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Viersen
Mit dem Rad in die Integration

Viersen: Mit dem Rad in die Integration
Mounir Louali (2.v.l.) und die anderen minderjährigen Flüchtlinge reparieren Fahrräder oder setzen aus mehreren kaputten ein neues ganzes Rad zusammen. FOTO: busch
Viersen. In der Garage des Clearinghauses der evangelischen Jugend- und Familienhilfe ist seit einigen Wochen die neue Fahrradwerkstatt untergebracht. Junge Flüchtlinge reparieren Räder, um Deutsch zu lernen und mobil zu sein. Von Bianca Treffer

Mit fachmännischen Blicken begutachtet die Gruppe von jungen Männern das silberne Tourenrad, das auf dem Fahrradhalter festgeschraubt ist. "Die Reifen sind platt und sehen sehr abgefahren aus. Zudem haben wir hinten kein Licht mehr, und die Bremsen lassen auch zu wünschen übrig", zieht Mounir Louali ein erstes Fazit. Doch das kann keinen dort entmutigen.

Vielmehr setzt nach der Schadensaufnahme durch den Mitarbeiter des Viersener Clearinghauses rege Betriebsamkeit ein. Die an der Wand hängenden Reifen werden einer gründlichen Prüfung unterzogen und in der Ersatzteilecke wird nach einem Rücklicht gesucht. Mit gezielten Griffen nehmen die Jugendlichen passendes Werkzeug von den Wandhalterungen und die Arbeit beginnt.

Seit nunmehr zwei Monaten wird in einer der Garagen des Clearinghauses geschraubt. "Wir haben eine Fahrradwerkstatt ins Leben gerufen", sagt Stephan Jansen, Gruppenleiter im Viersener Clearinghaus. Der Grund war, dass die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die im Clearinghaus leben, keinen Anspruch auf Bustickets wie beispielsweise ein Schokoticket haben. Allerdings möchten sie dennoch mobil sein.

Fahrräder wären da eine gute Alternative, die auf der Hand liegt. Die Anschaffung von Rädern würde aber den finanziellen Rahmen sprengen - daher kam die Idee der Fahrradwerkstatt auf.

"Damit packen wir gleich mehrere Dinge an. Die Jugendlichen erfahren wie die einzelnen Radteile und das Werkzeug auf Deutsch heißen und lernen selber ein Fahrrad zu reparieren sowie instand zu halten. Dazu haben sie letztendlich ein Rad, das ihnen Mobilität schenkt", sagt Simone Wagner-Breuer von der evangelischen Jugend- und Familienhilfe - dem Träger des Clearinghauses.

Platz war in der ehemals als Lagerraum genutzten Garage genug vorhanden. Das Clearinghaus bewarb sich unter dem Stichwort "Teilhabe" mit dem Projekt bei der Diakonie und konnte dank einer aus Kollektenmitteln stammenden Spende der Diakonie Rheinland Westfalen Lippe das Fahrradprojekt umsetzen. Und mit dem Geld konnte das richtige Werkzeug angeschafft werden.

"Wir können hier jetzt Fahrräder komplett auseinandernehmen und wieder zusammensetzen", berichtet Jansen. Egal, ob ein Schlag in einem Rad ist oder Kränze abgezogen werden müssen - alles ist machbar. Gearbeitet wird dabei mit gespendeten Rädern, die nicht mehr hundertprozentig intakt sind. So ist zum Beispiel aus drei defekten Rädern wieder ein voll funktionstüchtiges Rad entstanden.

Das Wissen, um die Räder fachgerecht instand zu setzen oder aus mehreren wieder ein funktionierendes zu bauen, bringen Louali und sein Kollege Fatbardh Ibrahimi bereits mit. Die beiden sind nicht nur begeisterte Fahrradfahrer, sondern auch technisch versiert. Zum Radteam gehört zudem noch Stefanie Abels, die "sich in die Fahrradmaterie einarbeitet", wie es Jansen beschreibt.

15 Räder hat das Clearinghaus bislang als Spende erhalten. Daraus sind insgesamt sieben intakte Räder entstanden, die sogar ein Prüfsiegel tragen. Denn wenn ein Rad wieder in Ordnung ist, dann bekommt es einen gelben Aufkleber mit dem Schriftzug "TÜV 43", damit jeder weiß, dass es sich um ein einsatzbereites Rad handelt.

"Wir sind die 43. Gruppe bei unserem Träger und so entstand unser TÜV Symbol", verrät Wagner-Breuer. In der Fahrradwerkstatt freut man sich, wenn weitere gebrauchte Räder abgegeben werden, damit jeder der Flüchtlinge ein Rad bekommen und später eventuell sogar mitnehmen kann. Und ein wenig Pech hatten die jungen Mechaniker auch schon. Eins der reparierten Räder wurde vor dem Clearinghaus gestohlen.

Quelle: RP
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