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Brüggen
Gesamtschule brachte Brüggen zum Beben

Brüggen: Gesamtschule brachte Brüggen zum Beben
Die Gesamtschule hat zwei Standorte - Bracht für die Jahrgänge fünf bis acht (im Bild), Brüggen für die Jahrgänge neun bis 13. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Brüggen. Der Gründung einer Gesamtschule in Brüggen ging ein regelrechter "Schulkrieg" voraus. Nun feiert die Schule das 25-jährige Bestehen. Von Birgitta Ronge

25 Jahre alt ist die Gesamtschule in Brüggen nun. Längst hat sie sich etabliert als Schule mit zwei Standorten in Bracht und Brüggen. Doch einfach war die Einrichtung der Schule beim besten Willen nicht. Ihrer Gründung voraus ging ein regelrechter "Schulkrieg", von dessen Schlachten unsere Zeitung in den Jahren von 1988 bis 1990 regelmäßig berichtete.

Seinen Anfang nahm der Streit in dem drohenden Ende der Hauptschule. Ursprünglich gab es zwei Hauptschulen, eine in Alt-Brüggen, eine in Bracht. Doch die Anmeldezahlen sanken rapide. Schließlich wurde aus zwei Hauptschulen eine, aus vier Zügen (also aus vier Klassen in einem Jahrgang) wurden zwei Züge. Wie lange würde Brüggen noch eine weiterführende Schule anbieten können? Würde ein Ortsteil bald ohne Schule sein?

Die Lösung lag in einer Gesamtschule mit zwei Standorten. Doch der Weg bis zu ihrer Einrichtung war steinig. Es gab politische und pädagogische Schlachtfelder, auf denen hitzig debattiert wurde. Die Auseinandersetzungen wurden nicht nur in der eigenen Gemeinde, sondern auch im Umland geführt - unter anderem ging die Sorge um, die Gesamtschule in Brüggen könne Schüler aus dem Umland locken. Ein Beispiel dafür ist ein Brief des FDP-Kreisverbands, der an Brüggens Bürgermeister Paul Gendrisch schrieb, man sei dankbar, wenn Brüggen "nicht in ruinösem Konkurrenzdenken den Nachbargemeinden Realschüler und Gymnasiasten abzuziehen" trachtete.

Ein Schulgutachten zur Machbarkeit der Gesamtschule bestätigte diese Sorge nicht: Nach den Erfahrungen mit Gesamtschulen im ländlichen Raum vermuteten die Gutachter, Brüggen werde mittelfristig "mit der Versorgung der eigenen Schülerschaft annähernd ausgelastet" und nur zu geringem Teil auf Einpendler aus der Nachbarschaft angewiesen sein. Klagen gab es auch von Hauptschullehrern und Eltern, nachdem der Brüggener Rat mit großer Mehrheit für die Gesamtschule votiert hatte: Es werde offenbar nur noch Werbung für die neue Gesamtschule gemacht - doch auch die noch existierende Hauptschule mache gute Arbeit und nehme noch Fünftklässler auf.

Es folgten Monate der Planung für die neue Schule. Dietmar Keller wurde zu ihrem Leiter gewählt, Joachim Wagner wurde sein Stellvertreter. Es gab Informationsabende, um Eltern zu erklären, was eine Gesamtschule ausmacht. "Wir sind keine Schule, die für Ihre Kinder die Sterne vom Himmel holt", machte Keller damals, im Januar 1990, deutlich. Doch er und Wagner erläuterten auch, welche Abschlüsse die Schulform bietet, welche Differenzierungen es in den Fächern gibt, wie der Ganztag aussieht. Das Konzept ging auf: 142 Viertklässler, davon 60 aus der Gemeinde Brüggen, wurden an der Gesamtschule angemeldet. Viele Anmeldungen gab es auch aus Nettetal, Niederkrüchten und Schwalmtal. Da die Gesamtschule in Brüggen nur 120 Schüler in den vier Eingangsklassen nach den Sommerferien 1990 aufnehmen konnte, musste sie auswählen.

Das muss die Schule auch heute noch. Von den aktuell 859 Schülern sind 420 aus der Gemeinde Brüggen. Nettetal hat inzwischen eine eigene Gesamtschule, Nettetaler Kinder nimmt die Gesamtschule Brüggen also nicht auf. Schüler kommen aber aus Elmpt und Niederkrüchten, Amern und Waldniel. Startete die Schule 1990 vierzügig, ist sie das auch heute noch, wenngleich gern mehr Eltern ihre Kinder dort anmelden würden. "Wir leiden darunter, dass wir immer noch viele Schüler abweisen müssen", sagt der heutige Schulleiter Wolfgang Jöres. Die Prophezeiung aus dem Schulgutachten von damals, die Gesamtschule werde mit der Versorgung der eigenen Schülerschaft weitgehend ausgelastet sein, hat sich nicht erfüllt. Längst nicht alle Kinder aus der Gemeinde gehen zur Gesamtschule, viele besuchen zum Teil weit entfernte Gymnasien, berichtet Jöres. Dass er mitunter Brüggener Kinder ablehnen und Kinder aus Nachbargemeinden nehmen muss, weil es dort keine Gesamtschulen gibt, schmerzt ihn. "Der Idealfall wäre, wenn die Schule alle Brüggener und Brachter Kinder nimmt und zu allen Abschlüssen führt, aber das ist nicht so", sagt Jöres. Dabei biete die Gesamtschule an klassischen Unterrichtsfächern in der Oberstufe alles, was auch an Gymnasien angeboten werde, so Jöres. Nicht zuletzt könne man, da die Oberstufe klein sei, eine persönliche Beziehung aufbauen. Die familiäre Atmosphäre schätzten Eltern und Schüler, meint der stellvertretende Schulleiter Heiko Glade.

Der Ganztag ist heute kein Alleinstellungsmerkmal mehr, mit dem Gesamtschulen punkten können. Wurde das Angebot früher kritisiert ("Die Gesamtschule nimmt den Eltern die Kinder weg") und doch von Eltern stark nachgefragt, haben Realschulen und Gymnasien inzwischen ebenfalls häufig entsprechende Angebote. Für viele Eltern ein Grund, ihr Kind an der Gesamtschule anzumelden: dass es dort das Abitur nach neun statt schon nach acht Jahren machen kann. "Eltern wollen bewusst ihren Kindern mehr Freizeit lassen, als es mit G 8 möglich ist", sagt Glade. Überhaupt, Abitur: Da brauche sich die Gesamtschule nicht hinter den Gymnasien zu verstecken, ist Jöres überzeugt: "Hier macht nicht jeder Abitur, und leicht ist es auch nicht. Wir können die Chancen geben, aber nutzen müssen die Kinder sie selbst."

Ihren Schwerpunkt sieht die Brüggener Gesamtschule in der Vermittlung sozialer Kompetenzen. Lernen hoch drei - mit Kopf, Herz und Hand, so lautet das Motto, das die Schüler im Schulleben, im Unterricht, in Arbeitsgemeinschaften begleitet. Mit Kopf, Herz und Hand jeden Abschluss erwerben zu können, mag heute wichtiger sein denn je, "wo das Leben viele Wechsel und Brüche aufweist und in vielen Ausbildungsberufen gymnasiale Kenntnisse erforderlich sind", meint Jöres. Mit diesem Angebot sieht er die Gesamtschule auch für die Zukunft gut aufgestellt. Die Diskussion um die Gesamtschule habe die Gemeinde damals zum Beben gebracht. Jöres: "Aber das war eine sehr weitsichtige, kluge Entscheidung."

Quelle: RP
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