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Viersen
Künstler verändern das Bild der Stadt

Viersen: Künstler verändern das Bild der Stadt
An mehreren Stellen in der Stadt hat sich Käthe Wenzel um die "Umschilderung" gekümmert - unter dem Zebrastreifenschild steht "Utopia" auf Aramäisch. FOTO: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)
Viersen. Die "Stadtbesetzung" endet am Sonntag in der Galerie im Park, doch der Stadt bleiben künstlerische Eingriffe noch eine Weile erhalten. Von Birgitta Ronge

Wer vom Busbahnhof auf das Stadthaus zuläuft, sieht ihn sofort: den "Underground River", das 3D-Gemälde, das der Straßenmaler Edgar Müller im Laufe einer Woche dort aufs Pflaster brachte. Der dreidimensionale Effekt wird nur für denjenigen sichtbar, der sich an eine bestimmte Stelle stellt - nämlich dahin, wo die roten Füße sind, und von dort aus ein Foto schießt. Dieses Kunstwerk ist ein Teil der Arbeiten, die vorerst bleiben, auch wenn die Ausstellung "Stadtbesetzung" in der Städtischen Galerie im Park in Viersen am Sonntag endet.

Wer ein Stückchen weiter auf das Stadthaus zu läuft, entdeckt über dem Briefkasten am Kundencenter der NEW ein gelbes Schild. "Utopia" steht darauf. Auch an anderen Stellen in der Stadt installierte Käthe Wenzel diese Schilder. Mal stand "Utopia" darauf, mal "Atlantisz" oder "Parallelgesellschaft".

Dreidimensional erscheint der "Underground River" von Edgar Müller, wenn man sich auf die roten Füße stellt und ein Foto schießt. FOTO: Franz-Heinrich Busch

Zwischen dem Bild der idealen Stadt, Utopia, und dem Bild der untergegangenen Stadt, Atlantis, geht die Berliner Künstlerin der Frage nach, wo realer in gedachten Raum übergeht, wo sich die viel zitierte Parallelgesellschaft eigentlich befindet - vielleicht am Kreisverkehr an der Lindenstraße, wo die Schilder bereits entfernt wurden? Am Eingang zum Forum des Kreishauses verkündete ein Schild: "Teleporter" - als könne der Passant von hier aus an einen anderen Ort gelangen, allein durch Gedankenkraft.

Zehn Künstler stellen seit Ende August ihre Arbeiten in der Galerie im Park aus: Edgar Müller, Michel "Cren Pietsch", Matthias Wermke, Mischa Leinkauf, Siegfried Müller, Jens Hewelt und Tom Hewelt, die während des Jazzfestivals Meret Becker und Nigel Kennedy mit Sprühdose und Airbrush-Pistole porträtierten, Käthe Wenzel, Lars Zimmermann und Garvin Dickhof.

Die Pflanze lebt im Grau der Stadt: ein "Grasbaustein" von Garvin Dickhof. FOTO: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)

Lars Zimmermann sorgte für kleine Eingriffe, die nur dem aufmerksamen Spaziergänger auffallen, etwa indem er Mülleimer zu Briefkästen mit einem großen aufgebrachten Briefsymbol umfunktionierte, oder das Hüpfkästchenspiel, das Kinder mit Kreide auf die Straße malen, in einer solchen Anordnung in der Rathausgasse aufs Pflaster malte, dass man der Aufforderung "Bitte sortieren" nur springend folgen kann, wenn man entweder sehr lange Beine hat oder Anlauf nimmt.

Garvin Dickhof lenkte den Blick der Viersener aufs Pflaster ihrer Stadt: Er verlegte an mehreren Stellen "Grasbausteine", indem er einige Pflastersteine entfernte, ein Rohr in die Erde steckte, es erst mit Blumenerde und dann mit einer Löwenzahnpflanze füllte, die Erde wässerte und dann eine zwei Zentimeter dicke Plexiglasscheibe draufschraubte. An einigen Stellen blieb der Löwenzahn stark, an anderen Stellen kämpfte sich Gras aus der Erde nach oben ans Licht, an die Plexiglasdecke.

Seit knapp einem Monat sind die Pflanzen nun unter Plexiglas, und die Verhältnisse schaden ihnen nicht, im Gegenteil: "Man vergisst ja, dass unter dem Pflaster Erde ist", sagt Dickhof. "Die Pflanzen holen sich das Wasser aus der Erde, durch die Scheiben kommt Licht." Von innen beschlagen die Scheiben: Die Pflanze lebt im Grau der Stadt.

Auch Schilder nahm Dickhof sich vor: Mancherorts kleben überzeugte Vegetarier Aufkleber mit dem Schriftzug "eating animals" auf ein Stopschild, so dass dann dort "Stop eating animals" steht ("Hört auf, Tiere zu essen"). Dickhof hat solche Stellen genutzt, auf einem anderen Stopschild daneben eine eigene, übrigens leicht ablösbare Folie anzubringen: Unter das "Stop" klebte er "telling me what to do" (Hört auf, mir zu sagen, was ich tun soll"). Diese Aktion richte sich nicht gegen Tierschützer oder Vegetarier, betont Dickhof, "sie wendet sich gegen die Bevormundung".

Mit künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum beschäftigt sich Dickhof auch für seine Masterarbeit an der Hochschule Niederrhein. Der Viersener findet Kunstaktionen im öffentlichen Raum besonders reizvoll - eben deshalb, weil sie mitten in der Stadt passieren. "Im Ausstellungsraum sind die Leute darauf vorbereitet. Sie wissen, dass sie gleich auf Kunst treffen, wenn sie eine Galerie betreten", erläutert Dickhof. "Im öffentlichen Raum ist das nicht so. Die künstlerische Intervention soll Menschen überraschen, ihnen die Möglichkeit geben, Dinge zu hinterfragen, vielleicht die Perspektive zu wechseln."

Für ihn als Künstler sei es schön, die Reaktion der Menschen zu sehen, die beim Bummel durch die Stadt oder im täglichen Vorübereilen plötzlich stehenbleiben. "Wenn ein Kind da steht und darauf zeigt und sagt: ,Guck mal!', dann reicht mir das", sagt Dickhof. "Es muss nicht die große Skulptur sein. Es reicht, wenn die Leute für einen Augenblick etwas anderes sehen."

Quelle: RP
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