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Brüggen
Miteinander unterwegs auf dem Jakobsweg

Brüggen: Miteinander unterwegs auf dem Jakobsweg
Brüggen. Über 2300 Kilometer pilgerten Dorothea und Heinz Alois Federhen von Trier nach Santiago de Compostela. Jetzt ist das Brachter Ehepaar wieder daheim - und blickt auf unvergessliche Erfahrungen und Begegnungen zurück. Von Birgitta Ronge

Blasen haben die Federhens keine an den Füßen. Ein Zeichen dafür, dass sie die richtigen Schuhe und Strümpfe ausgewählt haben - und dass ihre Füße das Laufen gewohnt sind. Gerade sind Dorothea und Heinz Alois Federhen zurückgekehrt ins heimische Bracht. 2300 Kilometer liegen hinter ihnen, und statt auf Blasen blicken die beiden auf unvergessliche Erfahrungen und Begegnungen zurück, die sie beim Pilgern machten.

Die Federhens sind erfahrene Pilger. In den vergangenen zehn Jahren legten sie immer wieder einen Teil des Jakobsweges zu Fuß zurück. Im vergangenen Jahr nahmen die neunfachen Großeltern ihre ältesten beiden Enkeltöchter, damals elf und 14 Jahre alt, mit und gingen mit ihnen von Porto nach Santiago. "Das war der lustigste Weg bislang", sagt Dorothea Federhen. "Kinder sehen unterwegs ganz andere Dinge, nehmen den Weg völlig anders wahr." Mit Hilfe der Kinder entdeckten die Großeltern so den Weg ganz neu.

Dorothea und Heinz Alois Federhen erhielten in den Ortschaften, die sie passierten, unterwegs einen Stempel. Auf vielen Stempeln ist die Jakobsmuschel, Zeichen der Pilger auf dem Jakobsweg, zu sehen. FOTO: Franz-Heinrich Busch/ Baesfeld (Archiv)

Nun sind die beiden im Ruhestand, und für dieses Jahr hatten sich die Federhens also vorgenommen, von Apostelgrab zu Apostelgrab zu laufen, vom Grab des Heiligen Matthias in Trier zum Grab des Heiligen Jakobus in Santiago de Compostela. "Sonst sind wir immer da, helfen unseren Kindern, holen die Enkel vom Kindergarten ab", sagt Dorothea Federhen. "Jetzt haben wir ihnen gesagt, ihr müsst eine Weile allein zurecht kommen. Wir gehen nach Santiago."

Das Ehepaar startete am 21. Juni in Trier. Der Weg führte die Federhens durch Frankreich, über die Pyrenäen, entlang der alten Routen in Spanien nach Santiago. Viele bunte Stempel in ihren Pilgerpässen zeugen von den vielen Stationen unterwegs. Der letzte Stempel im Heft wurde am 23. September in Santiago ausgestellt. 20 bis 25 Kilometer legten die beiden pro Tag zurück. Sie schliefen in Hotels, bei Privatleuten, in kleinen Herbergen - unter anderem auf einem Weingut, einem Gestüt, in einem Kloster, in einer alten Schule. Sie übernachteten in einem Bürgermeisteramt, in dem es keine Toilette gab, "nachts mussten wir mit der Taschenlampe die öffentliche Toilette auf dem Marktplatz aufsuchen", erzählt Heinz Alois Federhen schmunzelnd. Für die Übernachtungen meldeten sie sich stets einen Tag vorher in einer Herberge an. Mitunter durften sie sich den Schlüssel zur Herberge beim Pastor oder beim Bürgermeister eines Ortes abholen, übernachteten, ließen am Morgen dann etwas Geld da und zogen weiter. Viel Vertrauen bringe man in diesen Ortschaften den Pilgern entgegen, berichten beide.

Nach 2300 Kilometern erreichten Dorothea und Heinz Alois Federhen, hier am Pferdebrunnen vor der Kathedrale, Santiago de Compostela. FOTO: Federhen

Sie erlebten große Hitze und große Nässe, setzten wegen eines Unwetters einmal einen Tag aus. Sie nahmen die landschaftliche Schönheit ringsum wahr, bemerkten aber auch die Verlassenheit vieler Ortschaften in Frankreich, in denen kaum noch Menschen wohnen, weil es dort keine Arbeitsplätze gibt. "Man sieht viel mehr von einem Land, wenn man es zu Fuß durchquert, als wenn man mit dem Fahrrad oder mit dem Auto fährt", hat Heinz Alois Federhen festgestellt. Auf dem Weg durch Frankreich genossen sie die Ruhe - das letzte Stück vor Santiago bildete mit dann den vielen herbeiströmenden Pilgern einen starken Kontrast dazu. Von Santiago de Compostela schließlich fuhren sie mit dem Zug über Paris zurück nach Hause - nicht erschöpft, sondern begeistert, erfüllt von all den Eindrücken. Wanderschuhe und Rucksäcke konnten nur noch weggeworfen werden. So lange wie in diesem Sommer wollen die beiden nie mehr weg sein. "Die Enkel wachsen so schnell", sagt Dorothea Federhen, "man verpasst so viel. Das möchte ich nicht mehr."

Abenteuerlust habe sie getrieben, den Weg zu gehen, sagt Heinz Alois Federhen, die Freude daran, Land und Leute kennenzulernen, mit Menschen verschiedener Nationen auf dem Weg zu sein. "Viele sind unterwegs, weil sie ein Problem abarbeiten wollen, das sie mit sich oder ihren Mitmenschen haben, oder weil sie ihr Leben ordnen wollen", sagt der Brachter. Mit dem Renteneintritt hätten sie beide gespürt, dass es an der Zeit sei, Abstand zu gewinnen, um zu überlegen: "Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Was möchten wir noch machen?" Diesen Weg gehen und so vielen Menschen begegnen zu können, gesund zu sein, sei ein Geschenk Gottes, fügt Dorothea Federhen hinzu: "Pilgern ist beten mit den Füßen."

Sie begegneten vielen Menschen auf dem Weg nach Santiago, doch die meiste Zeit waren die Federhens allein miteinander. Seit 43 Jahren sind sie verheiratet, seitdem sind sie gemeinsam als Ehepaar auf dem Weg. 1984 pilgerten sie erstmals von Assisi nach Rom. Sie kennen das, wenn man nebeneinander hergeht, mal in eine Unterhaltung vertieft, mal schweigend. "Die Dinge werden konturierter, wenn man unterwegs ist", sagt Dorothea Federhen. "Man erspürt sich selbst anders. Und man kann besser zuhören, als wenn man dem anderen gegenüber sitzt. Man kann auch mal schweigen und überlegen: ,Warum belastet mich das so? Warum empfinde ich so?'"

Im Gehen werden die Gespräche intensiver, das Pilgern schafft mehr Nähe, haben die beiden bemerkt. Die Nähe ist ein wichtiger Teil des Unterwegsseins. Heinz Alois Federhen blickt lächelnd seine Frau an und sagt: "Ich könnte mir nicht vorstellen, mit einem anderen Menschen unterwegs zu sein."

Quelle: RP
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