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Viersen
"Ich will Leben retten"

Viersen: "Ich will Leben retten"
Mansoor Ahmad floh aus Afghanistan, nach einem halben Jahr kam er in Deutschland an. Heute geht er in Viersen zur Schule. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Viersen. Als Monsoor Ahmad in Viersen ankam, hatte er Schreckliches erlebt. Heute sieht er positiv in die Zukunft. Sein Traum: ein Medizinstudium. Von Bianca Treffer

Sein Blick ist ernst, und sein Gesicht ist nicht das Gesicht eine 15-Jährigen. Monsoor Ahmad wirkt älter. Aber wenn er lächelt, dann ist der Jugendliche zu sehen, der er eigentlich ist, und der er in Viersen auch sein darf.

Monsoors Geschichte nimmt ihren Anfang in Afghanistan. Die Taliban bedrohen seine Familie und ermorden seinen Vater. Monsoor, mit damals 14 Jahren der älteste Sohn neben seinem Bruder und seinen drei Schwestern, soll von den Taliban rekrutiert werden. Das möchte seine Mutter auf jeden Fall verhindern. Die Familie legt Geld zusammen und wendet sich an eine Schlepperbande, die den Jungen aus dem Land bringen soll. Damit beginnt im Januar 2014 für Monsoor eine Odyssee.

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Es geht nachts zu Fuß über die Berge, tagsüber versteckt sich die Gruppe stundenlang. "Wir waren alle erschöpft. Es gab kaum etwas zu essen. Die Schlepper bedrohten uns immer wieder und schlugen auch zu. Ich kam mir vor wie ein Tier, das von einem Ort an den anderen getrieben und dort an den nächsten verkauft wird", beschreibt Monsoor die Situation. Es geht durch sechs Länder, mal zu Fuß, dann mit einem Auto. Letztlich kommt der 14-Jährige in Österreich an, wo er auf einmal auf sich alleine gestellt ist.

Monsoor hat so viel Angst, dass er die Entfernung zu seiner Heimat noch größer werden lässt: Er schlägt sich nach Deutschland durch, wobei ihm sein Englisch, das er während seiner Schulzeit in Afghanistan lernte, weiterhilft. In Kempen schließlich greift ihn die Bundespolizei auf. Schnell stellt sich heraus, dass in dem neu eröffneten Clearinghaus in Viersen ein Platz frei ist. Monsoors Reise findet am 30. Juli 2014 ein Ende. Nicht aber die Angst.

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"Monsoor war sehr stark traumatisiert. Er hat alles gegessen, was er im Haus finden konnte und Lebensmittel in seinem Zimmer gehortet. Er konnte nicht verstehen, dass es hier ausreichend Essen gibt", erinnert sich Simone Wagner-Breuer von der evangelischen Jugend- und Familienhilfe, dem Träger des Viersener Clearinghauses. Neben den psychischen Problemen müssen eine Verletzung am Bein und ein Magenproblem behandelt werden. "Der Anfang war für mich sehr schwierig. Ich habe so schlimme Dinge auf der Flucht erlebt. In meinen Kopf waren nur die Gedanken, kämpfen, siegen, weitergehen", erinnert er sich.

Dass man Konflikte nicht mit den Fäusten austrägt, sondern darüber spricht, war eine ebenso neue Erfahrung für ihn. Mansoor erkannte aber sofort, dass es nur einen Weg für ihn geben kann - und das ist die Sprache. "Ich habe mir immer gesagt, dass ich die Sprache schnell lernen und mich darauf konzentrieren muss", erzählt Mansoor. Das starke Bemühen, Deutsch zu lernen fällt allen im Clearinghaus sofort auf. Im Deutschunterricht macht der 14-Jährige so große Fortschritte, dass er schon bald die Integrationsklasse an der Viersener Realschule besuchen kann. Doch da bleibt er nur wenige Tage. Sein Deutsch ist inzwischen so gut geworden, dass der Sprung in eine Regelklasse möglich ist. "Ich möchte gerne das Abitur machen und Medizin studieren. Das ist mein Traum. Ich will Leben retten", verrät der inzwischen 15-Jährige.

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Zu seiner Familie hat er keinen Kontakt herstellen können. Mansoor weiß nicht, ob seine Mutter, seine Schwestern und sein Bruder noch leben. Ein Suchantrag beim Deutschen Roten Kreuz läuft, doch bisher ohne Erfolg. "Ich denke jeden Tag an meine Familie. Ich habe hier Ruhe und Frieden, genug zu essen und kann bequem schlafen. Warum ist das, was für einen Europäer selbstverständlich ist, nicht auch für meine Familie in Afghanistan möglich?", fragt er sich.

Im Clearinghaus in Viersen lebt Monsoor inzwischen nicht mehr. Am 11. Juni zog er in eine Wohngruppe in Mönchengladbach, um in Viersen Platz für den nächsten traumatisierten jungen Flüchtling zu machen. "Das war schwer für mich. Ich habe fast ein Jahr in Viersen gelebt und dort nur Gutes erfahren. Beim Abschied musste ich weinen", gibt er zu.

Weil er so an Viersen hängt und dort auch Freunde gefunden hat, war es sein Wunsch, hier die Realschule weiter besuchen zu können. Ein Wunsch, der ihm erfüllt wurde: Nach den Ferien geht es in der Kreisstadt in der neunten Klasse weiter.

Quelle: RP
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