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Viersen
Notstand in der Pflege droht

Viersen. Die Gruppe "60+" besuchte das Allgemeine Krankenhaus in Viersen und informierte sich ausführlich über die aktuelle Pflegesituation. Zeit für den Patienten gebe es dabei schon lange nicht mehr. Von Bianca Treffer

Wie ist es um die Situation im Pflegedienst bestellt? Darüber erhielt jetzt die SPD- Gruppe "60+" am Viersener Allgemeinen Krankenhaus (AKH) Auskunft. Die dort zuständige Pflegedirektorin Elke Harms beleuchtete das Thema vor den knapp 30 Besuchern von den verschiedenen Seiten. Und schon jetzt zeichne sich ab, dass in den nächsten Jahren ein deutlicher Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal in Deutschland entstehen wird. Auf der einen Seite gibt der Markt die benötigten fachlichen Mitarbeiter nicht her, auf der anderen Seite kommt es in den unterschiedlichsten Einrichtungen wie Krankenhäuser und Seniorenheimen immer wieder zu deutlichen Einsparungen im Pflegesektor, um die Wirtschaftlichkeit der diversen Einrichtungen zu garantieren, erläuterte sie.

Laut Berechnungen steige der Pflegeaufwand in den Krankenhäusern seit 2010 um rund 25 Prozent. Zeitgleich seien in vielen Häusern aber Personalreduzierungen von zehn Prozent und mehr im Pflegebereich vorgenommen worden. Personelle Unterbesetzung ist keine Seltenheit, sondern gehöre zur Normalität. Dies und die erhöhten Leistungsanforderungen, denen sich das Pflegepersonal stellen muss, führten dabei nicht selten zu krankheitsbedingten Ausfällen, die dann wiederum das weitere Personal noch stärker belasten - es sei ein Teufelskreis. Zeit für den Patienten gebe es dabei schon lange nicht mehr. "Der Patient wird versorgt, aber nicht betreut", kritisierte Jochen Häntsch von "60+" anhand der Ausführungen.

Die gestiegenen Leistungsanforderungen erklärten sich unter anderem in den immer kürzeren Liegezeiten. Und die Tage, die ein Patient im Krankenhaus verbringe, seien mit intensiver Pflege gefüllt. Der langsam Genesende, den es früher gegeben habe, gehöre der Vergangenheit an.

Ein Mix aus akut zu versorgenden Patienten mit intensiver Betreuung und denen, die eine solche engmaschige und intensive Betreuung nicht mehr benötigen, geben es nicht mehr. Die Patienten vor Ort bedürften mittlerweile durchgehend der intensiven Pflege. Zumal aufgrund des demografischen Wandels der Anteil der älteren und damit meist massiv Pflegebedürftigen zunehme.

Dazu komme die Tatsache, dass die Pflegenden immer mehr in die ärztlichen Tätigkeiten involviert werden. Nicht zu vergessen seien die stark gestiegenen administrativen Aufgaben des Pflegepersonals. Die Dokumentation nehme deutlich mehr Zeit in Anspruch, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war.

Ein weiterer Faktor seien die Sprachprobleme, die auftreten, wenn ausländische Ärzte in Krankenhäusern arbeiten, deren deutsche Sprachkenntnisse noch nicht ausreichend seien. Das gelte aber auch für Patienten mit Migrationshintergrund, die aufgrund der fehlenden Deutschkenntnisse Anordnungen nicht verstehen und entsprechend zeitaufwendiger betreut werden müssen.

Im Pflegesektor bereite aber auch der Nachwuchs Sorgen. Es mangele an qualifizierten Bewerbern für die Pflegeberufe. Die Ausbildungsanforderungen seien gestiegen und viele scheuten den Beruf auch, da die späteren Leistungsanforderungen hoch und die Gehälter im Vergleich dazu nur mäßig seien. "Viersen befindet sich in der glücklichen Situation, dass das AKH und St. Irmgardis eine Kranken- und Kinderkrankenpflegeschule betreiben. Rund 30 Auszubildende sind dort pro Jahrgang zu finden. Damit können qualifizierte Kräfte für den Stellenbedarf der Häuser ausgebildet werden", lobte Häntsch für Viersen. Aber selbst hier fehlten erstmals aktuell ausreichend Bewerber. Harms ließ auch die geplante Reform des Pflegebereichs nicht außen vor. Der Zusammenfassung der Ausbildungen zum Kranken-, Kinderkranken- und Altenpfleger sieht nicht nur sie mit Skepsis entgegen. Die Befürchtung, dass ein Qualitätsverlust in der Ausbildung auftritt, da die Leistungsanforderungen im Berufsalltag einfach zu unterschiedlich seien, um sie in der Ausbildung zusammenzufassen, teilten die "60+"-Besucher ebenfalls. Bei der sich anschließenden Diskussion brachte Häntsch die Möglichkeit des verstärkten Einsatzes der Pflegeassistenz zur Sprache. Dahinter steht eine einjährige Ausbildung. "Man könnte Pflegeassistenten stärker heranziehen, um die Pflegenden zu entlasten", bemerkte er. Klar waren allen, dass trotz dem großen wirtschaftlichen Druck die Tendenz zum Sparen gestoppt werden muss. Man könnte sich auch kaputt sparen, bemerkte Häntsch.

Quelle: RP
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