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Schwalmtal
Hostert für Gedenken pachten?

Schwalmtal: Hostert für Gedenken pachten?
Ein Arbeitskreis aus Ärzten und Wissenschaflern hat angeregt, auf dem Gelände der ehemaligen Kent-School eine große Gedenkstätte einzurichten. Auf den ehemaligen Anstaltsfriedhof gibt es bereits eine Gedenkstätte. FOTO: Busch
Schwalmtal. Ein Arbeitskreis aus Ärzten und Wissenschaftlern hatte in einem Appell angeregt, in der ehemaligen Kent-School eine große Gedenkstätte für die von Nazis ermordeten Kinder einzurichten. Nun wird der Landschaftsverband aktiv. Von Constanze Kretzschmar

Seit mehr als 20 Jahren steht die ehemalige Kent-School leer. Nun kommt Bewegung in die Frage, was aus dem Gebäude werden soll. Der Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen "Euthanasie" und Zwangssterilisation hatte vor knapp drei Monaten den Waldnieler Appell verfasst – er fordert, eine Gedenkstätte für Menschen mit Behinderungen dort einzurichten, die die Nazis ermordet hatten. Inzwischen beschäftigt sich der Landschaftsverband Rheinland (LVR) mit dem Gebäude.

"Wir haben den politischen Auftrag, uns um die belastete Geschichte zu kümmern", sagt Dr. Arie Nabrings. Er leitet das Archivberatungs- und Fortbildungszentrum des Landschaftsverbands. Der Verband sieht sich als Nachfolger des Rheinischen Provinzialverbands. Dieser hatte während der Herrschaft der Nationalsozialisten in dem früheren Franziskanerkloster eine Kinderfachabteilung betrieben. Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen wurden dort untergebracht. Etwa einhundert von ihnen kamen in Waldniel ums Leben, weil ihnen Ärzte Medikamente gaben, an denen sie starben.

Schon seit Jahrzehnten gibt es in Hostert eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof. Der frühere Lehrer Peter Zöhren kümmert sich bis heute darum. Der Arbeitskreis regt aber an, das gesamte Gelände unter Denkmalschutz zu stellen und eine größere Gedenkstätte einzurichten. "Wir haben bis heute in Nordrhein-Westfalen keine große Gedenkstätte für die Opfer der ,Euthanasie'", sagt Dr. Friedrich Leidinger. Der Psychiater aus Viersen hat den Appell unterzeichnet.

Lange Zeit hätten viele Familien über den Mord an Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen geschwiegen, sagt Leidinger. "Man dachte, dass das vererbbar ist – und psychische Erkrankungen galten als Stigma. Also hat man in vielen Familien nicht darüber gesprochen, und auch nicht über den Mord an Verwandten, die betroffen waren." Dabei seien etwa 300 000 kranke und behinderte Menschen in Deutschland ermordet worden. Erst in den vergangenen Jahren sind mehrere Bücher zu diesem Thema erschienen.

Nach dem Appell hat nun der Kreisausschuss beschlossen, eine Gedenkstätte zu befürworten. Allerdings sollen LVR und Arbeitskreis mit den Menschen zusammenarbeiten, die sich in Waldniel bislang für das Gedenken an die Opfer eingesetzt haben. Auch der Eigentümer der Kent-School soll nun einbezogen werden.

Dieser hatte dem Arbeitskreis angeboten, er könne die ehemalige Kent-School pachten: Dann können er dort selbst seine Vorstellungen umsetzen. Der Arbeitskreis lehnt das hingegen ab. Er besteht hauptsächlich aus Ärzten und Wissenschaftlern, die sich mit der Medizin- und Psychiatriegeschichte auseinandersetzen. "Der Arbeitskreis kann nicht Träger einer Gedenkstätte sein", sagt Leidinger.

Laut Arie Nabrings vom Landschaftsverband wäre unter anderem denkbar, die Kent-School für Besichtigungen zu öffnen und Schulmaterialien zu erstellen. Wie es genau weitergeht, will er aber mit allen Beteiligten beraten. Sie treffen sich Ende Oktober.

www.waldniel-hostert.de

(RP/ac)
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