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Gerd Anthoff
Hirngespinste voll tröstlicher Poesie

Viersen. Im Rahmen der Nettetaler Literaturtage liest Schauspieler Gerd Anthoff in Lobberich aus dem Roman "Hirngespinste" von J. Bernlef — ein fiktiver Bericht aus der inneren Erfahrungswelt eines Menschen, der an Alzheimer erkrankt ist

Nettetal Der beliebte und vielfach ausgezeichnete Münchener Schauspieler Gerd Anthoff bringt mit dem Musiker Martin Kälberer das Thema Alzheimer auf die Bühne: Im Rahmen der Nettetaler Literaturtage liest Anthoff am 28. Oktober in der Werner-Jaeger-Halle aus dem Roman "Hirngespinste". Im Interview schildert er, warum eine Lesung zu diesem eigentlich ernsten Thema doch höchst unterhaltsam ist - und was ihn an diesem großartigen Roman persönlich anrührt.

Gar nicht so einfach, sich zum Interview mit Ihnen zu verabreden. Womit sind Sie zurzeit so intensiv beschäftigt?

GERD ANTHOFF Wir sind mitten in den Dreharbeiten für zwei neue Folgen der ZDF-Reihe "Unter Verdacht" mit Senta Berger. Da wird sehr konzentriert gearbeitet, zwischendurch bleibt wenig Zeit.

Sie sind gerade 70 geworden, herzlichen Glückwunsch. Heißt das für Sie nicht, jetzt etwas kürzer zu treten?

ANTHOFF Danke für den Glückwunsch. Nein, kürzer treten nicht. Aber ich kann mir den Luxus erlauben, mir die Sachen und Projekte auszusuchen, die mir wichtig sind. Dazu gehört zum Beispiel fürs Fernsehen "Unter Verdacht", dazu gehört auch die Lesung "Hirngespinste" mit Martin Kälberer.

In "Unter Verdacht" spielen Sie den charmant-intriganten Kripochef Dr. Reiter, und nun lesen Sie aus einem fiktiven Alzheimer-Roman: Wie passt das zusammen?

ANTHOFF Einerseits bin ich ja Schauspieler, ich habe über 40 Jahre Theater gemacht, da gehört es zum Alltag, heute eine Komödie zu spielen und morgen ein klassisches Drama. Andererseits gibt es Projekte, die einem auch persönlich ein Anliegen sind - wie eben diese Lesung aus dem Buch "Hirngespinste".

Was berührt Sie an dem Buch persönlich, und wie kam es überhaupt zu diesem Lesungs-Projekt?

ANTHOFF Der Anlass ist eigentlich sehr privat, wir hatten in der Familie eine Alzheimer-Erkrankung. Dabei erhielten wir eine wunderbare Unterstützung der Alzheimer-Gesellschaft München, wofür ich sehr dankbar bin. Als mich dann einmal die Alzheimer-Gesellschaft um eine Lesung bat, hab ich etliche Bücher zum Thema Alzheimer gelesen, und "Hirngespinste" war das einzige großartige Buch, das mich zudem sehr berührte. So kam es zur Lesung mit "Hirngespinste", und das zog dann weitere Kreise.

Was ist für Sie das Besondere an diesem Buch?

ANTHOFF Dem niederländischen Autor Bernlef, übrigens ein Pseudonym, ist da große Kunst gelungen, literarisch und sprachlich grandios, aber auch vom Inhalt her: Wie er in diesem fiktiven Roman in der Ich-Form respektvoll die fortschreitenden Veränderungen des Alzheimer-kranken Maarten schildert, das liest sich phasenweise sehr realistisch und auch bewegend, etwa wenn Maarten vom Krankenwagen abgeholt wird. Und manche Schilderungen sind unglaublich poetisch, da liegt ein Trost in der Poesie.

Ist dieses doch ernste Thema nicht eine Hemmschwelle für das Publikum, das Unterhaltung sucht?

ANTHOFF Was heißt schon ernst? Die Leute gehen ja auch in Shakespeares ernste Stücke. Aber es stimmt zum Teil: Manche Veranstalter haben da eine Hemmschwelle, trauen sich nicht so recht. Das Publikum hingegen weiß es schon zu schätzen, dass wir dieses Thema auf die Bühne bringen. Ich habe da nur positive Reaktionen erfahren, die Menschen lassen sich bereitwillig hineinziehen in diesen Sog von Emotionen und Poesie, manche haben sich bedankt, es sei für sie ein beglückender Abend gewesen. Und unterhaltsam ist er allemal.

Wie müssen wir uns das vorstellen: Sie als Schauspieler sitzen doch nicht einfach am Tisch und lesen, oder?

ANTHOFF Sie werden lachen: Doch, ich sitze am Tisch. Aber wenn ich auf einer Bühne bin, dann muss ich als Schauspieler das Gelesene natürlich auch darstellen, mit Stimme, Mimik, Gestik, zumal mich das Thema nicht unberührt lässt und mir der Abend am Herzen liegt. Und dazu kommt die Musik: Der großartige Musiker Martin Kälberer leitet am Klavier von einem Kapitel zum anderen über, er improvisiert gern, greift Stimmung auf und gibt Empfindungen wieder. Wort und Musik ergänzen sich da. Das wird, da bin ich sicher, dem Publikum in Nettetal gefallen.

Apropos Nettetal: Kennen Sie die Stadt oder überhaupt den Niederrhein?

ANTHOFF Ehrlich gesagt, nur vom Hörensagen, ich nicht so der Kosmopolit. Aber ich habe gehört, dass es bei euch schön flach ist, prima zum Radfahren, ich muss hier mit dem Rad ja immer die Berge rauf und runter. Und man sagte mir, dass die Menschen bei euch aufgeschlossen und freundlich sind, dass es ein sehr gutes Programm bei den Literaturtagen gibt. Darum freu ich mich auf die Lesung und die Begegnung mit dem Publikum.

JOACHIM BURGHARDT FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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