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Dieter Bongartz
"Ich musste Geschichten erzählen"

Viersen. Der Autor und Filmemacher Dieter Bongartz ist tot. Geboren in Dülken, setzte er seiner Heimatstadt mit dem Kinderbuch "Der zehnte Sommer des Kalli Spielplatz" ein literarisches Denkmal. Im vergangenen Jahr gab er dieses Interview.

Herr Bongartz, bitte geben Sie uns einen kurzen Abriss Ihrer Biografie.

Dieter Bongartz Ich bin 1951 in Dülken geboren. Mein Vater führte hier in sechster Generation ein Maler- und Anstreicher-Geschäft. Ich ging hier zur Volksschule, erst Südschule, dann Ostschule. Am Gymnasium in Viersen machte ich Abitur. Nach dem Wehrdienst studierte ich in Bonn Germanistik, arbeitete anschließend ein paar Jahre in einem wissenschaftlichen Projekt. Ende 1979 merkte ich, dass ich das machen musste, was ich als Kind immer schon am liebsten getan hatte, nämlich Geschichten erzählen, Texte schreiben.

Wie haben Sie gemerkt, dass Sie als Autor leben und arbeiten möchten?

Bongartz Auf der Moselstraße in Dülken war in meiner Kindheit in einer kleinen Wohnung die Bibliothek des Borromäusvereins untergebracht. Dort lieh ich mir an jedem Wochenende vier Bücher aus, mehr waren nicht erlaubt. Sonntags durften wir nicht draußen spielen, und ich las stattdessen diese Bücher. Damals wuchs in mir die Faszination für die Welt der Geschichten, für eine fiktionale, ausgedachte Welt, die ihre eigene Realität hat. 1980 wechselte ich dann aus meinem bürgerlichen Beruf hinüber in den des Autors.

War das eine einfache Entscheidung?

Bongartz Nein, es war ein langer Prozess. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte meine Familie in der Zeit des "Wirtschaftswunders" in eher armen Verhältnissen. Hätte ich damals die Absicht geäußert, Geschichten erzählen zu wollen und Schriftsteller zu werden, hätte mich meine Familie wahrscheinlich zum Psychologen geschickt. Darum verbot ich mir damals zunächst einmal auch vor mir selbst, mir dieses Bedürfnis einzugestehen. Nach Adornos Satz, dass es "kein richtiges Leben im falschen" gibt, habe ich mich später zu diesem inneren Auftrag bekannt. Als erstes schrieb ich zwei Sachbücher, um mich an die Schreibarbeit heranzutasten. Ich schrieb auch Reportagen für Wochenzeitungen, später kamen erste Dokumentarfilme fürs Fernsehen hinzu. Meine Reportagen nutzte ich teilweise als Grundlage für fiktionale Geschichten.

Welche Rolle spielt Ihre Dülkener Herkunft für Ihr Schreiben?

Bongartz Immer wenn ich beim Schreiben kindliche Helden im Blick habe, formt sich wie automatisch der biografische Hintergrund dieser Stadt bei mir. Nicht nur "Der zehnte Sommer" ist klar hier angesiedelt, auch eine andere Geschichte, "Blumen für Angie". In der Erzählung "Humpelstilzchen" gibt es ebenfalls Motive, die hier verortet sind. Das ist eine Prägung, die sehr tief ist und die mich auch veranlasst hat, insgesamt fünf Dokumentarfilme zu drehen, die sich mit dem Alltag und der Geschichte des Niederrheins beschäftigen. Ich bin kein bisschen national gesinnt, was mein Vater immer sehr bedauert hat, aber ich bin ein totaler Lokalpatriot.

Wie ist Ihr heutiger Bezug zu Dülken?

Bongartz Meine jüngere Schwester, zu der ich ein sehr gutes Verhältnis habe, lebt hier. Wir haben zusammen eine Dauerkarte für Borussia Mönchengladbach, Stehplatz Nordkurve, Block 17. Ich mag die Landschaft des Niederrheins, diese ruhige und kleinteilige Landschaft, in der es viel Wasser gibt. Es ist etwas tief Vertrautes. Ich habe zehn Jahre in Bonn gewohnt, lebe seit über 30 Jahren in Köln. Aber weder in Köln noch in Bonnhabe ich so ein Heimatgefühl entwickelt, wie ich es hier empfinde.

Können Sie eine spezifische Dülkener Eigenart benennen? Was macht "den Dülkener" aus?

Bongartz Es gibt hier ja eine ausgeprägte karnevalistische Tradition. Es wurden immer viele Witze erzählt, oft schlüpfrige, oder Drietstöckskes. Diese launig-humorige Art habe ich für mich als prägend erlebt. Als ich einmal bei einem Besuch in Dülken an einer Kneipentheke stand, stellte sich mein alter Handball-Trainer aus Jugendzeiten neben mich, den ich zuvor bestimmt 15 Jahre nicht gesehen hatte. Er sah mich von der Seite an und fragte, als hätten wir uns am Vortag zuletzt getroffen: "Na, wie is' et?". Diese besondere Gelassenheit habe ich immer gemocht.

Ihr Lieblingsort in Dülken?

Bongartz Ich mag besonders die Gasse, die von der Moselstraße zur Rückseite der St.-Cornelius-Kirche führt. Auch den Blick vom Alten Markt die heutige Kreuzherrenstraße - früher Klosterstraße - entlang, wo an der Stirnseite ein schönes altes Gebäude steht, die Wälle, die Stadtmauer mit dem Gefangenenturm, das alte Waisenhaus. Und ich finde es klasse, dass es in dieser Stadt eine "Narrenmühle" gibt, die der Sitz einer Narrenakademie ist.

DIETER MAI FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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