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Niederrhein
Luther und der Niederrhein

Viersen. Die Geschichte der Reformation am Niederrhein weist Besonderheiten auf: Die Unsicherheit, welcher Konfession man angehört, währte länger als anderswo. Von Jens Voss

Und egal ob katholisch oder evangelisch: Die Ansprüche an die Pfarrer sind im Zuge der Reformation gestiegen — es sind haarsträubende Geschichten über aufbegehrende Gemeinden überliefert

Um das Jahr 1690 kam es in Winnekendonk zu einem denkwürdigen Trinkgelage: Der schwer betrunkene Küster des Ortes erlitt einen Schlaganfall und starb, bevor ihm die Sterbesakramente erteilt werden konnten - denn auch der zuständige Pfarrer Franziskus Bart war so betrunken, dass er dazu nicht in der Lage war. Überliefert ist die Geschichte, weil sich die Gemeinde bitter über ihren Pfarrer beschwert hat. Es gibt viele solcher Beschwerden. Sie zeugen von einem gewachsenen Selbstvertrauen der Gemeinden und von gewachsenen Ansprüchen an die Qualität der Pfarrer. Man kann mit Fug und Recht davon ausgehen, dass dieser Trend auch eine Frucht der Reformation war, die vielfältig auch in die katholische Kirche hineingewirkt hat.

Martin Luther (1483 - 1546) löste am 31. Oktober 1517 - heute vor 500 Jahren - mit der Veröffentlichung seiner 95 Thesen gegen den Ablass die Reformation aus. FOTO: epd

Berüchtigt war auch Pfarrer Adrian Cophinius von Walsum - seine Gemeinde hat sich 1625 in einer Bittschrift bitter über ihn beklagt. Der Pfarrer sei unfähig zu predigen; er betrete die Kanzel liederlich, ohne Chorrock und Stola, er trage die Hostie für das Sterbesakrament in der Hosentasche zu Sterbenden, sodass die Oblate zerbrösele; er beerdige nur Wohlhabende wegen der Gebühren und lasse sich bei Trauerfeiern für Arme gar nicht blicken.

Nach einem Jahrhundert Reformation nahmen im 17. Jahrhundert auch die Katholiken steigenden Anteil an der inneren Erneuerung ihrer Kirche. Die Geschichte der Reformation am Niederrhein ist insofern interessant, als dass es länger als anderswo gedauert hat, bis sich klares konfessionelles Bewusstsein herausgebildet hat. Die Unsicherheit war lange groß, es hat Jahrzehnte gedauert, bis sich das Gefühl, einer je eigenen Kirche anzugehören, herausbildete.

Die Karte zeigt den Niederrhein im Jahr 1825. FOTO: Hantsche

Die humanistisch geprägten Herzöge von Kleve wollten der Reformation mit gemäßigten Reformen die Spitze abbrechen: Der katholische Herzog Wilhelm von Kleve (Regierung von 1539 bis 1592) zum Beispiel stellte es 1540 dem Rat der Stadt Wesel frei, das Abendmahl in beiderlei Gestalt (als Brot und Wein) auszuteilen. Als Kaiser Ferdinand ihn für diese Politik der Duldung kritisierte, verteidigte Wilhelm sie mit dem Hinweis, er wolle so dem Täufertum und anderen extremen Erscheinungen der Reformation entgegenwirken. Diese Politik des Ausgleichs hat sich, aufs Ganze gesehen, nicht durchgesetzt, und sie war auch nicht immer milde. Die Auseinandersetzungen wurden härter, giftiger, zuweilen: mörderischer. Als erster evangelischer Märtyrer des Rheinlandes ist Adolf Clarenbach (1497-1529) in die Geschichte eingegangen. Er vertrat in Wesel als Konrektor einer Lateinschule reformatorisches Gedankengut, wollte etwa Heiligenbilder aus den Kirchen entfernen. Er wurde dafür vom klevischen Herzog Johann III. (1490-1539; regierte ab 1521) misstrauisch beobachtet - bis der Landesherr 1525 die Ausweisung Clarenbachs aus Wesel verfügte.

In Köln wurde Clarenbach dann verhaftet und als Ketzer zum Tode verurteilt; er sei, so das hasserfüllte Urteil seiner Richter "ein räudiges Schaf und ein nach Fäulnis stinkendes Glied der Kirche, das abgeschnitten werden" müsse. 1529 wurde Clarenbach verbrannt.

