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Viersen
Schlaglichter auf eine deutsche Epoche

Viersen. "Denk ich an Deutschland in der Nacht", dichtete Heinrich Heine in der Zeit des Biedermeier, "dann bin ich um den Schlaf gebracht". Die Zeitspanne zwischen dem Wiener Kongress 1815 und der gescheiterten Revolution 1848 wird gern mit dem Klischee einer vorindustriellen Idylle und bürgerlicher Behaglichkeit in Verbindung gebracht. Das aber war allenfalls eine Seite dieser gar nicht so gemütlichen Epoche. Die andere Seite ließ sich in einer gut besuchten Veranstaltung des Vereins für Heimatpflege in der Villa Marx kennen lernen.

Wenn man die geistigen Strömungen der Epoche verstehen wolle, erläuterte Vereinsvorsitzender Albert Pauly die Konzeption, "muss man die Mosaiksteine zusammensetzen" und geschichtliche Fakten im Zusammenhang mit Literatur und Musik sehen. Ute-Büchter-Römer, Professorin der Universität Köln, zeichnete das Bild einer Zeit voller politischer Enttäuschungen. Heinrich Heine war nicht der einzige, der die Ironie als Waffe gegen politische Schlafmützigkeit einsetzte. Georg Herweg verpackte seine Kritik ironisch in ein Wiegenlied.

Groß war das soziale Elend der Zeit. Eindringlich schilderte Louise Aston die Probleme der Weberinnen. Bettina von Arnim berichtete über die Verhältnisse in einer "Armenkolonie". Deswegen fühlte sich der König beleidigt und wollte sie ins Gefängnis stecken. Nur durch Beziehungen zum Justizminister Savigny konnte das verhindert werden. Nicht nur Fanny Hensel, Schwester von Felix Mendelssohn-Bartholdy, beklagte das Spitzel-System. Hoffmann von Fallersleben dichtete eine Satire auf die Banalität der Zeitungsmeldungen, denn die wichtigen Nachrichten blieben im Netz der Zensur hängen.

Die Wut über Unfreiheit und Ungerechtigkeit ist auch aus der Musik herauszuhören, beispielsweise aus Beethovens Klaviersonate "Appassionata" oder Chopins "Revolutions-Etüde". Chopins "Nocturne cis-moll" war dagegen ein gutes Beispiel für eine andere Grundstimmung des Vormärz, für stille Wehmut.

Die vorzügliche Pianistin Nadja Bulatovic zeigte in ihrer Zusammenstellung auf, dass geistige Strömungen vor einer Epoche beginnen und anschließend noch lange nachklingen. Die Zuhörer dankten mit Applaus, auch wenn eine bedrückende Erkenntnis nachwirkte: Die fast 200 Jahre alten kritischen und spöttischen Texte klangen - leider - noch immer erstaunlich aktuell.

(gho)
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