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Schwalmtal
Große Metallkugeln erinnern an 550 NS-Opfer

Schwalmtal: Große Metallkugeln erinnern an 550 NS-Opfer
Detailaufnahme aus dem Modell für die Gedenkstätte. Die Kugeln werden aus Aluminium-Guss gefertigt und sollen einen Durchmesser von 1,80 Meter haben. FOTO: HAH
Schwalmtal. Der LVR stellt den Entwurf zum Gedenken an die Opfer der NS-Euthanasie für den Friedhof Waldniel-Hostert vor. Für die Gravur von 550 Bronzeplatten werden Paten gesucht Von Heike Ahlen

"Erinnerung entsteht gemeinsam zwischen Menschen, die heute leben" - mit diesem Gedanken soll die heutige Gedenkstätte auf dem Friedhof Waldniel-Hostert künstlerisch neu gestaltet werden. Ganz in Weiß steht nun das Modell des Friedhofs auf dem Tisch. Es ist ein Entwurf der Künstlerin Katharina Struber und des Architekten Klaus Gruber aus Wien. An der Seite des Geländes der ehemaligen Kinderfachabteilung - landläufig bekannt unter dem letzten Namen "Kent-School" - liegt der ehemalige Anstaltsfriedhof. 1958 kaufte ihn die katholische Pfarre, um dort bestatten zu können. Dabei fiel in den Unterlagen auf, dass er bereits mehr als vollständig belegt war: Über 500 Menschen liegen dort begraben. Spätestens seit 1982 ist bekannt, dass viele von ihnen eines gewaltsamen Todes in der NS-Zeit starben.

Der Entwurf der Österreicher sieht vor, den Eingang des Friedhofs zu verlegen und zwar zur Straße Eschenrath hin. Eine Mauer aus anthrazitfarbenem Beton hält die Blicke von der Straße aus ab. "Ein Besucher muss sich bewusst entscheiden, hineinzugehen", sagt Klaus Gruber. Wer den Zugang entdeckt, wird sich in dem Hain aus locker stehenden Bäumen wieder finden. Was die bunten Kugeln aus lackiertem Aluminium-Guss sollen, erfährt er dann Stück für Stück. Die Plastiken mit einem Durchmesser von 1,80 Meter sollen im Juni 2017 mit Schülern der Europaschule und des Berufskollegs Dülken entstehen. Dass sie nicht eben sein werden, sondern mehr so, als wenn ein Kind aus Knetmasse mit den Händen eine Kugel formt, soll an die begrabenen Kinder erinnern.

An der dunklen Mauer werden 550 Bronzeplatten angebracht. Auf jeder soll der Name eines Menschen stehen, der dort begraben liegt. "Wir wollen weg von der distanzierten Betrachtung des anderen", sagt Katharina Struber. Es gehe darum, die Würde des Menschen an diesem Erinnerungsort erstehen zu lassen, ergänzt LVR-Direktorin Ulrike Lubek. Nicht als Nummern, sondern als Persönlichkeiten.

Die Bronzeplatten entstehen aufbesondere Art: 550 Menschen werden als Paten je einen Namen aufschreiben. Und zwar mit einem Stift in eine Wachstafel. "Daraus entsteht der Abdruck - ganz direkt, ohne Computer oder moderne Technik", erklärt die Künstlerin.

Viele Schüler und auch die LVR-Direktorin haben sich schon gemeldet, um Paten zu werden. Weitere Paten werden noch gesucht. Mitmachen kann jeder. Als Tag für die Beschriftung der Platten ist der 19. Mai kommenden Jahres geplant.

Lehrer und Schüler der Europaschule engagieren sich für die Gedenkstätte. Peter Zöhren, pensionierter Lehrer, erforscht die Geschichte und stemmt sich gegen das Vergessen. Inzwischen ist die Zahl von 550 Menschen, die dort bestattet wurden, bestätigt. Unter den Euthanasie-Opfern waren 99 Kinder.

Im Jahr 2012 richtete der Arbeitskreis zur Erforschung der Zwangssterilisation und NS-Euthanasie einen Appell an den LVR, für ein angemessenes Gedenken vor Ort zu sorgen. LVR-Direktorin Ulrike Lubek dankte allen, die sich dafür einsetzen. Der LVR stelle sich der Verantwortung für die Vergangenheit seiner Vorgänger-Organisation. Im vergangenen Jahr schrieb der Verband den Wettbewerb zur Neugestaltung aus. Die Arbeitsgemeinschaft Struber-Gruber überzeugte.

Quelle: RP
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