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Viersen
Pferdeschlachtung in Familienhand

Viersen: Pferdeschlachtung in Familienhand
Lorenz Tillmanns mit Heidi Seerden und Tochter Nadine in der heimischen Küche. Während Vater und Tochter in der Schlachtung sind, tröstet die Mutter die Pferdebesitzer. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Viersen. Nadine Seerden ist in den Betrieb ihres Vaters eingestiegen — den einzigen Schlachthof in Viersen, der Pferdefleisch verarbeitet. In der Küche tröstet Mutter Heidi die Tierbesitzer Von Emily Senf

Die Tillmanns sind eine fröhliche Familie, aber in ihrem Haus wird viel geweint. Es sind die Besucher, bei denen auf dem Hof an der Lobbericher Straße in Dornbusch die Tränen fließen. In der Wohnküche sitzen sie am Tisch, vor sich eine heiße Tasse Kaffee oder Tee. In Mutter Heidi Seerden finden sie eine geduldige Zuhörerin mit einer tröstenden Schulter zum Anlehnen. Die 48-Jährige hat in den vergangenen Jahren etliche Taschentücher gereicht, oft genug wurden auch ihre Augen feucht. Sie weiß: Das Geschäft ihres Mannes ist nicht leicht. Lorenz Tillmanns ist Metzger.

Seit 20 Jahren hat er sein eigenes Schlachthaus auf dem Hof in Dornbusch. Er schlachtet ausschließlich Pferde und ist damit einer der wenigen in der Region. Im Kreis Viersen gibt es nur einen weiteren Pferdeschlachthof in Grefrath. Wie viele es in ganz Nordrhein-Westfalen sind, kann Christian Deppe vom Fleischerverband NRW nicht sagen: "Wir haben unsere Mitglieder nicht nach ihren Angeboten sortiert." Doch er ist sich sicher: "Viele sind es nicht." Bei der Suche im Internet finden sich rund 15.

Nach einem Herzstillstand war Lorenz Tillmanns (66) für etwa ein halbes Jahr aus dem Schlachtbetrieb raus. Seine 25-jährige Tochter Nadine Seerden sprang ein. 2015 hatte die Bankkauffrau den dafür notwendigen Lehrgang zum Töten gemacht, im Februar reduzierte sie ihre Stunden in der Bank. Heute führt sie den Betrieb, der Vater steht ihr mit seiner Erfahrung zur Seite. Den einen ohne den anderen gibt es nicht: Die beiden sind eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Nadine Seerden ist mit dem Beruf ihres Vaters aufgewachsen. "Irgendwann war es klar, dass ich den Betrieb übernehme", sagt sie.

Die fleischverarbeitende Industrie steht immer wieder in der Kritik. Auch die Familie weiß, dass die Tierschlachtung bei vielen Menschen Unmut hervorrufen kann. "Gerade bei Pferden ist es ein sehr sensibles Thema", sagt Lorenz Tillmanns. Sein Betrieb liegt abseits, von außen deutet nichts auf einen Schlachthof hin, die Öffentlichkeit hat der Metzgermeister bislang gemieden. Dabei ist zumindest aus ernährungstechnischer Sicht an Pferdefleisch wenig auszusetzen. Vor allem was den Eisenanteil betrifft, ist es gesünder als beispielsweise Rindfleisch. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung enthalten 100 Gramm etwa 3,5 Milligramm Eisen. Das Fleisch von Rindern liefert dagegen bei gleicher Menge nur 1,9 Milligramm. Auch ist Pferdefleisch eher mager: Je nach Fleischstück enthält es drei bis 16 Prozent Fett - bei Rindfleisch sind es sechs bis 31 Prozent.

In Ländern wie Frankreich und Italien gilt Pferdefleisch als Delikatesse. Die Preise, die Schlachtpferde dort erzielen, seien deutlich höher als in Deutschland, sagt Lorenz Tillmanns, "da können wir nicht mithalten". Er selbst orientiert sich nicht am Gewicht, sondern entscheidet je nach Pferd. Meist zahlt er wenige hundert Euro. Dass er sich mit seinem Schlachthof überhaupt über Wasser halten kann, verdankt er einer Entscheidung vor 18 Jahren: das Pferdefleisch für die Hundefutterindustrie anzubieten, in Lebensmittelqualität. "Damit war ich einer der Ersten", sagt er. "Jetzt gibt es einen regelrechten Boom, weil das Fleisch so rein und günstig ist."

