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Niederkrüchten
Kartoffelsalat, Gedichte und gebügeltes Lametta

Niederkrüchten. Erika Bruns aus Niederkrüchten erinnert sich an die ersten Weihnachtsfeste nach dem Krieg: "Ich bin am 9. September 1942 als viertes von zehn Kindern geboren. Ich erinnere mich, dass die Weihnachtsfeste 1945 und 1946 sehr traurig waren. Wir hatten nichts. Von unserem Vater wussten wir nichts, und ich war durch einen bakteriellen Infekt sehr schwach.

Als mein Vater 1947 aus der Gefangenschaft kam, wurde Weihnachten wieder festlich. Es gab einen Tannenbaum, den er liebevoll immer gleich schmückte. Das Lametta wurde, wenn nötig, gebügelt. Dann hing unser Vater jedes einzelne Lamettafädchen an den Baum. Das machte er immer in der Nacht vor dem Heiligen Abend.

Unser Vater war auch für die Weihnachtsteller zuständig. Später, als ich groß genug war, durfte ich mithelfen. Das Obst füllte den halben Teller aus, dann kamen einige Süßigkeiten dazu. Meine Mutter und meine älteste Schwester packten Kleinigkeiten ein. Es war immer etwas zum Anziehen, was wir ohnehin brauchten. Später gab es mal ein schönes Buch, ein Spielzeug oder ein Gesellschaftsspiel für alle. Noch später kam eine Holzkrippe dazu, die ich heute noch in Ehren halte.

Das Wohnzimmer wurde vor Heiligabend abgeschlossen. Alle packten am 24. Dezember mit an. Wir wollten ja schnell fertig werden. Meistens gab es Kartoffelsalat, vielleicht eine halbe oder auch eine ganze Wurst. Hinterher musste schnell gespült werden. Um 17 Uhr war schließlich Bescherung. Das Zimmer wurde aufgeschlossen. Mein Vater zündete die Wachskerzen an, und wir durften ins Zimmer. Dann sangen wir Weihnachtslieder. Die Größeren sangen mehrstimmig. Die Kleinen sagten ein Gedicht auf, das wir Größeren mit ihnen geübt hatten. So ging es eine Zeit: Lied, Gedicht, Lied, Gedicht. . . Danach durften wir nachsehen, was das Christkind gebracht hatte. Wir haben die Kleinen immer so lange, wie es ging, glauben lassen, dass es ein Christkind gibt. Jahre später, als wir Buntstifte und Blätter hatten, malten oder schrieben wir unseren Eltern etwas. Schenken konnten wir nichts, da wir kein Taschengeld bekamen. Meine Eltern mussten sehen, dass wir alle satt wurden und ordentlich gekleidet waren. Mein Vater war Weltmeister im Stopfen, Bügeln, Putzen und Kartoffelschälen. In der heimeligen Atmosphäre gingen wir um Mitternacht in die Christmette. Das allein fanden wir toll, da wir sonst früh ins Bett mussten. Weihnachten war für uns alle wirklich ein Fest. Wir waren glücklich - ohne viele Geschenke."

Quelle: RP
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