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Schwalmtal
"Herr Doktor, wo ist mein Kind?"

Schwalmtal: "Herr Doktor, wo ist mein Kind?"
Schüler der Euroaschule geben in kurzen Szenen am 27. Januar den handelnden Menschen ein Gesicht. Die Dialoge schrieben sie selbst, noch wird daran gefeilt. FOTO: Busch
Schwalmtal. In der NS-Zeit wurden in der Kinderfachabteilung in Hostert behinderte Jungen und Mädchen ermordet. Schüler der Europaschule erinnern an ihr Schicksal mit Theaterszenen, die sie mit dem Theater Mini-Art entwickelt haben. Von Birgitta Ronge

Der Altarraum ist zur Bühne geworden. Dort, wo normalerweise der Pfarrer steht und das Evangelium liest, stehen Michelle und Marius vor dem Mikrofon und üben, ihren Text langsam und deutlich vorzutragen. "Tag 1", beginnt die 17-Jährige. Und Marius liest. Der 16-Jährige ist in die Rolle eines Jungen geschlüpft, der gerade in der Kinderfachabteilung Hostert aufgenommen wurde und den Eltern in Briefen beschreibt, wie es ihm dort ergeht. Der Junge friert. Bekleidet haben ihn die Pfleger unter die kalte Dusche gestellt, danach im Zimmer die Fenster geöffnet. "Tag 2", fährt Michelle fort. Und der Junge schreibt seinen Brief an die Eltern weiter: Wieder ist er kalt geduscht worden. Der Warmwasserboiler sei kaputt, sagen die Pfleger. Aber das glaubt der Junge nicht. Er hofft, bald nach Hause zu dürfen.

Dies ist eine der Szenen, die Zehntklässler der Europaschule Schwalmtal in diesen Tagen in der Kirche St. Mariae Himmelfahrt in der Waldnieler Heide einstudieren. Die Szenen haben sie sich mit Hilfe von Crischa Ohler und Sjef van der Linden vom Theater Mini-Art aus Bedburg-Hau selbst ausgedacht. Wie könnte es wohl damals gewesen sein in Hostert, als dort in der NS-Zeit behinderte Jungen und Mädchen von Ärzten und Pflegern vernachlässigt oder mit Schlafmitteln getötet wurden?

Die Gedenkstätte: Schlichte weiße Kreuze erinnern an die Kinder, die in Hostert starben und dort begraben wurden. FOTO: Franz-Heinrich Busch

Was mögen die Eltern empfunden haben, die ihre Kinder in die Kinderfachabteilung geben mussten? Die die Hoffnung hatten, dass es ihren Kindern gut geht? Die merkten, was dort in Wirklichkeit passiert, und versuchten, ihre Kinder nach Hause zu holen? Wie werden sich die Ärzte verhalten haben? Oder andere Menschen , die in der Anstalt arbeiteten?

Diesen Fragen sind die Schüler der Europaschule nachgegangen. Sie schrieben Briefe wie diese, die Marius vorträgt, oder entwickelten Dialoge. So mimt beispielsweise die 16-jährige Lara eine Mutter, die in Sorge um ihre Tochter eine Ärztin zur Rede stellt: Die Tochter sei kerngesund in die Kinderfachabteilung gekommen, jetzt sei sie krank. Wie sie sich das erkläre? Die Ärztin, dargestellt von der 15-jährigen Chiara, nimmt von der Mutter kaum Notiz. Das Kind sei schon krank nach Hostert gekommen. Es sei schwachsinnig, das wisse die Mutter. Das stehe in den Akten. "Unsere Akten lügen nicht", fügt die Ärztin spitz hinzu.

Die Schüler machen ihre Sache gut. Nach drei Tagen mit den Schauspielern von Mini-Art haben sie gelernt, laut, aber auch langsam zu sprechen, so dass der Hall im Kirchenraum nicht jedes Wort verschluckt. Sie haben gelernt, mit den Blicken der anderen zurechtzukommen. Aufgeregt sind sie trotzdem - bei den Aufführungen wird die Kirche sicherlich voll sein. "Das ist schon ein Unterschied, ob nur ein paar Mitschüler zuschauen oder 100 Leute", meint Marius.

Dort, wo die in Hostert ermordeten Kinder begraben wurden, gibt es seit den 1980er-Jahren eine Gedenkstätte. Die Patenschaft übernahm die Europaschule. Die Schüler setzen sich im Unterricht mit der Geschichte der Anstalt auseinander und organisieren jährlich am 27. Januar, am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, eine Gedenkfeier auf dem Gelände.

In diesem Jahr ist das anders: Die Zehntklässler präsentieren erstmals Theaterszenen in der Kirche. Einmal für Mitschüler, einmal für die Öffentlichkeit. Die öffentliche Aufführung beginnt um 11.30 Uhr, sie dauert etwa 40 Minuten. Der Eintritt ist frei. Danach gehen alle Besucher zur Gedenkstätte. In einer Art Prolog erklären die Schüler ihre Motivation: "Wir wollen darüber erzählen, damit andere es wissen und es weitererzählen", sagt der eine. "Ich möchte nicht, dass so etwas noch einmal passiert", sagt der nächste.

Hostert war eine Zweigstelle der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Süchteln-Johannistal. Eigentümer der Einrichtung war die Rheinprovinz, heute der Landschaftsverband Rheinland (LVR). In den Kriegsjahren wurde in Hostert eine Kinderfachabteilung eingerichtet. Im Rahmen des NS-Euthanasieprogramms fanden 99 Kinder, die körperlich oder geistig behindert waren, den Tod. Darüber hinaus wurden mehrere hundert behinderte Menschen von Waldniel in andere Anstalten oder in Tötungslager gebracht.

Crischa Ohler und Sjef van der Linden vom Theater Mini-Art kennen die Historie: Das Theater hat seinen Sitz auf dem Gelände der LVR-Klinik Bedburg-Hau - auch von dort wurden in der NS-Zeit hunderte Menschen in Tötungslager gebracht. In ihrem Stück "Ännes letzte Reise" erzählen die Schauspieler die Geschichte von Anna Lehnkering, die von 1936 bis 1940 Patientin in Bedburg-Hau war und die im März 1940 nach Grafeneck gebracht und vergast wurde. Als sie das Stück erarbeiteten, stießen Ohler und van der Linden auch auf die Kindereuthanasie - und auf Hostert. Unter dem Titel "Die vergessenen Kinder" initiierten sie das Theaterprojekt für Jugendliche, an dem jetzt Schüler der Europaschule teilnehmen. Im Februar folgt ein Projekt mit Schülern des Maria-Lenssen-Berufskollegs aus Mönchengladbach.

Wichtig ist den Schauspielern nicht nur der Blick auf die Vergangenheit, sondern auch der Blick auf die Gegenwart. "Ännes letzte Reise" beschreiben sie als "eine Parabel für die Achtung der Menschenrechte, für den Umgang mit dem Anderen und für die Frage nach dem ,Wert' eines Menschen. In diesem Zusammenhang spielt die Frage der Abwertung anderer, der Ablehnung von allem, was nicht in die Norm passt, was anders und fremd ist, eine bestürzend aktuelle Rolle."

Quelle: RP
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