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Viersen
Mit 110 Jahren rückt die Kindheit ganz nah

Viersen: Mit 110 Jahren rückt die Kindheit ganz nah
Zu ihrem 110. Geburtstag gratulierten Therese Fenners gestern unter anderem ihre Familie, die Bürgermeisterin und der Bundespräsident. FOTO: Juckenack
Viersen. Therese Fenners ist Viersens älteste Einwohnerin und gehört zu den zehn ältesten Deutschen. Gestern feierte sie im Altenheim Maria-Hilf ihren 110. Geburtstag Von Constanze Juckenack

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war Therese Fenners acht Jahre alt. Sie wohnte mit ihren Eltern und neun Geschwistern im Rahser. Bei Angriffen versteckte die Familie sich im Keller, erzählt Fenners. Sonst scheint dieser Krieg keine Erinnerungen hinterlassen zu haben, die sie heute bewegen. "Ich hatte eine schöne Kindheit", sagt sie. Gestern hat sie ihren 110. Geburtstag im Altenheim Maria-Hilf an der Goetersstraße gefeiert.

Therese Fenners zählt zu den ältesten Menschen in Deutschland. Sie steht auf einer Liste mit den ältesten Deutschen im Internetlexikon Wikipedia. Demnach leben nur neun andere Menschen in der Bundesrepublik, die ebenfalls 110 Jahre alt oder älter sind. Für Jüngere erscheint Fenners Lebensspanne kaum vorstellbar. In ihrem Geburtsjahr 1906 zerstörte das legendäre Erdbeben San Francisco. Das erste deutsche U-Boot lief vom Stapel. Wilhelm II. war Kaiser des Deutschen Reiches.

Am Nachmittag ihres Geburtstags sitzt Fenners in einem bequemen Sessel im Gemeinschaftsraum des Altenheims. Sie schaut aus dem Fenster auf die Rückseite der Albert-Vigoleis-Thelen-Stadtbibliothek und die Einfahrt zur Tiefgarage Rathausmarkt. Vor ihr stehen auf einem kleinen Tisch eine Torte aus Plüsch, zwei Blumengestecke und ein Foto von Bundespräsident Joachim Gauck. "Er hat ihr geschrieben und zum Geburtstag gratuliert", sagt eine Ordensschwester, die sich um Fenners kümmert. Fenners erkennt den Präsidenten nicht.

Sie verwechselt ihn mit jemandem, der ihr ein Gesteck mit weißen Alpenveilchen geschenkt hat. "Aber das ist der Bundespräsident", sagt die Schwester. "Ein schmucker Mann, finden Sie nicht?" - Fenners überlegt. "Das müssen Sie wissen", sagt sie zu der Schwester, lächelt. Als sei ihr der Bundespräsident zu jung. Er ist ja auch 34 Jahre jünger als sie.

Bis vor einiger Zeit konnte Fenners Antworten auf die Frage geben, wie sie das gemacht hat, so alt zu werden. Sie gehört inzwischen zu den Supercentenarians, Menschen, die mindestens 110 Jahre alt sind. Gereontolegen beschäftigen sich mit der Frage, was diese Menschen auszeichnet, suchen nach dem Schlüssel zu Jugend und Gesundheit. Fenners sagte dazu einst, sie habe sich von Alkohol, Zigaretten und Ärzten ferngehalten. Sie habe in Maßen gegessen und sei viel spazieren gegangen. Und die Familie habe immer an erster Stelle gestanden. Als nach dem Zweiten Weltkrieg Lebenmittel knapp waren, sei sie bis nach Straelen und Wankum gelaufen, um bei Bauern Butter und Eier einzutauschen. So hatten ihre zwei Kinder etwas zu essen.

Bis vor ein paar Jahren hat Therese Fenners ihre Tage im Altenheim mit Lesen verbracht. Mehr als 500 Bücher aus der Haussammlung habe sie gelesen. Heute gelingt ihr das nicht mehr. Sie schweigt dazu, wie sie ihre Tage verbringt. Lieber erzählt sie von ihrer Kindheit. "Wir waren sieben Mädchen und drei Jungen." Ihre Geschwister und sie seien zur Firma Zahn im Rahser gegangen, "dort gab es einen Rundläufer und eine Rutschbahn, einen Spielplatz", erinnert sie sich. Pongs und Zahn war eine Weberei und Baumwollspinnerei im Rahser. Sie schloss in den 1970er Jahren.

Therese Fenners beantwortet die Frage nicht, ob sie ihre Geschwister vermisst. Sie wurden zwar alle über 80 Jahre alt, sind aber dennoch heute schon lange tot. Auch dazu, ob ihr Mann Heinrich ihr fehlt, der 1991 starb, schweigt sie. Aber sie sagt: "Ich bin alleine übrig geblieben. Das war furchtbar."

Gibt es so etwas wie einen schönsten Moment in ihrem Leben? Auch dazu schweigt Therese Fenners. Sie zuckt mit den Schultern. Schließlich sagt sie: "Ich habe ein schönes Leben gehabt. Ein wirklich schönes Leben."

Quelle: RP
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