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Viersen
Relikte aus Viersens Vergangenheit

Viersen. Die stadtgeschichtliche Sammlung umfasst mehr als 2000 Objekte, die Menschen im Viersen früherer Zeiten nutzten. Sie erinnern an reiche und einfache Leute, an Handwerker und Henker Von Birgitta Ronge

Ein bisschen gruselig sieht sie schon aus, die "Eiserne Hand". Die Hand ist ein altes Hoheits- und Gerichtszeichen. Sie stammt vermutlich aus dem 16. Jahrhundert und war ursprünglich an einem hölzernen Kreuz befestigt, das genau im Zentrum der Herrlichkeit Viersen stand. Heute kennt jeder die Straße "An der Eisernen Hand" in Viersen, und die originale "Eiserne Hand" selbst ist Teil der stadtgeschichtlichen Sammlung.

Die Sammlung umfasst 2351 Objekte, die Menschen im Viersen früherer Zeiten nutzten. "Eine ganze Menge", sagt Axel Greuvers von der Kulturabteilung der Stadt. Er betreut die Sammlung, die sich nicht an einem Ort befindet, wie in einem Museum, sondern deren Teile an 15 Standorten im Stadtgebiet stehen, liegen oder hängen. So befinden sich Teile der Sammlung beispielsweise in der Dülkener Narrenmühle oder im Süchtelner Heimatmuseum.

Was Greuvers "eine ganze Menge" nennt, könnte deutlich mehr sein. Denn mit dem Ziel, ein Heimatmuseum für Viersen zu schaffen, waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Dinge gesammelt worden. Die wechselvolle Geschichte des Museums erläuterte Karl Mackes in einem Begleitbuch zu einer Ausstellung, die 1994 Bestände des früheren Viersener Heimatmuseums im niederrheinischen Freilichtmuseum, in der Viersener Galerie im Park und im Textilmuseum in Hinsbeck präsentierte. Mackes berichtet auch davon, wie viele Dinge durch Kriegswirren im Laufe der Zeit verloren gingen.

Nicht verloren ging ein eiserner Ring, der ebenfalls heute zur Sammlung gehört. Am 5. Oktober 1927 berichtete die Viersener Zeitung über den Fund: "Bei den Arbeiten, die der Verschönerungsverein zur Zeit zur Ausschmückung des historischen Galgenbergs vornehmen lässt, wurde gestern eine Halsfessel gefunden. Das Eisen ist stark verrostet, aber vollständig erhalten, auch das Schloss ist noch deutlich erkennbar. Es wurde gefunden in dem Graben, der um den Gerichtskreis liegt." Der Galgenberg lag westlich der heutigen Gladbacher Straße, in der Nähe der Stadtgrenze zu Mönchengladbach. Dort gab es zwei Hügel, die von Gräben umgeben waren. Auf einem Hügel stand der Galgen, auf dem anderen der Richter. Den eisernen Ring könnten also einst die Viersener Straftäter getragen haben, bevor sie gehenkt wurden.

Zeugnisse der ferneren Vergangenheit gibt es aus römischer Zeit: An der alten Süchtelner Landstraße gab es ein römisches Landgut, das von Beginn des 2. bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts bewohnt war, bis es durch einen Brand zerstört wurde. 1889 stießen Arbeiter dort auf die ersten Stücke aus der Römerzeit. In Erinnerung an die assyrische Stadt Ninive (im heutigen Irak), die einige Jahrzehnte zuvor ausgegraben worden war, sollen die Viersener diesem Gebiet im Oberrahser den Namen Ninive gegeben haben. Aus dem römischen Landgut stammt der Kopf einer weiblichen Statue, der in der stadtgeschichtlichen Sammlung aufbewahrt wird. Die Statue wurde aus Liedberger Sandstein gefertigt. Die Gesichtszüge sind noch gut zu erkennen, ebenso die aufwendige Lockenfrisur.

Einst umfasste die Viersener Sammlung unzählige Münzen. Viele verschiedene Münzen gab es in den Reichsstädten und Königreichen, der Herzog- und Fürstentümern bis ins 19. Jahrhundert. Durch den Handel tauchten diese Münzen auch in Viersen auf. Betrüger schabten mitunter vom Rand der Münzen ein bisschen ab und schmolzen das so gewonnene Gold zusammen. Die abgeschabte Münze war dadurch aber weniger wert.

Kaufleute und Händler, die sicher gehen mussten, dass man ihnen keine minderwertigen Münzen unterjubelte, hatten daher kleine Waagen, mit denen sie das Gewicht der Münzen feststellen konnten. Auch solch eine Waage, von einem Viersener Münzwaagenbauer in der Mitte des 17. Jahrhunderts gefertigt, ist heute Teil der stadtgeschichtlichen Sammlung.

Auch ganz zart gearbeitete Dinge bewahrt die Stadt Viersen für künftige Generationen auf, darunter Schmuckstücke, Fingerhüte und ein Etui für Nähnadeln sowie Lithophanien aus dem 19. Jahrhundert - feine Reliefs aus Porzellan, die erst ein Bild preisgeben, wenn man eine Kerze dahinter entzündet. Die kleinen Dinge passen sauber verpackt in ein Tütchen, manch anderes Sammlungsstück benötigt mehr Pflege: Dazu gehören Schränke und Truhen, die regelmäßig gewachst werden müssen, und unzählige Gegenstände aus Messing und Kupfer - wie Kaffeekannen, Schüsseln, Dröppelminnas und zahlreiche Wärmflaschen, die alle drei bis vier Jahre einer großen Reinigungs- und Polieraktion unterzogen werden.

"Fertig" ist die stadtgeschichtliche Sammlung nicht. Zwar gibt es keinen Etat, um Dinge hinzuzukaufen, sondern nur Geld, um das zu pflegen und zu restaurieren, was da ist. Doch immer wieder wenden sich auch Bürger an die Stadtverwaltung, die etwas verschenken möchten. "Es wird mehr angeboten, als wir annehmen können", sagt Greuvers, schließlich seien die Lager relativ voll. "Wir nehmen nur Dinge an, die einen klaren Bezug zu Viersen haben oder die in die Sammlung passen." Manche Dinge muss er dann trotz Viersen-Bezug ablehnen, weil er sie nicht so lagern und pflegen kann, wie es nötig wäre, oder weil die Restaurierung zu teuer für die Stadt wäre. "In solchen Fällen verweisen wir auf Museen, die auf diese Dinge spezialisiert sind", erklärt Greuvers. Und wenn er sich für die Sammlung etwas wünschen dürfte? Dann hätte Greuvers gern alte Bilder: "Schöne Ansichten von Viersen aus dem 19. Jahrhundert."

Quelle: RP
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