Dennoch liegen die Zahlen der geschlachteten Pferde in Deutschland deutlich unter denen von Rindern, Schweinen und Geflügel. Meist beträgt der Anteil des Schaf-, Ziegen- und Pferdefleischs zusammen laut Statistischem Bundesamt rund 0,3 Prozent - bei einer Gesamtfleischmenge von 8,3 Milliarden Tonnen im Jahr 2016. Ähnlich sieht es im Kreis Viersen aus. In den beiden dortigen Schlachtstätten wurde im ersten Halbjahr 2017 durchschnittlich ein Pferd pro Woche geschlachtet. Auch die Gebühren unterscheiden sich: 1,55 Euro zahlen Schlachthöfe pro Schwein, 9,84 Euro pro Rind für die Veterinär- und Lebensmittelüberwachung an den Kreis. Die Kosten für die Überprüfung eines Schlachtpferdes durch den amtlichen Tierarzt liegen nach Kreisangaben bei 31,52 Euro.

Die Dornbuscher Familie weiß, dass den Besitzern die Entscheidung, ihnen ihr Pferd anzuvertrauen, nicht leicht fällt. Auf ihren Hof kommen ausschließlich Privatpferde. "Die größte Sorge, die die Besitzer haben, ist, dass das Pferd ohne ihr Wissen woanders hingebracht wird", sagt Heidi Seerden. Für einen höheren Preis weiterverkauft, etwa. "Darum wollen einige währenddessen hierbleiben und das Pferd danach noch mal sehen." Mit ihnen wartet sie in der Küche des Hauses, lauscht den Erinnerungen. "Es läuft so ab, wie die Besitzer es mit uns besprechen", sagt Lorenz Tillmanns.

Manchmal vergehen mehrere Wochen, bis ein neues Pferd nach Dornbusch gebracht wird. "So ist das eben", sagt der Metzgermeister. Nur im Herbst könne es manchmal mehr werden. "Viele Besitzer gönnen ihren Pferden noch einen letzten Sommer auf der Wiese, bevor sie sie zu uns bringen", sagt der 66-Jährige. Die meisten der Schlachtpferde haben Verletzungen, beispielsweise an der Sehne, die nicht immer wieder heilt. Oder die Tiere sind alt, die Gebrechen nehmen zu. Selbst auf der Wiese haben sie Schmerzen. Voraussetzung, damit ein Pferd geschlachtet und sein Fleisch als Lebensmittel verwendet werden kann, ist, dass bei der Untersuchung ein Pass vorliegt und darin der sogenannte Schlachttierstatus eingetragen ist. Der beinhaltet Einschränkungen bei der Behandlung durch den Tierarzt, etwa bei der Gabe von Medikamenten. Ein Schlachtpferd kann jederzeit ein Nicht-Schlachtpferd werden - rückgängig gemacht werden kann dies allerdings nicht, sagt Helmut Theißen, Amtstierarzt beim Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt des Kreises: "Das haben auch nachfolgende Besitzer des Pferdes zu beachten."

Nicht immer, wenn die Tillmanns von Pferdebesitzern angerufen werden, kommt das Pferd auch tatsächlich in die Schlachtung. "Wir fahren auch mit dem Bolzenschussgerät raus und töten das Pferd im eigenen Stall", sagt Nadine Seerden. "Viele Besitzer finden das schneller und weniger schlimm als die Spritze durch den Tierarzt." In diesen Fällen übernimmt die deutsche Tierbeseitigungsanstalt, der Abdecker, die Entsorgung. Für die 25-Jährige ist all das Alltag. In ihrer Freizeit reitet sie Springprüfungen, sie besitzt drei eigene Pferde. Einen Widerspruch sieht sie darin nicht. "Es ist eine reine Kopfsache", sagt sie. "Letztlich entscheidet jeder für sich selbst."

Quelle: RP
 
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