| 00.00 Uhr

Viersen
Oh, wie schön ist Dülken! Oder nicht?

Viersen. Die Bewohner blicken in leere Ladenlokale, die Auswärtigen lassen sich von der Altstadt becircen. Ist in Dülken alles schlecht? Oder alles gut? Eine Delegation des IHK-Einzelhandels-Ausschusses ging vor Ort auf die Suche nach Antworten Von Martin Röse

Das ist schon ein spannendes Phänomen: Während die Dülkener gern im Chor Jeremiaden über den Ladenleerstand in ihrem Ort anstimmen, sehen Besucher von außerhalb ein ganz anderes Bild: die schönen mittelalterlich geprägten engen Straßenzüge wie den Hühnermarkt etwa. Oder die große Pfarrkirche St. Cornelius, nebenbei die höchste im gesamten Bistum Aachen. Oder sie genießen, wie weiland die spanischen Truppen während des 30-jährigen Krieges, das mediterrane Flair auf dem Alter Markt.

Wie sich die kleine Innenstadt gegen den Leerstand stemmt, das schaute sich nun eine Delegation der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein einmal genauer an. Startete beim 1800 Quadratmeter Verkaufsfläche großen Edeka-Markt, dessen Inhaber Carsten Zielke (31) davon berichtete, wie die Edeka-Geschäftsführung die Ansiedlung in Dülken eher kritisch sah. "Ich habe es allerdings bisher nicht bereut", betonte der Geschäftsmann, der auch schon mal zur Krimilesung an der Fleischtheke einlädt. Ihm gelingt es, auch Menschen von auswärts nach Dülken zu locken: "15,5 Prozent unserer Kunden stammen aus Alt-Viersen, 9,8 Prozent aus Süchteln. Und wir haben auch Kundschaft, die beispielsweise extra aus Schwalmtal herkommt." Weshalb der große Parkplatz am Wochenende ausgelastet ist. Zielke steht vor im Halbkreis aufgestapelten Bierkästen. Dahinter geht's in die Tiefe, zeugt ein Mauerrest des historischen Kessels-turmes. von alten Zeiten. Ein Denkmal mitten im Supermarkt - so etwas ist in Deutschland wohl einzigartig.

Ebenfalls Unikate sind die Ideen von Ulf Schroeders. Er richtet zurzeit die frühere Kreuzherrenschule her, lässt aber die Grundrisse unverändert. Wohnlofts entstehen dort in alten Klassenräumen oder der Turnhalle, ebenso Büros für Kreative. Alle Wohnungen sind bereits vermietet. "Eine Schülerin zieht hier demnächst in ihr ehemaliges Klassenzimmer", berichtet er. Und in der kommenden Woche eröffnet, im umgebauten früheren Schultoiletten-Trakt im Hof, das Café Kantinchen. Auch das vier Jahre leer stehende Ladenlokal von August Peemans in der engen Gasse Hühnermarkt hat Schroeders Firma Denk-X erworben; er lud die Nachbarn ein, Ideen zu sammeln, was in das Ladenlokal einziehen soll. Mehr als 500 Dülkener kamen. Vermutlich, so lässt sich derzeit absehen, wird in dem mehr als 100 Jahre alten Haus, demnächst wieder eine Metzgerei einziehen, berichtete Schroeders. Sein Ziel: in Dülken Tradition und Innovation mischen.

Bürgermeisterin Sabine Anemüller (SPD) verwies auf den bevorstehenden Umbau des Alter Marktes (2018), die bevorstehende Eröffnung des neuen Parks an der Melcherstiege (übermorgen) und die bessere Erreichbarkeit durch eine teilweise Öffnung der Fußgängerzone für den Autoverkehr - um nur einige Dinge zu nennen, die die Stadt tut. "Wir werden nicht aufhören, hier zu investieren", betonte sie.

"Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn ich durch Dülken gehe", sagte André Haack, bei der IHK für Unternehmensförderung zuständig. "Und dennoch sieht man die Probleme, leerstehende Ladenlokale, die leere Fußgängerzone. Warum funktioniert das nicht richtig?" - "Wir kommen an der generellen Entwicklung des Einzelhandels nicht vorbei. Viel ist heute in den Bereich Internet verschoben worden", sagte Walter Fleuth, der mit der Dülkener Entwicklungs AG schon vor Jahren eine Initiative für den Ort auf die Beine stellte. "Das Einkaufsverhalten hat sich verändert", konstatierte auch Günther Kamp vom Werbering Viersen. "Die Leute wollen etwas erleben." Ulf Schroeders befand: "Dülken ist relativ nah an einer Attraktion. Ich empfinde den Ort immer als entschleunigend." Es müsse gelingen, die Sicht auf die Dinge zu verändern. Das könne durchaus punktuell geschehen. "Man sollte sich auf drei Ladenlokale konzentrieren, dort tolle Läden schaffen - das wird dann so viel einfacher für alles, was danach kommt." Fange einer an und habe Erfolg, zögen schnell andere nach.

Vielleicht hilft auch der Mut, bittere Wahrheiten auszusprechen: "Man muss so fair sein und sagen: Manche Straßenzüge werden wir für den Einzelhandel nicht retten können", sagte Rainer Höppner, Vorsitzender des IHK-Einzelhandels-Ausschusses. "Dafür muss aber in die anderen investiert werden." Wichtig sei die Erreichbarkeit. Und der Stadt Viersen fehle ein Leerstandsmanagement. Norbert Jansen von der Grundstücks-Marketing-Gesellschaft, wies noch einmal auf die Fremdwahrnehmung hin. Die sei ziemlich gut: "Unser Wohngebiet am Burgacker ist weggegangen wie warme Semmeln, zu 70 Prozent an Auswärtige. Sie sehen Dülken ganz anders, schätzen zum Beispiel die gute Schulsituation. Wir müssen an der Marke Dülken arbeiten und das Image verbessern." Thomas Küppers, Wirtschaftsförderer, sagte: "Wichtig ist, die Stadtentwicklung als ganzheitliche Aufgabe zu begreifen von Handel, Immobilieneigentümern und Stadt. Wir können nur Erfolg haben, wenn wir aufhören, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Es braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen und nicht nur darüber sprechen, was mal gemacht werden müsste."

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Viersen: Oh, wie schön ist Dülken! Oder nicht?


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.