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Viersen
Keine Blumen mehr am Busbahnhof

Viersen: Keine Blumen mehr am Busbahnhof
Margret und Heinz Rath öffnen morgen zum letzten Mal ihr Geschäft. FOTO: Manfred Baum
Viersen. Die "Stadt im Grünen" Süchteln hat der Gärtner und Florist Heinz Rath, "'ne Hagenbroicher Jong", mit seiner Ehefrau Margret mehr als 50 Jahre mit begrünt. Denn Heinz Rath (71) war 57 Jahre in seinem geliebten Beruf tätig und hat seine Lehre im Blumenhaus Niestegge in Süchteln absolviert. Von Manfred Baum

Jetzt, nach 50-jähriger Selbstständigkeit, ist Schluss. Morgen, 24. Juni, schließt das Ehepaar die Türen seines Blumenladens zum letzten Mal.

Am 1. Juni 1967 hatte Heinz Rath sein Blumengeschäft eröffnet. Die Erbpacht mit der Stadt Viersen endet am 31. Dezember dieses Jahres. Es war zunächst ein kleiner Rundladen am Busbahnhof, den Heinz Rath vor Jahrzehnten erweiterte und mit seiner Frau (66), die ebenfalls Floristin ist, zu einem führenden Blumen- und Floristikgeschäft in Süchteln auf- und ausbaute.

Heinz Rath gibt so manche Anekdote zum Besten, als er auf abwechslungsreiche fünf Jahrzehnte am Busbahnhof zurückblickt: So habe er sich einmal selbst in der Toilette eingeschlossen und versucht, durch ein schmales Fenster Hilfe zu bekommen. Eine vorbeigehende Frau habe ihm einen Vogel gezeigt und gesagt: "Typisch Süchteln." Ein anderes Mal sei eine Mitarbeiterin geschockt gewesen, als sie allein im Laden war und ein Kunde sich ihr "unsittlich zeigte". Außerdem habe es einmal eine Wasserleiche in der Leichenhalle gegeben; der Sarg habe schräg an der Wand gestanden, als sich plötzlich der Deckel geöffnet und die Wasserleiche ihre Arme nach oben gestreckt habe, erinnert sich der 71-Jährige.

30 Jahre lang hat es beim Floristenpaar Ausstellungen in der Adventszeit gegeben, die stets einige hundert Besucher lockten. Heinz Rath blickt zurück "auf ganz tolle und engagierte Mitarbeiter", aber auch auf "treue Kunden, die wir teilweise in der dritten Generation bedient haben." Auch dazu hat er eine Anekdote parat: Demnach habe eine 102-jährige Kundin bei ihm Blumen gekauft. Ihre Tochter habe sie gedrängt, sich zu beeilen, denn der Bus nach Viersen würde gleich kommen. Die Mutter jedoch habe ihrer über 70 Jahre alten Tochter erwidert: "Wir gehen natürlich zu Fuß nach Viersen."

In den letzten Wochen seien Kunden in den Blumenladen gekommen, die nicht wahrhaben wollten, dass das Geschäft geschlossen würde und die, so Rath, "auch im Laden ein paar Tränen vergossen haben". Ebenso habe es Kundinnen gegeben, die Heinz Rath gefragt hätten: "Darf ich sie zum Abschied noch einmal drücken?" Ein Kunde hatte einst bei Heinz Rath den Brautstrauß bestellt und kaufte jetzt zum 50. Hochzeitstag bei ihm wieder einen Blumenstrauß für die Gattin. Fast täglich hatte das Blumenhaus Rath rund 30 Sorten Frischblumen im Angebot.

Heinz Rath erinnert sich an die Hochzeit für Kränze bei Beerdigungen. "Das ist komplett zurückgegangen", sagt er. "Es gibt fast nur noch kleine Kränze für die Urnen." Zugenommen habe in den vergangenen fünf Jahrzehnten die Herstellung von Blumengestecken zusammen mit anderen Materialien.

Heinz Rath erinnert sich an zahlreiche Einbrüche, die erst aufhörten, als er sein Geschäft von Hunden bewachen ließ. Kurios wurde es, als er einen Kunden in sein Geschäft eingeschlossen hatte - aus Versehen, der 71-Jährige war für rund eine Stunde weg, um zu Hause zu Mittag zu essen.

Jetzt will es sich das Ehepaar gut gehen lassen. Es hat eine mehrtägige Schiffsreise auf dem Rhein mit guten Freunden geplant. Ganz ohne Beschäftigung will Heinz Rath den Ruhestand allerdings nicht verbringen. Er kümmert sich um die Grabpflege auf dem Süchtelner Waldfriedhof. Was Heinz und Margret Rath tun würden, wenn man die Uhr 50 Jahre zurückdrehte? Noch einmal alles genau so machen, wie sie es gemacht haben, sagen sie.

Quelle: RP
 
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