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Schwalmtal
"Kind ist nicht abrichtfähig"

Schwalmtal: "Kind ist nicht abrichtfähig"
Bilder wie das von Anneliese geben den Opfern ein Gesicht. FOTO: RPO
Schwalmtal. 320 Seiten, fast sieben Jahre Arbeit. So nüchtern könnte man zusammenfassen, was als "Rheinprovinz Band 18" der Schriftenreihe des Landschaftsverbandes erschienen ist. Andreas Kinast schrieb über "Euthanasie" in Hostert. Von Anne Goch

"Das Kind ist nicht abrichtfähig – ,Euthanasie' in der Kinderfachabteilung Waldniel 1941-1943" lautet der vollständige Titel. Geschrieben hat es mit Andreas Kinast (45), von Beruf Sparkassenbetriebswirt, kein Historiker, sondern einer, der suchte. "Ich wollte ein Buch lesen, von dem ich dachte, dass es schon längst geschrieben sein müsste", sagt er von den Anfängen seiner Suche.

Dunkle Vergangenheit

Für die Zeit des Nationalsozialismus hatte der Kempener sich schon in der Schule interessiert, und als er in die Waldnieler Geschäftsstelle der Sparkasse versetzt wurde, wurde ihm nach und nach klar, welche Vergangenheit die verfallenden Gebäude an der Autobahnausfahrt Hostert haben, die im Volksmund ihren letzten Namen "Kent-School" tragen. Kinast begann zu forschen und landete sehr schnell bei Dr. Wolfgang Werner, der beim Landschaftsverband Rheinland für die Archive zuständig war. Der war, als Kinast das erste Mal anrief, in einer misslichen Lage. Denn die Geschichte der Kinderfachabteilung Waldniel, in der 99 Kinder starben, sollte erforscht und niedergeschrieben werden. Zwei Psychologen hatten nacheinander mit der Aufgabe begonnen – und wieder aufgegeben. Und dann kam Kinast.

"Kein Historiker, kein Psychologe, aber ein entschlossener Mann", erinnert sich Weber. Und dem habe er nicht sagen wollen, er möge es lieber lassen. "Ich wollte ursprünglich überhaupt kein Buch schreiben", sagt Kinast. "Ich wollte es nur wissen. Erst etwa anderthalb Jahre nach Beginn meiner Arbeit sagte Herr Weber beiläufig, er sei auf mein Buch gespannt." Da habe er realisiert, dass er nicht nur sammeln, sondern auch schreiben wolle. Urlaubsziele der Familie Kinast wurden in den folgenden Jahren so ausgewählt, dass Papa Andreas mal eben für zwei Tage in einem Staatsarchiv verschwinden konnte, um weitere Quellen über Kinderfachabteilungen zu sichten. Er fand Formulare aus dem Johannistal in Süchteln wie das über "Heinrich", aufgenommen am 8. März 1942, mit der Diagnose (unterstrichen: gesichert) "Angeborener Schwachsinn, Erbkrankheit". Das Leben des Sechsjährigen endete laut Todesbescheinigung in der Kinderfachabteilung Waldniel am 15. Juli 1942 um 4.40 Uhr – "Herz- und Atemstillstand" vermerkten Ärzte der Anstalt lapidar.

"Ein ausgebildeter Historiker, der nicht nur in seiner Freizeit daran arbeitet, hätte es vielleicht in drei Jahren geschafft", sagt Kinast rückblickend. Manchmal habe die Zeit aber auch für ihn gearbeitet. Denn er wollte nicht nur Karteikarten und Arztbriefe finden, sondern auch Zeitzeugen aufspüren – und vor allem den ermordeten Kindern ein Gesicht geben, mit Fotos. In zwei Fällen ist ihm das gelungen. Anneliese und Else starben in Waldniel. Der Bruder eines der Mädchen wusste, dass Bilder existieren mussten, suchte aber zunächst vergeblich. Zwei Jahre später rief er Kinast an – er hatte die Bilder gefunden.

Quelle: RP
 
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