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Neues Talent beim MSV Duisburg
So entkam Amir den skrupellosen Spielervermittlern

So entkam MSV-Duisburg-Talent Amir den Spielervermittlern
Im Anfängerkurs Deutsch traf Amir Hassan auf Delia Hornfeck (Mitte), die als Lehrerin den Kurs leitete. Da sie auch Französisch spricht, konnte sich der Junge nach langer Zeit in seiner Muttersprache verständigen, und er erzählte ihr seine abenteuerliche Geschichte. Jetzt ist er ihr Pflegekind. Mit zu Besuch: Seine "deutschen Großeltern" Ingrid Hornfeck und Hans Meeger. FOTO: Busch
Viersen. Skrupellose Spielervermittler bringen afrikanische Jugendliche für viel Geld nach Frankreich und überlassen sie dort ihrem Schicksal. Der 16-jährige Amir war einer von ihnen. In Viersen fand er Pflegeeltern — und eine sportliche Zukunft. Von Iota Kallianteris

Amir Hassan, ein 16-jähriger Junge, der Physik und Chemie als Lieblingsfächer in der Schule hat und Fußball liebt, öffnet die Tür seines Zuhauses und freut sich über den Besuch am Nachmittag. Familienhund Sonic ist sichtlich aufgeregt, fordert schwanzwedelnd seine Streicheleinheiten und Amirs Pflegemutter Delia Hornfeck (36) hat die Kaffeetafel schon gedeckt. Seine deutschen "Großeltern" Ingrid Hornfeck (73) und Hans Meeger (79) haben sich ebenfalls eingefunden. Pflegevater Markus Hornfeck (46) fehlt, denn um diese Uhrzeit arbeitet er noch, wie so viele Familienväter auch.

Auf den ersten Blick eine ganz gewöhnliche Familie. Doch einiges ist hier anders. Amir Hassan wurde in Benin geboren, und hat im vergangenen Jahr eine abenteuerliche Odyssee hinter sich gebracht, bevor er bei den Hornfecks in Dülken ein neues Zuhause fand.

"Vor einem Jahr habe ich in Porto-Novo, wo ich mit meiner Mutter und meinen Brüdern gelebt habe, an einem Fußballturnier teilgenommen. Ich liebe Fußball sehr", erzählt Amir und seine Augen beginnen sofort zu strahlen. "Dort waren sogenannte Fußballscouts anwesend, die auf Talentsuche sind. Es waren drei Männer, und einer von ihnen ist nach dem Turnier zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, Fußball in Frankreich zu spielen. Er könne das für mich arrangieren", so Amir weiter.

Talentscout nimmt Amir alle Papiere ab 

Natürlich war dieses Angebot für den Jungen vielversprechend, zumal er in seiner Heimatstadt ein Sportgymnasium besuchte und dort als Naturtalent in Sachen Fußball galt. So wurde nicht lange gezögert, man sprach mit Amirs Familie und in kürzester Zeit saß er auch schon im Flieger nach Paris. Dort angekommen wurde er von dem Talentscout abgeholt.

Drei Monate verbrachte er in dessen Obhut, Amirs Papiere nahm der Mann an sich. Aber nichts geschah, es gab keine Vermittlung an einen französischen Verein, auch kein Probetraining. Und Amir fing an, sich und seinen Scout zu fragen, wie es um die weitere Zukunft bestellt sei. Irgendwann bemerkte er, dass er einem Scharlatan auf den Leim gegangen war. Der falsche Scout setzte den Jungen eines Tages kurzerhand mitten in Paris auf die Straße.

Jean Claude Mbvoumin kennt solche Fälle. Der 36-Jährige Kameruner hat in Paris einen Verein gegründet. "Foot Solidaire" heißt er, "solidarischer Fußball". Hunderte afrikanische Jugendliche, die von skrupellosen Spielervermittlern als angebliche Fußballgenies für viel Geld nach Europa gebracht wurden und dann in der Gosse landeten statt bei Olympique Marseille, Inter Mailand oder Bayern München - sie fanden bei ihm Hilfe.

In Aachen endet die Flucht 

Amir wusste von diesem Verein nichts. "Wenigstens hatte mir mein angeblicher Spielervermittler Geld für ein Busticket gegeben. Ich wollte nach Schweden, denn ich hatte gehört, dass die Fußballvereine dort großes Interesse an Nachwuchsspielern hatten", erinnert sich Amir. Unbehelligt kam der Minderjährige durch Belgien und Luxemburg. Keiner wunderte sich, dass der Junge ohne Sprachkenntnisse und allein unterwegs war.

