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Diskussion um Gauland-Äußerung
Unser Nachbar Boateng

Nach Gauland-Äußerung: Boateng war ein freundlicher Nachbar
Alexander Gauland meinte mit seiner Äußerung Jérôme Boateng, sein Halbbruder Kevin-Prince lebte in Viersen. FOTO: Foto: Busch, Montage: Ferl
Viersen. Jérôme Boateng ist, wenn es nach der AfD geht, zwar ein guter Fußballer, aber kein Mensch, den man als Nachbar haben möchte. Dem widerspricht Karin Roosen, die in Viersen neben dessen Halbbruder Kevin-Prince gewohnt hat. Von Leslie Brook

Karin Roosen findet Äußerungen wie die des stellvertretenden AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland über den Fußballer Jérôme Boateng unerträglich. Der Mann wisse doch gar nicht, wovon er spreche, wenn er sagt: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben." Denn für Karin Roosen ist ein Fußballer namens Boateng nicht nur ein talentierter Sportler, sondern vor allem ein toller Nachbar.

Fotos: Jerome Boateng – Berliner, Abwehrchef, Weltmeister FOTO: dpa, hak nic

Die heute 75-Jährige lebt in der kleinen Viersener Ortschaft Bockert, etwa vier Jahre lang wohnte im Haus gegenüber Kevin-Prince Boateng, Jérômes Halbbruder, mit seiner Familie. "Ich konnte ihnen von meinem Fenster aus quasi in die Küche schauen", sagt sie. Bis 2011/12 lebte der Fußball-Profi dort mit seiner damaligen Frau Jennifer – einer Mönchengladbacherin – und auch Jérôme sei ein paar Mal zu Gast gewesen. Karin Roosen vermisst die Nachbarn von damals, erzählt sie. "Sie waren immer nett und freundlich. Solche Nachbarn kann man sich nur wünschen."

In Bockert gab es solche Ressentiments nicht

Der AfD-Vize hatte mit seiner Aussage über den in Berlin geborenen Nationalspieler, der eine deutsche Mutter und einen ghanaischen Vater hat, einen Sturm der Empörung ausgelöst. "Ich bin natürlich kein Rassist", sagte der Politiker am Montag. Auf die Frage, ob denn Menschen, die Vorbehalte gegen Nachbarn mit ausländischen Wurzeln haben, Rassisten seien, sagte er: "So weit würde ich nicht gehen." An seinem Verständnis für Menschen mit fremdenfeindlichen Ressentiments hält er aber fest. Die Globalisierung und die Wiedervereinigung hätten für viele Menschen große Veränderungen mit sich gebracht. Deshalb reagierten einige jetzt mit einer "geradezu instinktiven Abwehr" auf Fremde in ihrer Umgebung.

In Bockert, einer ländlichen Sektion von Viersen mit rund 1500 Einwohnern, habe es solche Ressentiments gegen den Boateng-Bruder zum Glück nicht gegeben, erklärt Roosen. "Die Menschen hier sind der Familie offen begegnet" – trotz seiner wilden Vergangenheit. So soll Boateng mit einem Freund in Berlin etliche Autos demoliert haben.

"Freundlicher junger Mann"

In Viersen kam er offenbar zur Ruhe, zumindest erlebten ihn die Nachbarn so. Der Fußballer, der heute beim AC Mailand unter Vertrag ist, sei immer viel unterwegs gewesen, damals spielte er noch in der englischen Premier League. "Aber wann immer ich mit ihm Kontakt hatte, habe ich ihn als freundlichen jungen Mann und liebevollen Familienvater kennengelernt", sagt Roosen."Kevin-Prince Boateng hat freundlich gegrüßt, wenn er vorbei gejoggt ist", erinnert sie sich. Auch von seinem derzeit im Mittelpunkt der Diskussion stehenden Bruder weiß sie nur Positives zu berichten. "Das ist auch ein sehr sympathischer Mann." Sie habe ihn etwa gesehen, als er zur Taufe seines kleinen Neffen angereist war.

Sie selbst habe sich mit Boatengs Ehefrau gleich am ersten Tag bekannt gemacht. "Sie hat ganz locker gesagt, dass sie 'die Jenny' ist." Und von da an sei klar gewesen, dass man einander hilft und aufeinander aufpasst. Zum Beispiel hätten die Boatengs sie gebeten, auf die Autos und das Haus Acht zu geben, wenn sie selbst nicht da waren. "Das haben wir gemacht, wie es unter Nachbarn üblich ist." Von lautstarken Feiern oder anderen Auffälligkeiten könne keine Rede sein. "Das waren sehr angenehme, ruhige Menschen", und es sei traurig, dass das durch solche "unbegründeten Äußerungen" in Frage gestellt würde.

Auch Fritz Meies, ehemaliger Bockerter Schützenkönig und CDU-Ratsherr, erinnert sich an den prominenten Einwohner. "Es war ein Ereignis für die kleine Ortschaft, die Bockerter waren stolz darauf, einen solchen Nachbarn zu haben." Boateng sei ihnen nie aus dem Weg gegangen und, anders als es sein Image als "Fußball-Rüpel" vermuten lassen könnte, sei er sehr liebenswürdig, erzählt Meies. "Die Leute hier waren freundlich zu ihm, und er war zu den Leuten sehr freundlich."

Quelle: RP
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