Die Fronten verliefen nicht nur zwischen Katholischen und Evangelischen - auch innerhalb des Protestantismus gab es erbitterte Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Reformierten. Das zunächst eher lutherisch geprägte Wesel zum Beispiel wurde seit 1545 zum Ziel von calvinistischen Flüchtlingen. Im Calvinismus galt eine andere Abendmahlstheologie als in lutherischen Gemeinden: Während Luther die Realpräsenz Christi im Abendmahl lehrte, war für Calvin wie überhaupt für reformierte Gemeinden das Abendmahl nur eine Zeichenhandlung, die auf Christus verweist. Der Rat der Stadt verlangte schließlich 1556 von den Einwanderern, die lutherische Lehrmeinung zu unterschreiben oder die Stadt zu verlassen. Viele Flüchtlinge verweigerten die Unterschrift und wurden tatsächlich ausgewiesen. Bemerkenswert ist, dass in diesem Streit sowohl Calvin als auch Melanchthon mit moderaten Positionen zu vermitteln suchten - vergeblich.

So waren Glaubensfragen Staatsangelegenheiten, das Klima zwischen den Glaubensrichtungen wurde giftiger. In Krefeld, das bekanntlich zur protestantischen Grafschaft Moers gehörte und vom reformierten Lager dominiert wurde, waren Katholiken geduldet. Die heutige, ursprünglich katholische Alte Kirche ging an die Reformierten. Die Katholiken durften in der kleinen Klosterkirche (die früher am Schwanenmarkt stand) Gottesdienste feiern - offiziell aber ohne Eucharistie. 1639 kam es zu einer heftigen Konfrontation zwischen dem katholischen und dem protestantischen Krefeld: Die Evangelischen beschuldigten die Jesuiten, bei offener Kirchentüre die Einkleidung neuer Ordensmitglieder zelebriert zu haben; dies sei "Schimpf und Schmach" für die "wohlbestellte christliche Kirche". Der Leiter des Jesuitenkonvents musste 50 Goldgulden Strafe zahlen. Zur Wahrheit gehört, dass die - in Krefeld vorherrschenden - Reformierten auch die Lutheraner unterdrückten. Offiziell galt die Regel: In Krefeld gab es das Abendmahl nur bei den Reformierten. Das traf die wenigen Lutheraner besonders hart: Für sie gab es in der ganzen Grafschaft Moers kein eigenes Angebot - die Katholiken konnten, wenn sie nicht heimlich kommunizieren wollten, nach Fischeln oder Hüls ausweichen; die nächste lutherische Gemeinde war in Duisburg. Gerade die Geschichte der Lutheraner in Krefeld zeigt, dass sich auch die protestantischen Strömungen untereinander spinnefeind waren. Luthers "Freiheit eines Christenmenschen" - seine innigeste und friedvollste Schrift - endete faktisch bei religiösen Differenzen. Krefelds Lutheraner setzten erst 1729 mit Hilfe des preußischen Staates durch, dass sie eine eigene Gemeinde mit Kirche sein durften - die 1756 erbaute Kirche stand an der Ecke St.-Anton-Straße/Lutherische-Kirch-Straße. 1821 endet die Geschichte der lutherischen Gemeinde mit der Vereinigung von reformierter und lutherischer Gemeinde zur Unierten Kirche - wiederum auf Druck der preußischen Regierung.

Heute erinnert nur noch die Lutherische-Kirch-Straße an dieses Kapitel, das ein trauriges ist: Einem Jahrhundert freier Religionsausübung der Lutheraner standen rund zwei Jahrhunderte Bedrückung durch die Reformierten gegenüber. Und es waren nicht die Konfessionen, die diese Geschichte beendeten, sondern der preußische Staat, der die protestantischen Lager in ein Zeitalter der Toleranz zwang.

Überblickt man diese Facetten der niederrheinischen Reformationsgeschichte, versteht man einmal mehr: Martin Luther war kein Verfechter religiöser Freiheit, sondern ihr Wegbereiter. Er selbst und die, die sich auf ihn beriefen, meinten, wenn sie Freiheit sagten, immer nur ihre eigene Rechtgläubigkeit, die es gegen andere durchzuhalten und durchzusetzen galt.

Das Freiheitsdenken, das auch die Freiheit der anderen will, ist erst die Frucht säkularer Geistigkeit und der Aufklärung. Die Kirchen haben diese Lektion gelernt. So hat der frühere Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Kock, gesagt, die Kirchen dürften nicht hinter die Errungenschaften der Aufklärung zurückfallen. Die Freiheit eines Christenmenschen meint eben auch die Freiheit, anders oder gar nicht zu glauben. Luther hätte seine Probleme mit dieser Weiterung seines Denkens gehabt - er war unduldsam bis zum Hass gegenüber allen, die ihm nicht folgten (nicht nur gegenüber Rom). Man ehrt ihn und sein Erbe dann wirklich, wenn man in diesem Punkt über den Reformator hinausgeht. Glaube und Freiheit gehören zusammen - nur frei ist Glaube bei sich selbst.

Dorothea Coenen: Die katholische Kirche am Niederrhein ... , 1967, sowie Werner Mohn: Die Geschichte der lutherischen Gemeinde in Krefeld (1729 - 1821), 1998.

Quelle: RP
 
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