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Serie Vor 440 Jahren
Liebesaffäre beschwor großes Unheil herauf

Viersen. Der Kölnische Krieg endete mit einem Sieg der Gegenreformation - auch in Kempen, Tönisvorst und Willich. Von Leo Peters

KEMPEN/Grefrath Nein, es handelt es sich nicht um den Stoff eines drittklassigen historischen Romans, sondern um handfeste Geschichte: ein Kölner Erzbischof und Kurfürst ehelichte eine Gerresheimer Stiftsdame und stürzte das Erzstift Köln in einen brutalen Krieg, der auch in Teilen des heutigen Kreises Viersen furchtbar wütete.

Vor 440 Jahren wurde der damals 30-jährige Gebhard Truchsess von Waldburg Erzbischof und Kurfürst von Köln. Obwohl von einer protestantischen Mehrheit dominiert, wählte ihn das Kölner Domkapitel 1577 in das reichspolitisch hoch bedeutsame Amt des Kölner Kurfürsten. Das entsprach zwar nicht dem Wunsch von Kaiser und Papst, die lieber Ernst von Bayern in dieser Position gesehen hätten. Da der aus altem süddeutschem Adel stammende Gebhard aber als überzeugter Katholik galt, fand man sich mit der Wahl ab, zumal - was in der damaligen Adelskirche nicht selbstverständlich war - der junge Erzbischof-Kurfürst sich sogar zum Priester weihen ließ.

Doch bald bahnte sich der Bruch mit der alten Kirche an: Gebhard verliebte sich in die Gerresheimer Stiftsdame Agnes Gräfin von Mansfeld. Graf Adolf von Neuenahr stellte ihnen sein Moerser Schloss "als Liebesnest zur Verfügung" (LVR-Geschichtsportal). Agnes' angesehene Brüder verlangten freilich die Legalisierung der Beziehung durch eine förmliche Heirat.

Auf protestantischer Seite sah man jetzt die Chance, den eine Generation vorher gescheiterten Versuch zu wiederholen, das Kölner Erzstift zum Abfall von der alten Kirche zu bringen. Insbesondere Johann VI. von Nassau-Siegen, ein Bruder Wilhelms von Oranien, förderte Gebhard in diesem Bestreben. Der Widerstand von katholischer Seite formierte sich rasch, hätte doch ein später Sieg der Reformation im Kurfürstentum zu einer derartigen Machtverschiebung führen können, dass das Kurfürstenkollegium mehrheitlich einen evangelischen Kaiser wählen würde. Auf regionaler Ebene hätte Gebhards Politik wohl dazu geführt, dass Kempen, Oedt, das heutige Tönisvorst und das heutige Willich protestantisch geworden wären.

Aber Domkapitel und Landstände verweigerten dem Kurfürsten die Gefolgschaft. Papst und Kaiser setzten Gebhard Truchsess 1583 als Erzbischof und Kurfürst ab. Es kam zum "Kölnischen" oder "Truchsessischen Krieg", der für Teile des Niederrheins weitaus schlimmere Folgen hatte als der Dreißigjährige Krieg.

In Gebhards Nachfolge wurde der zuvor unterlegene Bayernprinz Ernst gewählt. Schon 1584 konnten Gebhards Gegner die in seiner Hand befindliche Residenzstadt Bonn zurückerobern, und selbst die protestantischen Kurfürsten des Reiches erkannten Ernst von Bayern an. Aber die Hoffnungen auf Frieden trogen. Dazu der ehemalige Bonner Ordinarius Prof. Wilhelm Janssen: "Dass dieser Krieg mit seinen für die niederrheinische Bevölkerung verheerenden Folgen trotzdem weiterging, hing damit zusammen, dass er sich inzwischen von seinem Anlass und Beweggrund gelöst hatte und zu einem Nebenkriegsschauplatz des niederländischen Befreiungskampfes geworden war. Nicht mehr Bayern und die Truchsessianer, sondern Spanier und Niederländer standen einander gegenüber." Gebhard Truchsess war am Ende der große Verlierer. 1589 verzichtete er auf das Erzstift Köln. Aber der Krieg, dessen Bedeutung schließlich eine europäische Dimension erreichte, ging weiter. Während der 1547 gescheiterte, aber besonders in Kempen vehement unterstützte Versuch des Kurfürsten Hermann von Wied, sein Land dem evangelischen Glauben zuzuführen, auf der respektablen persönlichen Überzeugung des Kurfürsten beruhte, waren es bei Gebhard Truchsess weit weniger ehrenwerte, nämlich machtpolitische und Standesgründe, die sein Handeln bestimmten. Ihm kam es vor allem darauf an, trotz des Konfessionswechsels als Kurfürst von Köln zu bestehen. Mit seinem Nachfolger Kurfürst Ernst von Bayern setzte im Kölner Erzstift eine entschiedene Rekatholisierungspolitik ein, die im Ergebnis auch dazu führte, dass die genannten Teile des heutigen Kreises Viersen bis in die napoleonische Zeit nahezu ausschließlich katholisch blieben. Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts blieb das Erzstift ununterbrochen fest in der Hand des Hauses Wittelsbach und erlebte mit Kurfürst Clemens August einen glamourösen Abschluss seiner Herrschaft am Rhein, zu dem nicht zuletzt der Bau des Schlosses Augustusburg in Brühl gehörte.

Quelle: RP
 
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