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Schwalmtal
"Ich wusste nichts von der Waffe"
Schwalmtal - der Tag danach
Schwalmtal - der Tag danach FOTO: AP
Schwalmtal. Erstmals äußert sich die Tochter des Todesschützen über den Dreifachmord von Schwalmtal-Amern. Die 44-jährige Barbara K. vermutet, dass sich in ihrem Vater über Jahre hinweg Verbitterung aufgestaut hatte. Den Auslöser für die Bluttat kennt auch sie nicht. Von Jörg Isringhaus, Gaby Laue und Jürgen Stock

Schwalmtal. Barbara K. hat überlebt. Sie war zur Tatzeit in dem Haus im Margeritenweg, als ihr Vater am Dienstagnachmittag gegen 16.30 Uhr mit zehn Schüssen drei Menschen erschoss und einen weiteren schwer verletzte. "Mein Beileid gilt den Familien der Opfer", sagt die 44-Jährige leise. Sie trägt Jeans und eine blaue Bluse. Die gleiche Kleidung trug sie auch am Tattag. "Gestern habe ich mir zum ersten Mal einen Korb mit Wäsche aus dem Haus holen können", berichtet sie. Geschlafen hat sie seit den tödlichen Schüssen fast gar nicht.

Der genaue Hergang des Verbrechens ist nach wie vor unklar. Neben Barbara P. überlebten ihre Mutter und ein Onkel die Tat unverletzt. In der Vernehmung verweigerte Barbara P. die Aussage. Sie sagt, sie habe "eigentlich nichts gesehen". Ihr Vater Hans P. räumt laut Staatsanwaltschaft die Tat im Wesentlichen ein, doch mache er keine genaue Angaben, berichtet ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

"Ich wusste nichts von der Waffe"

Energisch weist Barbara P. Berichte zurück, wonach ihr Vater auch auf sie geschossen haben soll. "Das ist nicht wahr." Laut Staatsanwaltschaft wurden Mutter und Tochter als Beschuldigte vernommen, weil der Verdacht besteht, dass sie von der Tat etwas geahnt haben könnten. Doch davon könne keine Rede sein, betont Barbara K.: "Ich habe nicht einmal gewusst, dass er eine Waffe besaß. Mir gegenüber hat er sie nie erwähnt."

Ihre in Unna wohnenden Eltern seien am Montag in Schwalmtal eingetroffen. An diesem Tag hatte ein Termin zur Bewertung des Hauses der Familie K. stattfinden sollen. Das Haus sollte nach einem jahrelangen Ehekrieg zwangsversteigert werden. Die Gutachter wollten im Beisein der Rechtsanwälte von K. und ihrem Ex-Mann ermitteln, wie hoch der Wert des Hauses ist.

Wütend könne ihr Vater höchstens auf den Rechtsanwalt der Gegenpartei gewesen sei, der unter den Opfern ist. Der habe "unverschämte" Briefe geschrieben. Aber zu den anderen Opfern habe keine Beziehung bestanden. "Ich wollte die Schuldigen an dem jahrelangen Gezerre bestrafen. Ich wollte ein Zeichen setzen, dass man mit mir und meiner Familie so nicht umspringen kann", hatte P. in der Vernehmung gesagt.

Was war der Auslöser?

Barbara K. streitet auch ab, dass ihre Eltern eigens zu dem von Montag auf Dienstag verschobenen Schätztermin angereist seien. Ihr Ex-Mann Hubert K. hatte die Vermutung geäußert, dass eigentlich er hätte Opfer des Anschlags werden sollen und nur überlebt habe, weil er nicht zu dem Termin erschienen sei. Doch auch das hält Barbara K. für abwegig. "Wenn man einen Mord plant und das vorgesehene Opfer nicht erscheint, bläst man die Sache doch ab und erschießt nicht Unschuldige", sagt Hans-Peter Rogge, bei dem Barbara K. derzeit Unterschlupf gefunden hat. "Das war eine Kurzschluss-Handlung."

Aber was war der Auslöser? Vor den tödlichen Schüssen habe es keinen Streit und keinen Wortwechsel gegeben", sagt Barbara K. Als sie die Toten im Treppenhaus liegen sah, sei sie in Panik auf die Straße gerannt. Warum sie wieder ins Haus zurückkehrte, vermag sie nicht zu sagen. Danach habe sie mit Mutter und Onkel im Schlafzimmer gewartet. Wo sich Hans P. während der Belagerung durch das SEK aufgehalten hat, weiß sie nicht. "Ich hatte nur Angst, dass die Polizisten mich erschießen."

Strafverfahren gegen den Twitter-Gaffer

Ihrem Vater hätten die Folgen einer Auseinandersetzung zu schaffen gemacht, als deren Opfer sich P. empfunden habe. Im April 2006 soll P. laut Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft eine Tante seines Schwiegersohns mit einem Baseballschläger schwer verletzt haben. Barabara K. erzählt eine andere Geschichte. Demnach seien drei Verwandte ihres Ex-Mannes über den Vater hergefallen und hätten ihn schwer verletzt. Ein Baseballschläger sei nie gefunden worden. P. wurde angeklagt und wegen Verhandlungsunfähigkeit nicht belangt. Die Ermittlungen gegen die Gegenseite wurden eingestellt. Barbara K.: "Das hat mein Vater nie verwunden."

Die Polizei hat inzwischen den Mann geortet und identifiziert, der während des SEK-Einsatzes in Amern den Polizeifunk abgehört und Funksprüche umgehend im Internet über das Medium Twitter veröffentlich hatte. Gegen den Nettetaler wird nun ein Strafverfahren eingeleitet. Laut Polizei habe der Mann den Zugriff allerdings nicht gefährdet, weil das SEK über abhörsichere Handys kommuniziere.

Quelle: RP
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