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Heimat entdecken in Brüggen
Kirchenkampf in Bracht

Heimat entdecken in Brüggen: Kirchenkampf in Bracht
Dicht beieinander liegen im Brachter Ortskern die evangelische Kirche (links) und die katholische Kirche St. Mariä Himmelfahrt (rechts). FOTO: Franz-Heinrich Busch
Brüggen. Die große katholische und die kleine evangelische Kirche in Bracht blicken auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Früher gab es oft Ärger: Katholiken störten den evangelischen Gottesdienst, Reformierte die Prozession mit Mistwagen Von Ina Germes Dohmen

Seit wann es eine katholische Kirche in Bracht gibt, ist nicht bekannt. Eine angebliche Nennung der Kirche im Jahr 1220 bezieht sich auf die Klosterkirche Kamp, nicht auf Bracht. 1291 wird die Pfarre zum ersten Mal erwähnt, da hat auch sicher eine Kirche existiert. Über ihr Aussehen und ihre Größe schweigen die Quellen ebenso wie zum Patrozinium.

Im ausgehenden 15. Jahrhundert wurde unter dem ersten namentlich bekannten Pfarrer Paul Schlepelen die Kirche neu gebaut oder erweitert. Ob diese Kirche unter dem Patronat der Muttergottes stand, lässt sich nur vermuten. Da die Schöffen des Dorfes ihr Siegel mit einem Bildnis Mariens versahen, wird sie eine besondere Bedeutung für Bracht gehabt haben. Aus den im Pfarrarchiv erhaltenen Schriften aus dem 17. und 18. Jahrhundert geht das Patrozinium Mariens leider nicht hervor. Hier wird nur auf die Altäre St. Johann Baptist, St. Antonius und St. Anna verwiesen. Erst im 19. Jahrhundert heißt es durchgehend St. Mariä Himmelfahrt.

1533, als sich erste reformatorische Tendenzen in Bracht zeigten, wurden für das gesamte Kirchspiel, also das Dorf und alle Honschaften, 800 Kommunikanten angegeben. 800 Katholiken über zehn oder elf Jahre - das hieß auch 800 Einwohner. Doch die Alleinstellung der katholischen Kirche, die in vielen Orten der Region bis fast in die Gegenwart typisch war, ging in Bracht bald verloren. Denn die katholischen Priester Brachts wie auch ihre Pfarrkinder waren um 1530/1550 der neuen Lehre gegenüber durchaus aufgeschlossen. Als sich seit 1570 eine evangelische Gemeinde in Bracht herausbildete, wurde diese im Zuge der Gegenreformation vornehmlich von der weltlichen Obrigkeit unterdrückt.

Vor allem der Brüggener Amtmann Johann Friedrich von Schaesberg war bei den Reformierten wegen seiner Repressalien gefürchtet. Er ließ zum Beispiel 1629 die neue Mauer um den reformierten Kirchhof wieder abreißen. Erst 100 Jahre später konnten die Brachter Reformierten daran gehen, direkt an der Hauptstraße eine Kirche zu bauen, die 1699 eingeweiht wurde. Doch weiter waren kleine und große Streitigkeiten zwischen den Konfessionen der Normalfall - so wurden katholische Prozessionen von reformierten Gemeindemitgliedern mit Pferd und (Mist-)Wagen aufgehalten wie auch der evangelische Gottesdienst durch katholischen Brachter bewusst gestört wurde.

Die evangelisch-reformierte Gemeinde bestand 1817 aus nur 140 Mitgliedern, ihnen standen 1828 Katholiken und 14 Juden gegenüber. Die meisten Evangelischen lebten in Boerholz und im Dorf. Die eingeschworene Gemeinschaft der Evangelischen ging mit den katholischen Brachtern keine Mischehe ein, wie der evangelische Pfarrer 1899 stolz berichtete.

Umgekehrt war es natürlich nicht anders: Die katholische Mehrheit, die sich auch im Gemeinderat niederschlug, versuchte verschiedentlich - wenn auch nicht immer mit Erfolg - die katholischen Interessen durchzusetzen, so bei der Bezuschussung des Gehaltes des katholischen Küsters durch alle Brachter Einwohner oder beim geringeren Gehalt des evangelischen Lehrers.

1789 war die katholische Kirche unter Pfarrer Johann Müller durch einen Tausch mit dem Dülkener Kreuzherrenkloster zu barockem Hochaltar und Chorgestühl gekommen. 40 Jahre später traf die Gemeinde ein herber Schlag: Am 9. Juni 1830 stürzte der Kirchturm aus dem späten 15. Jahrhundert ein und riss beinahe das gesamte Kirchenschiff mit sich. Nur der schön gewölbte gotische Chor mit seiner "neuen" Ausstattung blieb unversehrt. Pfarrer Josef Eßer gelang es, seine Pfarrkinder zu einer unglaublichen finanziellen wie physischen Kraftanstrengung zu bewegen. Schon ein Jahr später wurde ein neuer Turm errichtet und das Kirchenschiff wieder aufgebaut, das Ende 1832 wieder genutzt werden konnte. Die heutige Kirche ist eine gelungene Kombination eines spätgotischen Chores und eines sehr frühen neugotischen Kirchenschiffs. Der Turm wurde 1860 noch einmal um ein Stockwerk erhöht.

Die Autorin Ina Germes-Dohmen ist Herausgeberin der Ortsgeschichte "Bracht. Geschichte einer niederrheinischen Gemeinde von der Frühzeit bis zur Gegenwart." Erhältich ist das Buch für 25 Euro im Buchhandel, ISBN 978-3-944146-81-2.

Quelle: RP
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