Erst in Aachen wurde seine Weiterreise bei einer Passkontrolle von den Beamten unterbunden. Man erklärte ihm, dass er mit seinen 15 Jahren nicht alleine weiterfahren könne, und dass in Deutschland Schulpflicht bestünde. Von Aachen aus kam Amir in die Schwalmtaler Jugendhilfeeinrichtung Schloss Dillborn. "Ich war sehr traurig, habe viel geweint und konnte keine Nacht schlafen, denn ich wollte doch Fußball spielen und endlich einfach glücklich sein", erinnert er sich an die erste schwierige Zeit dort.

Im Anfängerkurs Deutsch traf er auf Delia Hornfeck, die als Lehrerin den Kurs leitete. Da sie auch Französisch spricht, konnte sich der Junge nach langer Zeit in seiner Muttersprache verständigen, und er erzählte ihr seine abenteuerliche Geschichte. Delia war betroffen und fühlte, dass sie etwas tun musste. Sie und ihr Mann unterstützten Amir, wo sie konnten, zunächst nur bei Verständigungsproblemen, später aber auch, als es um den Fußball ging. Denn Amirs Talent blieb nicht verborgen, schnell wurde man aufmerksam auf den talentierten Jungen, und der Kontakt zu Borussia Mönchengladbach wurde hergestellt.

Amir ging zum Probetraining und traf dabei einen Spieler aus Kamerun, der sich mit ihm unterhielt und für ihn übersetzte. "Es hat mir sehr geholfen, jemanden zu treffen, der meine Sprache sprach und auch Fußball spielte", sagt Amir. - "Die Sprachprobleme haben ihm anfangs sehr zu schaffen gemacht. Aber er hat sich wunderbar entwickelt, spricht immer sicherer Deutsch und hat in der Schule gute Noten, trotz der kurzen Zeit, in der er hier ist", sagt seine Pflegemutter stolz. "Mein Mann und ich haben uns entschlossen, Amir als Pflegekind bei uns aufzunehmen. Wir haben die entsprechenden häuslichen Kapazitäten, und er ist uns einfach ans Herz gewachsen."

DFB-Scout wird auf Amir aufmerksam

Nach einem kurzen Training bei TuRa Brüggen wechselte Amir schnell zum SC Union Nettetal, um sich dort weiter entwickeln zu können. Trainer Benedict Wecks und Co-Trainer Lutz Krienen waren sofort vom Talent des Jungen begeistert und förderten ihn. Beide wurden schnell zu Freunden und unterstützen Amir auch heute noch, wo sie können.

"Ich habe in Nettetal 27 Tore in 29 Spielen geschossen", sagt Amir strahlend. Bei der Teilnahme am Niederrheinpokal-Turnier in Hünxe wurde ein DFB-Scout der Fußballschule Wedau aus Duisburg auf ihn aufmerksam. "Er sei ein ungeschliffener Diamant und man möchte unbedingt mit ihm arbeiten, so hat man es uns gesagt", berichtet Delia Hornfeck. "Wir fördern ihn dahingehend, aber vermitteln ihm gleichzeitig, dass Schule und Hausaufgaben nicht zu vernachlässigen sind." Amir hält sich daran, denn er weiß, dass Sprache und Bildung ein festes Fundament sind, worauf man sein Leben aufbaut.

Dennoch schlägt sein Herz für den Fußball. Seine Zukunft in dieser Hinsicht sieht jedenfalls rosig aus. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er ab August in die Niederrheinauswahl kommt. Borussia Mönchengladbach, Rot-Weiß Essen und auch Bochum bekundeten großes Interesse an dem Newcomer. Nach einigen Probetrainings entschied er sich für den MSV Duisburg. "Das war eine Entscheidung des Herzens", erzählt Amir voller Freude. "Denn dort kann ich sofort in der U17 Bundesliga West spielen und muss nicht erst auf der Bank sitzen." Amir ist der einzige Jugendliche, der beim MSV Duisburg in dieser Altersklasse den Kreis Viersen repräsentiert. "Ich liebe meinen Sport und freue mich jedes Mal darauf, wenn meine Pflegemutter mich viermal in der Woche zum Training fährt."

Auch die deutschen "Großeltern" sind voller Stolz und freuen sich, dass Amir seinen Mut nicht verloren hat. "Das ist unser Junge, und er hat unser Leben bereichert", sagen sie. Amir ist glücklich und blickt voller Hoffnung in die Zukunft. "Ich liebe meine Familie, und ich liebe den Fußball. Er ist mein Leben!"

Quelle: RP
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