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Friedhelm Leven
"Ich kann die Welt nicht retten"

Friedhelm Leven: "Ich kann die Welt nicht retten"
Friedhelm Leven gehört zu den Gründungsmitgliedern des Brüggener Vereins Burundi-Hilfe. Der Verein betreibt unter anderem ein Waisenhaus in dem ostafrikanischen Land. FOTO: Busch
Viersen. 6486 Kilometer liegen zwischen Bracht und dem ostafrikanischen Burundi. Trotzdem will Friedhelm Leven, Mitgründer der Burundi-Hilfe, im kommenden Jahr wieder hin, um sich das neue Ausbildungszentrum anzuschauen

Wann packen Sie wieder die Koffer für Afrika?

leven Wenn die politische Situation stabil genug ist: im kommenden Jahr. Von unseren Partnern vor Ort wissen wir, dass es zwar selten zu offenen Unruhen kommt, aber man wird überwacht und es verschwinden auch Menschen ...

Sie waren bereits vier Mal in Burundi. Hatten Sie Angst?

Leven Nein, wir reisen aber auch immer in kleineren Gruppen. Unsere Partner und Freunde vor Ort begleiten uns überall hin. In der Regel sind wir auch nur im Hellen, also zwischen 6 und 18 Uhr, unterwegs. Wie sagt Pater Marius so schön: "Nicht alle Menschen hier sind Messdiener." Allein wäre es nicht empfehlenswert.

Die gängigen Vorurteile gegen Afrika: Armut, Hunger, Krankheit ... Sind Sie auf Ihren Reisen schon mal krank geworden?

Leven Nein, nie. Der eine oder andere hat sich schon mal den Magen verdorben. Man muss auch immer genau hinschauen, welche Vorsichtsmaßnahmen Sinn machen: Ein Bekannter hatte sich vor einer unserer Reise gegen Tollwut impfen lassen, aber vor Ort stellte er fest, dass es dort überhaupt keine Hunde gibt.

Die Burundi-Hilfe gibt es seit fast zehn Jahren. Von 2009 bis 2012 finanzierte sie den Bau eines Waisenhauses. Seit fünf Jahren betreibt der Verein ein Waisenhaus in Muramvya. Wie vielen Kindern hat der Verein bisher geholfen?

Leven Etwa 50 Kindern - würde ich schätzen. Im Johannes-Wolters-Zentrum leben derzeit etwa 35 Kinder, zum Teil Waisenkinder aus der Region, aber auch Straßenkinder aus dem ganzen Land, hauptsächlich aus der Hauptstadt Bujumbura. In der Nachbarschaft befinden sich eine Grund- und eine weiterführende Schule, die sie besuchen. Wir bieten außerdem Nachhilfe und auch jetzt schon Ausbildungslehrgänge an: etwa Nähen, Korb-Flechten. Wir wollen die Jugendlichen in die Lage versetzen, für sich selbst zu sorgen.

Was plant der Verein im neuen Ausbildungszentrum?

Leven Die beiden neuen Gebäude sind als Erweiterung des Johannes-Wolters-Zentrums gedacht. Spätestens im kommenden Jahr sollen sie fertig sein. Wir würden darin Näh- und Landwirtschaftskurse unterbringen und - wenn die Stromversorgung vernünftig ist - auch Informatik- und Computerkurse. Für eine Schreinerausbildung gibt es ebenfalls Bedarf.

Von Bracht bis Burundi sind es rund 8000 Luftlinie. Wie schwierig ist es, Hilfen zu planen, ohne vor Ort zu sein?

Leven Das ist ein Lernprozess. Als das Waisenhaus gebaut wurde, waren wir in Muramvya und merkten, dass wir kein Hotel bauen müssen. Eine Nasszelle für 16 Kinder reicht für dortige Verhältnisse völlig aus. Wichtig sind deshalb unsere Partner vor Ort: Das ist vor allem die Fondation Stamm. Sie kümmert sich um die praktischen, planerischen und personellen Dinge vor Ort. Das können wir von Bracht aus nicht leisten. Ich bin sowieso ein großer Freund von Netzwerken. Wir arbeiten zum Beispiel eng mit den Burundikids aus Köln zusammen, wenn es darum geht, Hilfe zu koordinieren, Hilfslieferungen zu verteilen oder förderungswürdigen Jugendlichen ein Studium zu ermöglichen.

