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Serie Mein Jahr In China
Kopf aus und einfach in die Pedale treten

Serie Mein Jahr In China: Kopf aus und einfach in die Pedale treten
Unterwegs in China: Leon Zehner (links) und sein Freund Joni befinden sich auf dem Weg nach Anshun. Die letzte Etappe vor der Millionenstadt ist 105 Kilometer lang und beschwerlich. FOTO: Leon Zehner
Viersen. Leon Zehner aus Amern hat sein freiwilliges Jahr in der Entwicklungshilfe absolviert. Jetzt fährt der 19-Jährige mit dem Fahrrad nach Shanghai. Die Himalaya-Region haben er und sein Freund nun hinter sich gelassen. Von Leon Zehner

Schwalmtal/ Shanghai An diesem Mittwochmorgen fällt es uns nicht schwer, aus dem Bett zu kommen. Die Stadt Anshun in der Provinz Guizhou ist das Ziel, was wir an diesem Tag erreichen wollen. Dort wollen wir einen Ruhetag einlegen. Nach sieben kräftezehrenden Fahrtagen durch die Ausläufer des Himalaya ist Ruhe überfällig. Nicht nur unser Körper sehnt sich danach, auch unser Kopf braucht eine Pause. Wir freuen uns darauf, auszuschlafen, zu duschen und vor allem einen Tag nicht aufs Fahrrad zu steigen. Daher sind wir motiviert und spüren zusätzliche Energie in uns. 105 Kilometer trennen uns von der 2,3-Millionenstadt, und noch ist nichts von einer Großstadt zu spüren.

Am Abend zuvor haben wir es mit Mühe in ein Bergdorf geschafft. Platz zum Zelten gab es nicht. Jede freie Fläche wird zum Reisanbau genutzt. Netterweise bot uns ein altes Ehepaar einen Gästeraum in seinem Haus an. Für umgerechnet fünf Euro konnten wir dort unterkommen und unsere letzte Etappe vor Anshun planen. Laut unserer Karte dürften die ersten 60 Kilometer anspruchsvoll werden. 45 Kilometer vor Anshun müssten wir dann schneller vorankommen.

Der Start an diesem Morgen läuft gut. Wir kommen früh los, die Sonne scheint und wir haben leichten Rückenwind. Nach einer Stunde und einem zurückgelegten Höhenkilometer zieht sich der Himmel aber zu. Die Straße wird schlechter, der Wind dreht sich und es fängt heftig an zu regnen.

In der Region ist der extreme Wechsel der Umstände normal. Auch wenn wir uns vorgenommen haben, unsere Laune von solchen unveränderlichen Dingen nicht abhängig zu machen, fällt es uns an diesem Tag schwer. Unsere Stimmung verschlechtert sich und wir reden nur noch das Nötigste miteinander. Jeder kämpft mit sich und seinen Gedanken.

Beim Mittagessen setzen wir uns mit dem Gedanken auseinander, den Ruhetag zu verschieben. Wetter und Straße sind einfach zu schlecht, unser Ziel zu ambitioniert.

Völlig unerwartet folgt dann eine lange Schussfahrt. Geschenkte 15 Kilometer - neue Hoffnung keimt auf. Wenn wir bis 17.30 Uhr die 65 Kilometer gefahren sind, können wir es doch schaffen. Oder? All die Gedankenspiele bringen nichts. Kopf aus, Gedanken still und einfach in die Pedale treten.

Nach einem weiteren schwierigen Abschnitt, der an Chinas bekanntestem Wasserfall Huangguoshu vorbeiführt, wird die Umgebung flacher. Wir haben das weitläufige Anshun mit seinen zahlreichen Vororten erreicht. Die Bedingungen sind wieder gut. Gerade Strecke, gute Straße, kein Regen. Wir spüren dieselbe Energie, die uns morgens aus dem Bett geholt hat. Anshun scheint wieder in greifbare Nähe zu rücken.

Um 20 Uhr liegen wir dann geduscht im Bett. Joni liest ein Buch, ich lerne chinesische Vokabeln. Wir haben Anshun eine Stunde zuvor erreicht. Die letzten 45 Kilometer vor Anshun erwiesen sich als einfach. Der Gedanke an den freien Tag morgen löst Freude bei mir aus.

Ich denke daran zurück, warum ich diese Tour überhaupt machen wollte. Es ging mir auch darum, dass ich mich mental fordern wollte, neue Situationen durchzumachen, die erfordern, dass ich mich aufs Wesentliche konzentriere. Eine Herausforderung, aber ich merke, dass dieser Lernprozess beständig vorangeht.

Bis zum nächsten Mal - zàijiàn!

Quelle: RP
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