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Kreis Viersen
Plötzlich wird die virtuelle Wut Realität

Kreis Viersen. Das Projekt "Demokratie leben!" will herausfinden, wann und warum Menschen radikal werden. Von Ludger Peters

Es gibt Menschen, die ihren Frust, ihre Wut und ihre grundlegend verachtungsvolle Haltung gegenüber einer demokratischen und sozial definierten Gesellschaft in Kommentaren im Internet ungehemmt freien Lauf lassen. Bei manchen gibt es den ganz entscheidenden Augenblick, in dem sie diese virtuelle Welt verlassen und zur Tat schreiten. Was löst diesen Schritt aus? Kann man ihn vorhersagen, kann man das verhindern?

Diese Frage beschäftigt das Projekt "Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit" des Kreises Viersen. Nach dem Start im Herbst 2015 und Workshops hat sich das Thema als ein Schwerpunkt herausgebildet, berichtete Kreisdirektor Ingo Schabrich im Ausschuss für Familie und Bildung. "Uns interessiert die Schnittstelle zwischen virtueller und tatsächlicher Realität", sagte er.

Das Projekt war und ist in Teilen des Kreises umstritten. Doch die Behauptung, es gebe keinen signifikanten Rechtsradikalismus im Kreis, ist gewagt. Nach außen hin gibt es keine Auffälligkeiten, das hat auch der Staatsschutz der Polizei bestätigt. Aber eine Kontrolle über das Internet hat auch im Kreisgebiet niemand. Hetzparolen, Beschimpfungen und unsägliche Kommentare werden auch im Kreis registriert. "Es gibt ein hohes Maß an Radikalisierung", fasste Schabrich zusammen. "Menschen radikalisieren sich im Verborgenen, das bekommt die Gesellschaft nicht mit. Die Radikalität ist dann plötzlich Wirklichkeit. Das Projekt will diesen Moment abgreifen. Wir wissen nicht, was in diesem Augenblick geschieht."

Dass sich Teile der Gesellschaft offen radikalisieren, hat Lothar Thoressen, der Leiter des Kreisjugendamtes, auf bei Fußballspielen seines Sohnes erlebt. "Bei manchen Kommentaren von Zuschauern zucke ich schon mal zusammen", bekannte er. "Nicht nur Jugendliche, gerade auch Erwachsene mittleren Alters legen Haltungen und Positionen an den Tag, die zumindest aufhorchen lassen", ergänzte er.

An den beiden Berufskollegs gibt es nach Auskunft der Schulleitungen bisher keine auffälligen Beobachtungen. Die Lehrer seien sensibilisiert und reagierten zügig auf bedenkliche Verhaltensmuster oder auch Äußerungen, so Gisela Werner vom Dülkener Berufskolleg. Die Schule informiere in krassen Fällen sofort den Verfassungsschutz. Hans Kettler, stellvertretender Leiter des Rhein-Maas-Berufskollegs in Kempen, bestätigte die präventive Arbeit. In einem Fall habe die Schule erst im Nachhinein erfahren, dass eine Frau nach Syrien abgereist sei.

Quelle: RP
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