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Todesfälle nach dubioser Krebstherapie
Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung

Krebstherapie - Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung
Das alternative Heilzentrum in Brüggen-Bracht blieb am Montag vorläufig geschlossen. FOTO: Jungmann, G�nter
Düsseldorf . Nach der Behandlung in einem Heilzentrum in Brüggen-Bracht (Kreis Viersen) sind drei Patienten gestorben. Zwei weitere liegen im Krankenhaus. Die Staatsanwaltschaft Krefeld ermittelt jetzt wegen fahrlässiger Tötung in einem Fall.   Von Sebastian Dalkowski und Susanne Hamann

Was ist in Brüggen-Bracht passiert?

In der vergangenen Woche waren innerhalb von drei Tagen zwei Frauen und ein Mann gestorben, die in einer Praxis in Brüggen-Bracht nahe der niederländischen Grenze behandelt worden waren. Der erste Todesfall ereignete sich vergangenen Samstag, als eine 43-jährige Niederländerin in einem Mönchengladbacher Krankenhaus verstarb. Laut den Behörden sei die Krebspatientin aus der Provinz Nordbrabant seit dem 25. Juli, also fünf Tage vor ihrem Tod, in dem ambulanten Krebszentrum Klaus-Ross-Klinik unter anderem mit dem alternativen Heilmittel 3-Bromopyruvat (3BP) behandelt worden. Die Brustkrebspatientin galt als nich mehr therapierbar. Die Polizei Mönchengladbach und die Staatsanwaltschaft Krefeld haben daraufhin die Ermittlungen aufgenommen. 

Die anderen beiden Todesfälle wurden erst Donnerstagabend bekannt, weil die ebenfalls niederländischen Patienten nach der Behandlung nach Hause gefahren waren. Es handelt sich nach Polizeiangaben um eine 55-jährige Frau aus Belgien sowie einen ebenfalls 55-jährigen Mann aus den Niederlanden. Zwei weitere niederländische Patientinnen wurden stationär im Krankenhaus aufgenommen. Über ihren Zustand gibt es bislang keine Angaben. Alle fünf betroffenen Patienten wurden am Mittwoch vergangene Woche in dem Heilzentrum behandelt.

Bereits einen Tag vor dem Tod der Niederländerin, hatte die Staatsanwaltschaft Krefeld gemeinsam mit der Amtsärztin Martina Kruß und Amtsapotheker Torsten Lehmann die Praxisräume des Heilpraktikers durchsucht und sowohl Patientenakten als auch Medikamente sichergestellt. Die genaue Todesursache der drei verstorbenen Patienten ist bislang allerdings nicht bekannt. Die Staatsanwaltschaft Krefeld ermittelt im Fall der 43-jährigen Niederländern inzwischen wegen fahrlässiger Tötung, wie ein Sprecher am Freitagmorgen mitteilte. Die anderen beiden Todesfälle werden von den niederländischen Behörden untersucht.

Die Praxis wurde aufgrund der Vorfälle behördlich geschlossen – "mindestens bis zum Abschluss des eingeleiteten Ermittlungsverfahrens", wie es in einer Mitteilung heißt. Sie wird demnach von einem Heilpraktiker betrieben, der laut Angaben auf der Internetseite biomedizinische Technik in Gießen studierte, dann 20 Jahre als Produktmanager für kostspielige medizinische Geräte gearbeitet hatte und anschließend eine Ausbildung zum alternativen Behandler gemacht haben soll. Ihm wurde untersagt, weiterhin als Heilpraktiker im Kreis Viersen tätig zu sein. Die Praxis betrieb der Mann demnach seit August 2014.

Warum wurden in dem Heilzentrum so viele Niederländer behandelt?

Die Klinik Klaus-Ross richtet sich vor allem an niederländische Patienten. Dies zeigt sich bereits an der Homepage, die vollständig in Niederländisch verfasst ist. Offenbar kommen häufig niederländische Patienten nach Bracht, weil die Gesetze für alternative Heilmethoden in Deutschland nicht so streng sind wie in den Niederlanden. 

Wie wurden die verstorbenen Patienten behandelt?

Auf der Homepage des Zentrums heißt es: "Krebs behandeln. Effektiv und hundert Prozent biologisch!" Zu den genannten Behandlungsmethoden zählen die Immun-, Bio-Resonanz-, Sauerstoff- und Cranio-Sacral-Therapie sowie Verfahren des Biochemikers Warburg, die sich mit dem Stoffwechsel der Krebszelle beschäftigen. Alle betroffenen Patienten wurden zudem mit dem Mittel 3-Bromopyruvat (3BP) behandelt, das in den Zuckerstoffwechsel der Zellen eingreift und so den Zelltod der Krebszellen beschleunigen soll. Eine Behandlung dauert zehn Wochen und kostet rund 10.000 Euro. 

Weil der Heilpraktiker seine Patienten nach dem Auftreten von Beschwerden lediglich mit Vitaminen behandelt haben soll, anstatt den Notarzt zu rufen, hatte Amtsärztin Kruß bereits vergangenes Wochenende eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft eingereicht. Laut Ermittlern hatte die 43-Jährige Patientin über Kopfschmerzen geklagt. Später habe sie einen verwirrten Eindruck gemacht und sei nicht ansprechbar gewesen. 

Das Gesundheitsamt des Kreises Viersen warnt inzwischen vor dem Mittel 3BP und bittet alle Patienten, die damit behandelt worden sind, sich zu melden. Zwar müssten eingehendere medizinische Untersuchungen noch zeigen, was sich in der Klinik genau zugetragen hat, dennoch bestehe derzeit ein konkretes Gesundheitsrisiko für Patienten, die sich in dem Krebszentrum einer Behandlung unterzogen haben.

Was ist 3-Bromopyruvat?

3BP ist bislang nur wenigen Medizinern bekannt, entsprechend wenig Informationen gibt es über das Mittel. Es gilt jedoch als Wirkstoff, der den Energiestoffwechsel in den Tumorzellen hemmen soll und somit ihren Zelltod beschleunigen soll. Laut Experten wurde das Mittel bislang jedoch nur an Tieren getestet. Wie es auf den Menschen wirkt, ist unklar. Ebenfalls unsicher ist, ob das Mittel nur in den Stoffwechsel von schadhaften Zellen eingreift oder ob es auch gesunde Zellen befällt. Weil das Mittel unbekannt ist, bewegt sich die Behandlung damit in einer Grauzone. Ob es als legal oder illegal einzustufen ist, können zu diesem Zeitpunkt weder die Staatsanwaltschaft Krefeld noch Medizinjuristen sagen. 

Darf ein Heilpraktiker überhaupt ein Krebsmedikament verabreichen?

Im Gegensatz zum Arzt durchläuft ein Heilpraktiker kein Medizinstudium, sondern legt eine eigene Prüfung vor einem Amtsarzt ab. Mit dem Abschluss darf der Heilpraktiker Medikamente verordnen, so lange sie nicht verschreibungspflichtig sind oder unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Alternative Medizin dagegen darf der Heilpraktiker verabreichen. Die Klinik wurde von den Behörden allerdings mindestens bis zum Ende der Ermittlungen geschlossen. Der Heilpraktiker darf bis auf weiteres im gesamten Kreis nicht praktizieren. Geprüft wird, ob ihm seine Heilpraktiker-Erlaubnis vollständig entzogen wird. 

(ham)
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