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Brüggen
Humanes Heilexperiment

Brüggen. Der Krebsexperte und Radiologe der Universitätsklinik Frankfurt hat bereits mehrfach mit dem umstrittenen 3-Bromopyruvat an Krebspatienten gearbeitet. "Aber eine Infusion hätte ich mir nicht zugetraut", sagt der Mediziner Von Sabine Janssen

frankfurt Professor Thomas Vogl gehört zu den wenigen Medizinern in Deutschland, die das umstrittene Krebsmittel 3-Bromopyruvat (3-BP) in der Praxis angewendet haben. In einem so genannten "humanen Heilversuch" hat er den Niederländer Yvar Verhoeven in den Jahren 2009 und 2010 am Universitätsklinikum in Frankfurt am Main damit behandelt. Der 17-Jährige litt an Leberkrebs. Ärzte hatten ihm prognostiziert, dass er noch drei Monate zu leben habe. "Die lokale Behandlung mit 3-BP hat bei ihm gute Erfolge gezeigt und das Leben des jungen Mannes um gut ein Jahr verlängert", sagt der Radiologe aus Frankfurt. Yvar Verhoeven starb 2010 an den Folgen einer Lungenentzündung.

Der Wirkstoff 3-BP war auch drei Patienten des Brachter Krebszentrum als Infusion verabreicht worden. Kurze Zeit später verstarben sie. Gegen den Heilpraktiker aus Bracht ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft Krefeld wegen fahrlässiger Tötung in drei und fahrlässiger Körperverletzung in zwei Fällen.

Die Behandlung von Yvar Verhoeven erfolgte in Zusammenarbeit mit den Biochemikern Peter Pedersen und Young Hee Ko von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore. Die Wissenschaftler hatten 3-BP in Tierversuchen getestet und "berauschend gute Ergebnisse" erbracht", erzählt der Radiologe.

"Wir haben 3-BP mit einem Mikrokatheter in den Tumor navigiert. Das war eine rein lokale Anwendung, die sich grundlegend von der Vorgehensweise des Heilpraktikers in Bracht unterscheidet", erklärt der Radiologe. Zu einer Infusion von 3-BP in die Blutbahn sagt Vogl: "Das hätten wir uns nicht getraut. Dazu fehlte uns das Wissen." Der Heilpraktiker aus Bracht hatte beim Kreisgesundheitsamt laut Staatsanwaltschaft gemeldet, dass er Infusionen verabreiche.

Für den Radiologen und Krebsexperten ist 3-BP ein spannender, aber auch gefährlicher Wirkstoff. "Es ist eine sehr flüchtige Substanz, einer ihrer Bestandteile ist das giftige Brom", erklärt Vogl.

Bislang gibt es keine wissenschaftlich fundierte Studie zu 3-BP. "Was wir jetzt bräuchten, wäre eine Phase-I-Studie, aber es ist schwierig, jemanden zu finden, der sie finanziert. So eine Studie ist sehr aufwändig und kostet zig Millionen", sagt Vogl. Der Wirkstoff selbst dagegen sei preiswert.

Die Konzentration von 3-BP reduziere sich in Flüssigkeit extrem schnell. Die Reaktion hänge unter anderem auch vom ph-Wert der Lösungsflüssigkeit ab, erläutert der Radiologe. Die Biochemiker in den USA hätten lange daran gearbeitet, die Substanz transportfähig zu machen, um sie für die Behandlung des krebskranken Yvar Verhoeven von den USA nach Frankfurt zu bringen.

Bei der Obduktion der verstorbenen Krebspatienten aus Bracht sei dies nicht nachweisbar, sagt Vogl. Der Krefelder Oberstaatsanwalt Axel Stahl bestätigt das: "Die Halbwertzeit von 3-BP ist extrem kurz. Es geht derzeit darum, Abbaustoffe der Substanz nachzuweisen. Doch die Kernfrage für die strafrechtliche Bewertung bleibt, ob die Substanz ursächlich zum Tod der schwerkranken Patienten geführt hat."

Vogl hat nach dem Tod des jungen Niederländers zwei weitere "humane Heilexperimente" mit 3-BP durchgeführt. "Dazu muss man sagen: Die Patienten waren in einer ausweglosen Situation. Sie haben dem Versuch zugestimmt, und eine Ethik-Kommission wurde informiert", erklärt Vogl.

Zu den drei Todesfällen, die sich im Brachter Krebszentrum ereignet haben, vermutet er: "Ich würde jetzt davon ausgehen, dass der Heilpraktiker sich die Substanz auf irgend einem Weg beschafft hat und dass beim Mixen ein Fehler unterlaufen ist."

Quelle: RP
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