahl der Zuweisungen steige laufend. Derzeit gibt es in Schwalmtal rund 250 Flüchtlinge, 52 davon wurden der Gemeinde allein im September zugewiesen. Im Schnitt kämen pro Woche etwa 13 Menschen neu nach Schwalmtal. Die Lage des Gebäudes sei "sehr gut", betonte Pesch "mitten im Ortskern". Verwaltung und Politik hatten in Schwalmtal stets nach Möglichkeiten gesucht, Flüchtlinge innerorts unterzubringen, um die Integration zu erleichtern. Die Gemeinde suche händeringend weitere Wohnungen, um Raum für Flüchtlinge zu haben, so Pesch.

Um die Flüchtlinge kümmern sich neben den Mitarbeitern der Gemeinden zahlreiche Ehrenamtler, die in Vereinen und Verbänden organisiert sind, sich in der Kirche engagieren oder unabhängig von einer Gruppenzugehörigkeit etwas tun möchten. Sie setzen sich auch dafür ein, dass Einheimische die Kultur der Ankommenden kennenlernen. Das Jugendrotkreuz (JRK) beispielsweise, das kürzlich in Brüggen beim "Flüchtlingsmenschenverständnistag" Häppchen aus aller Herren Länder anbot, möchte Kochkurse für Schüler anbieten, die über die syrische und ägyptische Küche auch die Kultur dieser Länder kennenlernen sollen. "Flüchtlinge werden keine Randerscheinung, sondern Teil unserer Kultur sein", sagte Stephan Sdrojewski, Kreisleiter des JRK-Kreisverbandes, "und wir wollen Vielfalt vermitteln."

Von dem Engagement der Helfer, aber auch von der Reaktion der Flüchtlinge sind viele, die derzeit in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, begeistert. "Es kommt so viel zurück, so viel Dankbarkeit", sagte etwa Thomas Hinz, Pastor der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Brüggen-Bracht, der sich in Brüggen für Asylbewerber enagiert. Jutta Sönges vom JRK und DRK Brüggen bestätigte: "Die Menschen sind glücklich, in Sicherheit zu sein und ein Dach über dem Kopf zu haben. Das spüren wir, das ist toll für uns."

Allerdings führt die Spendenbereitschaft vieler Bürger dazu, dass in vielen Orten die Regale in den Kleiderkammern voll sind, viele Spenden abgegeben werden, die aufgenommen, sortiert, auch weitergeleitet werden müssen. Die Kleiderkammer in Waldniel richtete kurzfristig einen zweiten Raum her, die Gemeinde Brüggen suchte stabile Regale, um Spenden lagern zu können. Wer etwas abgeben möchte, so ist aus allen Orten zu hören, wird gebeten, sich vorher zu erkundigen, ob es benötigt wird, und nicht beispielsweise Kleidersäcke vor die Pfarrheimtür zu stellen. Mitunter sind Spenden auch gar nicht zu verwenden, auch wenn sie gut gemeint seien, erläuterte Monica Ebbers von der Flüchtlingshilfe Niederkrüchten. Sie nennt ein Beispiel: "Wenn man auf engstem Raum lebt, ist kein Platz für ein Viersitzer-Sofa."

Werden Spenden benötigt, melden die Gemeinden und die Flüchtlingsinitiativen dies durch die Medien, durch Aufrufe auf ihren Internetseiten (www.brueggen.de, www.niederkruechten.de, www.schwalmtal.de) und bei Facebook.

Quelle: RP
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