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Viersen
Erster Martinszug vor 150 Jahren

Sankt Martin - Erster Martinszug in Dülken vor 150 Jahren
Fackelschein erhellt die Kirche St. Cornelius, hinter dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal brennt die Strohmühle — oder ist es doch ein Teerfass? Heinrich Arnold Schündelen (1864-1946) malte dieses Gemälde. Heute hängt es im Rathaus in Dülken. FOTO: Kreisarchiv
Viersen. Seit dem 10. November 1867 gilt in Dülken: Mühle schlägt Martin. Beim Martinszug reitet kein Mann im roten Mantel an der Spitze. Stattdessen wird vorne eine Mühlen-Fackel im Handkarren gezogen. Nur einmal gab es eine Ausnahme Von Nadine Fischer

Es ist eine Frage, die Bertram Hoogen ein langes Seufzen entlockt: Ist beim Dülkener Martinszug wirklich nie, nicht ein einziges Mal in 150 Jahren, der Sankt Martin vorneweg geritten? Die Frage hört der Vorsitzende des Dülkener St.-Martinsvereins nicht gerne, weil der reitende heilige Mann gerade nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen soll. Und weil es im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Mal Diskussionen darum gab, ob der Stadtteil einen Sankt Martin braucht. Bisher haben die Dülkener dann aber strikt entschieden: Braucht er nicht. Nur einmal machten sie doch eine Ausnahme.

Seit 1867 ziehen die Dülkener Jahr für Jahr am 10. November mit Fackeln durch den Ort und singen unterwegs Martinslieder wie "Loop, Möller, loop", dazu spielen Musikkapellen. Wie viele Kinder und Erwachsene an den Zügen teilnehmen, kann Hoogen nur grob schätzen: Mehr als 1000 seien es sicherlich. Als Abschluss zünden die Organisatoren jedes Jahr ein Feuerwerk, seit rund 100 Jahren verbrennen sie außerdem eine Strohmühle.

Autor Arie Nabrings erläutert in dem Heft "Loop, Möller, loop!", das er 1996 für den Dülkener St.-Martinsverein verfasste: "1913, nach Eröffnung des Stadtmuseums in der heutigen Narrenmühle, baten die Bewohner des Südviertels darum, den Zug um die Mühle herumzuleiten. Der Verein lehnte das aus organisatorischen Gründen ab. Die Mühle wird aber an anderer Stelle einen Platz im Zug einnehmen. Sie ersetzte in Form einer Strohmühle spätestens seit 1913 die früher übliche Teertonne, die zum Schluss des Zuges auf dem Markt brannte."

Sie gehen mit ihrer Laterne: Gut gelaunte Teilnehmer des Dülkener Martinszugs im November 1954. FOTO: Kreisarchiv

1931 sei beim Zug erstmals eine wie eine Windmühle geformte Fackel mitgeführt worden, schreibt Nabrings. "Ihre Flügel drehten sich, und im Innern war sie elektrisch beleuchtet." Seither sei die Mühle-Fackel fester und den Dülkener Zug charakterisierender Bestandteil. Auch wenn sich die Dülkener heute Nachmittag am Neumarkt sammeln und mit ihren Fackeln aufbrechen, haben sie ein beleuchtetes Windmühlenmodell dabei. Die Fackel werde auf einem Handkarren vorneweg gezogen, sagt Hoogen - eben anstelle eines Reiters, der Sankt Martin spielt. Als die Dülkener 1867 ihren ersten Martinszug organisierten, sei es allgemein noch nicht üblich gewesen, dass ein Sankt Martin zum Zug gehört, betont Hoogen. Das habe sich erst um 1900 durchgesetzt, schreibt auch Nabrings. Der Dülkener Zug sei "der früheste Beleg für einen Martinszug in der weiteren Umgebung, vermutlich sogar im gesamten Rheinland", hebt er hervor. Ein Festumzug für heimgekehrte Soldaten hatte den Bürgern 1866 so gut gefallen, dass sie ein Jahr später wieder auf die Straße wollten. 1945 entschlossen sie sich, ihre Tradition zu durchbrechen und einen Sankt Martin an der Spitze des Zuges reiten zu lassen. Das habe "guten Anklang" gefunden, berichtet Nabrings. Doch 1946 entschieden die Mitglieder des Martinsvereins mit sechs zu fünf Stimmen, zukünftig wieder auf ihn zu verzichten.

"Im Mittelpunkt des Dülkener Martinsfestes steht die Nächstenliebe", betont Hoogen. Bei der Gründung 1869 habe es sich der Martinsverein zur Aufgabe gemacht, bedürftige Schulkinder mit Winterkleidung zu versorgen. "Hierzu sammelt der Verein Geldspenden." 8000 bis 10.000 Euro würden jedes Jahr an Grund- und Förderschulen im Stadtteil verteilt. "Schulleitung und Lehrer kaufen dann gemeinsam mit den Kindern ein." Das sei eine bestens zur Botschaft des Martinsfestes passende Aufgabe: "Füreinander einstehen und teilen."

Der Dülkener Heinrich Mostertz (1884-1975) malte das Dülkener Martinsfest in den 1950er-Jahren. FOTO: Kreisarchiv
Quelle: RP
 
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