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Viersen
"Ich muss Sie transformieren"

Viersen: "Ich muss Sie transformieren"
Reporterin Jannetta Janssen ließ sich bei der "Heilernacht" die Hand auflegen, testete Kristalle und sammelte viele Unterlagen zu verschiedenen Heilermethoden. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Viersen. Handauflegen, Kartenlegen, auch eine Heiler-Ausbildung wäre möglich. Unsere Reporterin machte bei der "Heilernacht" in der Viersener Festhalle einen Selbstversuch. Von Jannetta Janssen

Schon draußen vor der Festhalle bin ich überrascht über den vollen Parkplatz. An der Kasse stehen die Menschen, meist sind es Frauen unterschiedlichen Alters, Schlange. Sie zahlen acht Euro Eintritt und bekommen somit Zutritt zur so genannten "Heilernacht" mit rund 70 Ausstellern. Schon den ganzen Tag habe ich Kopfschmerzen. Es liegt sicher wieder am Wetter - wie immer. Hier gibt es so viele Heiler, denke ich: Einer wird mir doch sicher helfen können.

In der Festhalle Stand neben Stand. Überall groß geschriebene Begriffe wie Energie, Spiritualität, Heilung, Bewusstsein. Ich verliere schnell den Überblick, denn an jedem Stand wird bereits praktiziert. Ich schließe mich für neun Euro einer Gruppenheilung an. Wir drei - eine ältere Frau, ein älterer Mann und ich - sitzen in einer Reihe. Die ausgebildete Heilerin, wie sich die Frau uns gegenüber selbst bezeichnet, sagt, wir sollen die Augen schließen. Sie fragt nicht nach unseren Beschwerden. Ich denke mir: Vielleicht spürt sie, dass ich Kopfschmerzen habe? Wenige Sekunden später fragt sie, ob wir ihre Wärme gespürt haben. Der Mann schüttelt den Kopf. Ich muss zugeben, mir ist heiß, aber nicht von ihrer Hand, sondern weil ich meine Jacke noch anhabe und hinter uns eine Art Wärmelampe brennt. "Sie haben eine gute Aura", sagt sie zu mir.

Die Sitzung ist schnell beendet. Das Handauflegen wiederholt sich noch mehrere Male. Sie drückt mir einen Kristall in die Hand. "Spüren Sie die Wärme?" Ich schüttle den Kopf. Wir probieren alle anderen sechs Steine. Doch es bleibt kalt. Ich könnte aber eine Ausbildung zur Heilerin machen. Der Preis steht nicht auf dem Info-Blatt, ich frage nach: "Also der erste Teil wären 1800 Euro", sagt die Frau. Danach könnte ich noch weitere Blöcke buchen. Am Ende gebe es ein Zertifikat. "Das dauert alles, ich muss Sie transformieren", erklärt sie mir und ich beiße mir auf die Lippen, um nicht zu lachen.

Kartenlegen kenne ich aus dem Fernsehen. Das gibt es hier auch. 15 Minuten kosten 25 Euro. Ich schaue hier lieber nur zu. Später treffe ich die beiden Frauen in der Festhalle wieder und spreche sie an, was sie erfahren haben: "Halte Ausschau, schau nach vorne ist die Botschaft", erklären sie mir. Sie sind mit der Aussage sehr zufrieden.

Die "Behandlungen" werden nur an wenigen Ständen gegen eine Spende gemacht. Die meisten kosten - und das meiner Meinung nach nicht wenig. Ein Mann fällt mir besonders auf. Er hält einer Frau die Wange. An seinem Handgelenk trägt er eine sehr teure Uhr. Am Tisch sitzt seine Assistentin und tippt etwas gelangweilt auf ihr Handy. Vor ihr liegt eine relativ volle Warteliste zum Handauflegen und eine Mappe mit Bildern von Menschen mit unterschiedlichen Beschwerden: Akne, Abszesse, Glatze. Vorher-nachher-Bilder. "Wie viele Behandlungen hat es gedauert, um die Akne loszuwerden?", frage ich. Ich bin überrascht, denn nicht die Assistentin, sondern der Heiler selbst antwortet mir, immer noch seine Patientin betreuend. "Vier - ich dachte auch, es wären mehr", sagt er stolz. Eine Behandlung kostet 75 Euro und dauert eine Stunde. Ob man davon leben könne, möchte ich wissen. "Dazu sagen wir nichts", erklärt mir die Assistentin schnippisch. Nicht jeder hätte diese Gabe, Menschen zu heilen.

Ich bin müde. Meine Kopfschmerzen sind nicht weg. In der Hand halte ich viele Unterlagen von verschiedenen Heilermethoden. Bis zum großen Feuerwerk bleibe ich nicht mehr. Mein Fazit: Ich bin überrascht, wie groß das Interesse an spirituellen Heilmethoden ist. Ich habe von vielen Besuchern bestätigt bekommen, dass es ein großer Markt ist und man das "Heilen" erlernen könne. Für mich ist das nichts. Ich werde also keine Heiler-Ausbildung machen.

Quelle: RP
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