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Brüggen
Mit den Ziegeln kam der Wohlstand

Brüggen: Mit den Ziegeln kam der Wohlstand
Die Dachziegelproduktion war Knochenarbeit: In der Tongrube wurde der Ton von den Arbeitern mit der "Schüppe" abgebaut. Dann wurde der Ton auf Wagen verladen, die per Pferd oder Lok zur Ziegelei gebracht wurden. FOTO: Germes-Dohmen
Brüggen. Seit 120 Jahren werden in Bracht maschinell Dachziegel gefertigt. Die Dachziegel- und Tonindustrie machte aus dem Dorf eine der reichsten Gemeinden in der Region. Um 1900 wurden in Bracht zehn Millionen Dachziegel produziert Von Dr. Ina Germes-Dohmen

Für das Brachter Wirtschaftsleben war die Dachziegel- und Tonindustrie in den vergangenen 120 Jahren wesentlicher Faktor. Sie machte das Dorf zu einer der wohlhabendsten Gemeinden in der Region. Denn die Steuereinnahmen der Ziegelfabriken und die Einnahmen durch die Tonverkäufe aus dem Gemeindewald spülten Geld in den Gemeindehaushalt.

Die Ansiedlung der Dachziegelindustrie, die der von der Krise der Heimweberei geschüttelten Grenzregion neuen Aufschwung brachte, setzte in Bracht erst mit zehnjähriger Verspätung ein. In Kaldenkirchen war die erste mechanische Dachziegelei der Gebr. Teeuwen 1885 gegründet worden, 1886 folgte das Brüggener Unternehmen Rheinische Dampf-Falzziegelfabrik Schlüter und Co., denen in den nächsten Jahren weitere Fabriken folgten. Im Herbst 1896 begann Stephan Laumans, Sohn eines Teilhabers der Kaldenkirchener und Tegelener Dachziegelei Gebr. Laumans, mit dem Bau einer Fabrik an der Brachter Stiegstraße, die im April 1897 mit der Produktion begann.

Damit war der Damm gebrochen. In den folgenden vier Jahren wurden in Bracht sechs weitere Dampfdachziegeleien errichtet: die Brachter Dampffalzziegelfabrik Schmitz & Co. in Heidhausen, Van Dyk und Kronen, Thissen & Co., Heinrich Hommen & Cie., die Rheinischen Tonwerke, alle an der Stiegstraße, und die Westdeutschen Tonwerke ebenfalls in Heidhausen. 1903 kam die erste Tonröhrenfabrik hinzu.

Auch wenn es in der Folge wegen mangelnder betriebswirtschaftlicher Kenntnisse zu einigen Konkursen und damit zu Besitzerwechseln kam, entwickelte sich die neue Industrie zügig. Um 1900 wurden in Bracht zehn Millionen Dachziegel produziert, 1913 wurden in 130 Einzelkammeröfen und dem Laumans'schen Ringofen 30 Millionen Stück gebrannt. 350 Arbeiter, davon die Hälfte aus den Niederlanden, aber auch Frauen aus Westpreußen, fanden hier Beschäftigung.

In beiden Weltkriegen produzierte ein Teil der Firmen - wenn auch im eingeschränktem Umfang - weiter, um das Bedachungsmaterial für kriegswichtige Firmen zu liefern. 1944 jedoch musste die Produktion wegen der Evakuierung Brachts eingestellt werden. In den Zwischenkriegsjahren kann man erst 1925 von einer Normalisierung sprechen, die aber schnell durch die Weltwirtschaftskrise beendet wurde. Gerade in schwierigen Jahren zwischen 1914 und 1944 kam es zu einem starken Verdichtungsprozess, da die finanziell stärkeren Firmen wie Peter van Eyk und die Gebr. Laumans Nachbarwerke übernahmen und in ihren Betrieb integrierten.

Die Aufnahme der Produktion durch die Ziegeleien nach 1945 war für den gesamten britischen Sektor von unschätzbarer Wichtigkeit, weil man Baustoffe zum Wiederaufbau dringend benötigte. Neue Sumpfhäuser und Kollergänge zur Verbesserung und Homogenisierung des Tons, neue Trockenanlagen zur Trocknung der Rohlinge und moderne Zick-Zack-Öfen oder Tunnel-öfen mit überschlagender Flamme zeugen von Hochkonjunktur und Wirtschaftswunder im Bracht der 1950er-Jahre. Die Produktionszahlen erreichten schnell das Niveau der Vorkriegszeit und steigerten sich bis zum Beginn der 1960er-Jahre noch. 1954 betrug die Belegschaftszahl der Brachter Ziegelfabriken rund 900 Arbeitnehmer. Damit stellte die Ziegelindustrie 35 Prozent der Brachter Arbeitsplätze.

Durch Automatisierung bis hin zur Vollmechanisierung konnten die Arbeitsbedingungen in der Industrie verbessert, aber auch die Anzahl der Mitarbeiter bis 1963 auf 785 verringert und dadurch der Anteil der Personalkosten vermindert werden. Damit wollte man die Fabrikate gegenüber Konkurrenzprodukten und ausländischer Konkurrenz wettbewerbsfähiger machen. Doch in den 1960ern war die Hochkonjunktur der Bauwirtschaft und damit auch der Dachziegelindustrie vorbei. Zudem wurden preiswertere und in der Verarbeitung auf dem Dach günstigere Bedachungsmaterialien, vor allem Betondachsteine und Eternitplatten, stärker nachgefragt. Die Betriebe versuchten durch Hinzunahme weiterer Produkte wie Zementdachsteine, Verblender, Vormauersteine, Poroton-Ziegel oder Kunststoffrohre die einseitige Abhängigkeit von Dachziegeln oder Tonwaren abzufangen.

Das half nur kurzfristig. Die Dachziegelproduktion wurde sowohl von Gebr. Naus als auch von Peter van Eyk Anfang der 1970er-Jahre aufgegeben, später stellte Peter van Eyk auch die Steinzeugröhrenproduktion ein. Anton van Eyk schloss 1972. Das Werk der Rheinischen Tonwerke an der Stiegstraße wurde aufgegeben, der Schornstein bei den Dreharbeiten zum Film "Die Vorstadtkrokodile" 1977 gesprengt. Als Dachziegelproduzent überlebte nur die Firma Gebr. Laumans, die heute mit 85 Mitarbeitern jährlich zirka 15 Millionen Dachziegel produziert und immer noch den Ton aus dem heimischen Wald bezieht.

Quelle: RP
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