Haben Sie solche finanziellen Kapazitäten? Wie hoch sind Ihre Verpflichtungen für das Waisenhaus?

Leven Für den Betrieb und Unterhalt des Waisenhauses müssen wir etwa 25.000 Euro pro Jahr rechnen. Das Geld müssen wir auf jeden Fall einspielen.

Und wie?

Leven Unser Verein hat rund 60 Mitglieder. Inzwischen gehen wir dazu über, Förderpatenschaften zu machen. Der Pate spendet einfach regelmäßig Geld. Das ist unkomplizierter und planbarer. Wir sind auch bei jedem Pfarrfest und bei jeder Mühlenweihnacht in Bracht vertreten.

Mit relativ geringen Summen kann man in Afrika viel bewegen. Ein Beispiel?

Leven Wir rechnen 360 Euro für Unterkunft, Verpflegung und Ausbildung eines Kindes für ein Jahr, sprich ein Euro am Tag.

Helfen-Wollen ist angesichts vieler Formalitäten, die es zu beachten gilt, trotzdem oft schwieriger, als man denkt ...

Leven ... das ist wahr. Ich mag gern handfeste, unkomplizierte Aktionen, aber manchmal erfahre ich dann, dass sie komplizierter umzusetzen sind, als ich dachte: etwa als ich dazu aufgerufen habe, Burundi-Franc gegen Euro zu tauschen oder den Erlös aus dem Flaschenpfand zu spenden. Wenn es zu kompliziert wird, verliere ich die Geduld.

Beruflich betrachtet haben Sie aber Beharrlichkeit. Sie arbeiten seit fast 45 Jahren beim Ziegelhersteller Laumans. Seit 1912 hat immer jemand aus Ihrer Familie dort gearbeitet: Vater, Mutter, Ihre Großväter ...

Leven Natürlich ist es ein Stück Bequemlichkeit, mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zu können. Aber ich hatte bei Laumans immer die Möglichkeit, mich zu entwickeln, meinen Bilanz-Buchhalter, Controller und Betriebswirt zu machen. Ich bin dort Prokurist.

Die Verbindung Bracht-Burundi ist im wahren Sinne des Wortes weit hergeholt. Wie ist sie zustande gekommen?

Leven Durch Pater Marius Nicoyizigamiye. Er war von 1976 bis 1980 während seiner Priesterausbildung oft zu Besuch in Bracht. 1980 fuhr eine Delegation aus Bracht zu seiner Priesterweihe in Burundi. So kam der Kontakt zustande. Zunächst gab man ihm treuhänderisch Geld mit. Nach dem Besuch einer weiteren Reisegruppe aus Bracht, Brüggen und Born im Jahr 2007 kam aber dann der Gedanke "Was können wir noch tun?". 2008 wurde dann die Burundi-Hilfe gegründet.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu engagieren - auch in Deutschland. Warum Burundi?

Leven Ich war immer kirchlich und gesellschaftlich interessiert. Ich habe als Jugendlicher die KJG-Gruppe Frico-Boys gegründet, die jetzt, 40 Jahre nach der Gründung, immer noch als Stammtischgruppe existiert, und ich habe in verschiedene Hilfsorganisationen hinein geschnuppert. Ich bin an Burundi ganz unbedarft herangegangen. Ich war vorher nie in Afrika. Ich finde Burundi ein wunderschönes Land, und ich habe dort trotz aller Armut viele fröhliche Menschen getroffen. Ich weiß, dass ich die Welt nicht gerettet kriege, aber ich helfe, wo ich helfen kann - wohlwissend, dass es überfall Not gibt. Ich bin in der Afrika-Hilfe gut aufgehoben.

Hat sich Ihnen irgendein Erlebnis von Ihren Burundi-Reisen besonders eingeprägt?

Leven Die Messfeiern sind sehr eindrucksvoll. Da kommen gut 2500 Menschen in einer großen Kirchen-Halle zusammen. Das ist eine sehr fröhliche und bewegende Feier. Die Gesänge gehen einem durch Mark und Bein.

Sind Sie ansonsten ein Abenteuer-Urlauber?

Leven Nein, eher nicht. Ich bin viel auf Fernradwegen in Deutschland unterwegs.

SABINE JANSSEN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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