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Schwalmtal.
Himmlische Szenen und höllische Abstürze

Schwalmtal.: Himmlische Szenen und höllische Abstürze
In der nachgebildeten Kartäuser-Klause (ganz oben) konnte Besucher in Texten über die Stille blättern. Im Hof der Heimatstube hatte der Heimatverein Waldniel einen Fronleichnamsaltar aufgebaut (unten links), während Künstler Martin Schüten dazu einen rätselhaften Kommentar installierte. Im Pfarrhaus stellte Izumi Shindo aus (unten rechts). Jürgen Zauns minimalistische Skulpturen (oben rechts) basieren auf dem Gegensatz zwischen dem Leichten und dem Schweren. FOTO: Busch
Schwalmtal.. Für die "Tage der Kunst" in Schwalmtal brachte das Organisationsteam interessante Künstler und inspirierende Orte zusammen. Von Sigrid Blomen-Radermacher

Auf dem Weg "Himmelwärts" geht's erstmal auf direktem Weg in die Hölle. Und das pikanterweise im Bürgerhaus von Schwalmtal. Dieses hat einen dunklen Gewölbekeller. Dort installierte die aus der Schweiz stammende und in Düsseldorf arbeitende Künstlerin Franziska Megert ihre Videoinstallation aus den Jahren 1999/2000 mit dem Titel "Die Engel und die Andern". Ja, auch Engel tauchen auf in dieser Installation mit Sogwirkung: Wie in einer Riesencollage baut Megert die Abbildungen von Engels- und Heiligendarstellungen aus der Kunstgeschichte bis heute in ein fast undurchdringbares Labyrinth. Neben ihnen pfuschen sich stets Teufel und Satyrn in das Geschehen. Die unterlegte Musik ist eher höllisch als himmlisch. Ständig sind die Bilder in Bewegung und lassen den Betrachter nicht los. Dieses Treiben kann nicht gut enden: Am Ende steht die Auflösung, die Vertreibung aus dem Paradies.

Auf dem Weg "Himmelwärts" gibt es eben auch Abstürze. Die "Tage der Kunst" in Schwalmtal, die am Wochenende bereits zum elften Mal stattfanden, waren Teil des Jahresprojektes des Kulturraums Niederrhein, in dem es im weitesten Sinn um christliche Motive in der zeitgenössischen Kunst geht, darum, wie heute noch in der Kunst Bezug auf Religion und Glauben genommen wird. Das Motto in Schwalmtal hieß "Szenen der Volksfrömmigkeit". Mit viel Engagement haben die Organisatoren der "Tage der Kunst", Bernd R. Meyer, Ferdi Leewe, Bjoern Kesting, Michael Heunen und Uwe Freitag interessante Künstler und ebenso interessante Orte zusammengebracht.

Von Megerts dunklem Video ist der Weg nicht weit nach oben, gen Himmel. Nahe dem Bürgerhaus, auf dem Platz vor dem Ehrenmal, sorgt der Neusser Bildhauer Jürgen Zaun dafür, dass der Blick sich gen Himmel richtet. Eine seiner minimalistischen Skulpturen ragt hoch auf: Zwei Stahlstäbe halten einen Stein in einem fragilen Gleichgewicht. Seine Arbeiten basieren auf dem Gegensatz zwischen dem Leichten und dem Schweren, dem Bodenständigen und dem Flüchtigen.

Ebenso bodenständig wie flüchtig geht es in der Heimatstube weiter: Hier geht es um die Tradition der Fronleichnamsprozessionen in Waldniel. Fotografien zeigen und erklären die Tradition. Im Hof ist ein Fronleichnamsaltar aufgebaut, auf dem Balkon darüber installierte der Krefelder Künstler Martin Schüten seinen rätselhaften Kommentar zu Fronleichnam: Hinter einer roten Abdeckung hat er so etwas wie einen provisorischen Baldachin errichtet, an dem eine Art Sack, eingewickelt in eine Fahne, hängt. Welchem Heiligtum und welcher Fahne läuft wer hinterher?

Im katholischen Pfarrhaus bleibt es ruhig, meditativ: Die japanische Malerin Izumi Shindo reagiert auf die Wandmalereien des Hauses mit zarten, wunderschönen, in Farbigkeit und Darstellung mittelalterlich wirkenden Verkündigungsbildern. Dass sie im 21. Jahrhundert arbeitet, zeigt sich an der Skulptur aus Kunststoff, die in der Mitte des Raumes liegt. In ihrer Abstraktion lässt sie Assoziationen zu weiblichen Formen zu.

Die 1957 in Dortmund geborene Künstlerin Marlies Blauth bezieht die Evangelische Kirche in ihre Kunst ein. Verkündigung funktioniert über Bilder, im Protestantismus allerdings viel mehr über das Wort. Worte liegen in den Bänken wie Gebetbücher, gemalt auf kleine Leinwände. Sie reihen sich zu Satzfragmenten aneinander: komm Du Geist Mensch.

In der St.-Antonius-Residenz ist Ute Schätzmüller mit einer Fülle von Gemälden, Aquarellen und Radierungen zu Gast. Sie nimmt direkten Bezug zum Namensgeber der Residenz, wenn sie ihre Aquarelle zur "Versuchung des Heiligen Antonius" von Gustave Flaubert zeigt. Schätzmüllers Arbeiten zeichnen sich durch eine sehr intensive Wirkung aus, obwohl sie scheinbar wenige Mittel einsetzt. Sie arbeitet farblich und formal reduziert, weiß sich auf das Wesentliche zu beschränken. Ihre Bilder erscheinen wie Boten aus einer anderen Welt.

In eine ganz andere, beängstigende, erschreckende Welt taucht die 1961 geborene Fotokünstlerin Thea Weires den Betrachter ein. Kaum mag man die Fotografien anschauen. Die sieben Todsünden sind sehr plastisch inszeniert. Als Hintergrund dient jeweils ein Altarraum, in dem Menschen und Dinge beispielsweise den Hochmut, die Habsucht, die Völlerei symbolisieren. Man kennt das von spätmittelalterlichen Gemälden - aber es ist ein Unterschied, einer gemalten Todsünde zu begegnen oder einer fast realen. Neben jeder Todsünde hängt ein Fläschchen Lourdeswasser, das die Vergebung verspricht.

Vergebung, besser gesagt: Ablass, bietet auch Werner Schüssler mit seinem "Mobilen Beichtstuhl" an. Eher Fotofixkasten als Beichtstuhl wird der Besucher mit einer Collage aus Fernsehnachrichten konfrontiert, in der es um Krieg, Terrorismus, Geiselnahmen, Zerstörung geht. Damit sieht sich der Betrachter auch mit der eigenen Verantwortung konfrontiert. Die kann man nicht mit einer Geldzahlung übernehmen, wie es der Ablasshandel früherer Jahrhunderte vorsah.

Ruhe schließlich kann der Besucher in der begehbaren Skulptur von Friedrich Ludmann finden. Der Architekt, Bühnen- und Kostümbildner baut eine Klause nach und bezieht sich auf den Mönchsorden der Kartäuser, deren drei Prinzipien Stille, Einsamkeit und Schweigen ist. Ein dunkler, aber angenehmer Raum mit Bett, Tisch und Gebetsecke entsteht, in dem man Platz nehmen und - zurückgeworfen auf sich selbst - in Texten über die Stille blättern kann.

Quelle: RP
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