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Serie 175 Jahre Sparkasse (1)
Kleine Geschichte des Geldes

Viersen. Wozu brauchen wir Geld? Wann wurde es erfunden und warum? Würde die Welt besser sein ohne Geld? Wozu sind Banken gut? Der Harvard-Historiker Niall Ferguson sagt: "Geld kommt beim Aufstieg der Menschheit eine wesentliche Bedeutung zu." Von Jens Voss

Kreis Viersen Im Jahr 2002 bekam erstmals nicht ein Mensch, sondern ein Ding den Aachener Karlspreis verliehen: der Euro, unser Geld. Gewürdigt wurde seine Rolle für die europäische Einigung; den Preis nahm der damalige Präsident der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg, entgegen. Er hatte in seiner Dankesrede eine erstaunliche Botschaft im Gepäck: Beim Geld hört die Freundschaft nicht auf, beim Geld fängt sie erst an. Und zwar deshalb, weil Geld nur funktioniert, weil wir alle darauf vertrauen, dass das wertlose Material in unserem Portemonnaie doch den Wert hat, der draufsteht. Geld ist Vertrauenssache, und damit grenzt es an ein Wunder, dass diese Erfindung bis heute funktioniert.

Es gibt immer mal wieder Globalisierungskritiker, die die Abschaffung des Geldes fordern und damit die Hoffnung auf einen moralischen Fortschritt verbinden. Ökonomen halten dagegen: das erste, was nach dieser Abschaffung passieren würde, wäre eine Verarmung der Menschheit. Der Harvard-Historiker Niall Ferguson sagt: "Geld kommt beim Aufstieg der Menschheit eine wesentliche Bedeutung zu." Mit der Erfindung des Geldes wurde demnach der Austausch von Waren einfacher und schneller, die Arbeitsteiligkeit immer feiner, Erfindungen und Produkte immer besser - und dadurch wuchsen aufs Ganze gesehen Wohlstand und Lebenssicherheit. "Ich glaube," so sagt Ferguson, "Geld ist die Quelle - oder besser der Geburtshelfer - beinahe allen Fortschritts in der Geschichte."

Die Erfindung des Geldes ist schon im reinen Tauschhandel Ware gegen Ware angelegt: Denn auch dabei muss sich jeder überlegen, was und wie viel ihm die Ware, die er eintauschen will, wert ist. Der Logik des Tauschens lag ein Gefälle zur Abstraktion inne, die Frage nach dem "Wert" eines Dinges im Vergleich zu anderen Dingen. Vorformen des Geldes waren Waren, die als Tauscheinheit dienten: besondere Steine, Muscheln, Schnecken, Kamele, Salz - kurioserweise gab es parallel dazu auch das erste Falschgeld wie nachgemachte Muscheln.

Ab 1000 vor Christus wurde das ersten münzähnliche Geld geschaffen: kleine Spaten in China. Die ersten Münzen sind für Europa seit etwa 700 vor Christus in Griechenland belegt. Allen diesen Dingen, die die Rolle des Geldes übernahmen, ist nach den Worten des Ökonomen Ferguson eines gemeinsam: "Sie sind nur das wert, was ein anderer dafür zu geben bereit ist. Geld ist Vertrauenssache, egal, ob es sich beim Trägermaterial um Ton, Gold oder Papier handelt."

Geld hatte noch eine Eigenschaft: Einmal da, wurde es zum Wirtschafts- und Handelsgut wie andere Dinge auch. Es unterliegt bis heute der grundlegenden Regel allen Tauschens: Je größer die Geldmenge ist, die im Umlauf ist, desto geringer ihr Wert - und umgekehrt. Geld unterliegt den Regeln des Warentauschs - und diese Tauschwirtschaft wurde um so komplizierter, je mehr Währungen es gab. In der Logik dieser Entwicklung liegt die Erfindung der Banken: Der Name geht auf das italienische Wort banco oder banca zurück und meint schlicht Tisch - den Tisch nämlich, auf dem Geldhändler ihre Ware, also Geld in verschiedenen Währungen ausgebreitet haben.

Der Siegeszug des Bankinstituts ging von den großen italienischen Stadtstaaten aus, die allesamt reiche und mächtige Handelsnationen waren: Städte wie Florenz. Wieder greift, was Ferguson gesagt hat: Der europäische, ja weltweite Handel hing am Einsatz von einem hochflexiblen Tauschmedium, am Geld eben. Der Aufstieg von Kunst und Wissenschaft seit der Renaissance in Europa hänge eben auch damit zusammen, dass die Geldwirtschaft den Handel beschleunigte und damit Wohlstand und kulturelle Leistungen möglich machte, die die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte und vor denen wir heute noch bewundernd stehen. So alt wie die Geschichte des Geldes ist auch die Kritik des Geldes: Als 1534 der Wiedertäufer Jan Matthys die Macht in Münster übernahm, verfügte er auch die Abschaffung des Geldes - die Zeitgenossen empfanden das Programm der Wiedertäufer (zu dem auch Bildersturm, Vertreibung der Nicht-Wiedergetauften und die zwangsweise Einführung der Gütergemeinschaft gehörten) als Terrorherrschaft. Bis heute gibt es in kapitalismus- oder globalisierungskritischen Kreisen die Forderung oder den Traum von der Abschaffung des Geldes. In der Realität war jede Geldkrise mit Verlusten an Wohlstand verbunden. Geld ist am Ende wohl doch nur ein Medium. Ob mit oder ohne Geld: Gut oder schlecht, gierig oder mitfühlend sind die Menschen selbst.

Die Fotos zeigen Stücke aus der Geldhistorischen Sammlung der Sparkasse; sie ist in der Hauptstelle am Ostwall in Krefeld im Untergeschoss zugänglich.

Quelle: RP
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