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Kerstin Abraham
"Patienten fühlen sich machtlos"

Kerstin Abraham: "Patienten fühlen sich machtlos"
Kerstin Abraham ist Hygiene-Fachkraft am Nettetaler Krankenhaus. Gemeinsam mit ihren Kollegen bietet sie nun eine Sprechstunde für Menschen an, die sich mit einem multiresistenten Keim angesteckt haben. FOTO: Krankenhaus
Viersen. Die Hygiene-Fachkraft am Nettetaler Krankenhaus betreut Menschen, die sich mit einem multiresistenten Keim angesteckt haben. Was dann zu tun ist, wie man sich schützt und wie gefährlich das ist, verrät sie im Gespräch mit unserer Redaktion

Das Nettetaler Krankenhaus bietet ab sofort eine Sprechstunde für Patienten an, die sich mit einem multiresistenten Erreger angesteckt haben. Neben Bekämpfung und Prävention ist es das Ziel, infizierte Patienten und deren Angehörige aufzuklären und mögliche Ängste zu nehmen. Hygienefachkraft Kerstin Abraham beruhigt die Betroffenen, erläutert die Behandlung und gibt Tipps, wie sich jeder davor schützen kann.

Frau Abraham, wieso wird nun eine spezielle Sprechstunde für Betroffene ins Leben gerufen?

Kerstin Abraham Viele der Patienten sind unsicher. Sobald sie positiv auf den multiresistenten Keim getestet worden sind, werden sie im Einzelzimmer isoliert. Die Ärzte und Pfleger betreten nur in Schutzkleidung das Patientenzimmer. Zudem haben sie fürchterliche Geschichten über sogenannte Krankenhauskeime gehört. Das macht ihnen Angst. Sie fühlen sich machtlos.

Und sind sie das denn?

Abraham Nein, keineswegs. Deshalb erklären wir ihnen in der Sprechstunde, was sie selber tun können, um den Erreger wieder loszuwerden.

Wie sieht eine solche Behandlung aus?

Abraham Bei positivem Befund wird eine fünftägige Sanierung durchgeführt. Das heißt, der Patient muss eine spezielle Mundspülung und Waschlotion verwenden. Zudem muss die Wäsche täglich gewechselt werden und wir zeigen ihm, wie man sich die Hände richtig desinfiziert.

Ist man danach wieder gesund, beziehungsweise frei von diesem Keim?

Abraham Die Erfolgschancen, den MRSA-Keim (siehe Infokasten, Anm. der Redaktion) zu eliminieren, sind relativ hoch. Zumindest solange man sich an die Behandlung hält.

Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr?

Abraham Eine Übertragung erfolgt nur durch direkten Kontakt. Deshalb ist im Krankenhaus die Händedesinfektion so wichtig. Aber beispielsweise Angehörige eines Patienten, der sich angesteckt hat, müssen keine Angst haben. Sie müssen nur entsprechende Maßnahmen treffen.

Das heißt, Familie und Freunde dürfen zu Besuch kommen, obwohl der Patient isoliert ist?

Abraham Ja. Sie erhalten von uns einen Mundschutz und Schutzkleidung, wenn Sie den Patienten nahekommen wollen, wie etwa umarmen. Wenn sie sich nur am Tisch unterhalten wollen, müssen sie noch nicht einmal eine spezielle Kleidung tragen. Wer unsicher ist, ist ebenfalls in der Sprechstunde willkommen. Dort wird genau das unter anderem thematisiert.

Wie gefährlich ist dennoch solch ein multiresistenter Keim?

Abraham Solange man den Keim zwar hat, aber er nicht ins Innere des Körpers gelangt, ist es nicht schlimm. Zumal man es auch im Zweifel gar nicht weiß. Vor einer anstehenden Operation testen wir im Nettetaler Krankenhaus jeden Patienten auf den MRSA-Keim. Sollte der Patient infiziert sein, muss eine spezielle Hygiene während der Operation und Wundversorgung eingehalten werden. Sollte der Keim dennoch in die Wunde geraten oder bereits im Vorfeld geraten sein, muss mit einem speziellen Antibiotikum therapiert werden.

Wie kann man sich im Vorfeld vor einer Ansteckung schützen?

Abraham Für den Alltag reicht eine normale Händewaschung, die auch nicht übertrieben werden sollte. Sobald man nach Hause kommt sowie vor dem Zubereiten von Essen sollten die Hände gewaschen werden. Besonders bei der Zubereitung von Hähnchenfleisch. Vorher und nachher. Auch wenn man etwa einen Einkaufswagen im Supermarkt geschoben hat oder in öffentlichen Gebäuden oder Verkehrsmitteln etwas mit den Händen berührt hat.

Was ist mit Desinfektionsmittel? Sollte man es regelmäßig benutzen?

Abraham Nein. Das ist nicht notwendig. Außer bei einem Besuch im Krankenhaus. Dann sollte man sich die Hände beim Rein- und Rausgehen desinfizieren. Und zwar richtig: Mindestens 30 Sekunden lang sollte man das Mittel an allen Teilen der Hand verreiben - auch zwischen den Fingern, an den Finderspitzen und auf dem Handrücken.

C. BÖTTNER FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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