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Viersen
So spielten die Kinder am Niederrhein

Viersen. Die neue Ausstellung im Viersener Salon stellt Spiele und Spielzeug in den Mittelpunkt. Eröffnet wird die Schau am Sonntag Von Birgitta Ronge

Was muss das früher für ein Gewimmel und Gejohle auf den staubigen Straßen der Dörfer gewesen sein, wenn sich Kinder im Bockspringen übten. Wenn sie Purzelbäume schlugen, "Blinde Kuh" oder "Himmel und Hölle" spielten oder auf dem Steckenpferd durch die Gassen ritten. Vielleicht kratzten sie mit dem Absatz der Schuhe auch ein Loch in den Grund, um Murmeln hinein kullern zu lassen.

An diese Zeit erinnert eine Ausstellung im Viersener Salon in der Villa Marx, die am Sonntag eröffnet wird. Bis September präsentiert der Verein für Heimatpflege dort Spiele und Spielzeug vergangener Zeiten und erinnert Besucher daran, wie Kinder früher am Niederrhein lebten. Die regionale Anbindung wird in Reimen deutlich, die an einer Wand zu lesen sind: Sie sind auf Platt - für den ungeübten Gast zur Hilfe steht die Übersetzung gleich daneben.

Grundlage für die neue Ausstellung ist das Buch "Kindheit am Niederrhein" von Helena Siemes und Gerd Philips, das der Verein für Heimatpflege 2005 im Mercator-Verlag herausgab. Die Autoren beleuchten Geburt, Erziehung, Schule und Spielwelten. Dieses Buch ist ein Schatz, beschreibt es doch nicht nur die Entwicklung des Kindes, sondern führt auch unzählige Lieder und Reime, Sprichwörter und Wortspiele, auch Spottverse, auf, an deren Texte sich heute vor allem die Älteren noch erinnern werden.

Viel Platz räumen die Autoren dem Spielzeug und den Spielen ein. Wer sich nicht mehr erinnert, wie man mit Murmeln spielt oder Hinkekästchen aufmalt, dem kann dieses Buch eine gute Grundlage sein. Viele andere Spiele sind daneben versammelt, ebenso Abzählverse oder Lieder zum Seilchenspringen.

Die Erinnerung wecken will auch die neue Ausstellung im Viersener Salon, für die der Heimatverein um den Vorsitzenden Albert Pauly und Kurator René Franken überwiegend Exponate von Privatleuten aus Viersen und Umgebung zusammentrugen. Andere Stücke gaben die Stadt Viersen, das Kramer-Museum in Kempen oder das Niederrheinische Freilichtmuseum hinzu.

Der Entwicklung des Kindes folgend rückt die Ausstellung zunächst die Welt der Neugeborenen und der ganz Kleinen in den Blick. Beim Sauberwerden hilft heute ein Töpfchen aus Plastik, früher war es ein Thron aus Holz. Solch ein "Thrönchen" von 1844 ist im Salon zu sehen. Es folgt das Lernen durch Nachahmung: Mit Kaufmannsladen, Spielgeld und Puppenküche spielten die Kinder die Welt der Erwachsenen nach. Puppenmütter schenkten in Porzellantässchen Tee aus, Jungen erprobten sich mit Stabilbaukasten und Dampfmaschine als Ingenieure.

Viele Spielzeuge waren Luxusgüter. Die teure Schildkröt-Puppe, das Feuerwehrauto aus Blech - von diesen Dingen konnten viele Kinder nur träumen. Vielleicht baute der Großvater einen Kaufmannsladen oder schnitzte eine Eisenbahn. Vielleicht nähte die Mutter aus einem alten Mantel ein Stofftier. Auch solche Spielzeuge, für die "aus nix wat jemacht" wurde, sind in der Ausstellung zu sehen. Und es sind die Kinder zu sehen, die "aus nix" selbst etwas machten, die mit Steinen, Stöckchen oder Dosen auf der Straße spielten. Viele Spiele wurden über Jahrhunderte hinweg gespielt: Szenen aus dem Bild "Die Kinderspiele", das der flämische Maler Pieter Bruegel um 1560 malte, zeigen viele Spiele, die Ältere heute noch kennen. Diese Spiele sind auf Kupferstichen aus dem 18. Jahrhundert zu sehen, auf niederländischen Kacheln und auf Fotos, die im Salon auf Leinwand gezeigt werden.

Neben Brettspielen wie Halma, dem Hütchenspiel oder Schnipp-Schnapp werden Kinderbücher gezeigt, darunter "Die Biene Maja", "Max und Moritz" und ein Pop-Up-Buch zu "Hänsel und Gretel", bei dem der junge Leser selbst die Hexe in den Ofen schieben darf. Es gibt Fleißkärtchen und Rechenbücher, einen Stiftehalter, der aus einer Artilleriegranate von 1903 gefertigt wurde, einen Holz-Tornister, Schulbank, Schiefertafel und Griffel. Und es gibt Briefe, die Kinder an Eltern oder Großeltern schrieben - den Text diktierte der Lehrer. So schrieb Margarethe aus Lobberich am 1. Januar 1885: "Teuerste Eltern, heute, am ersten Tage des neuen Jahres bringe ich Euch, geliebte Eltern, aus dankerfülltem Herzen meine innigsten Glückwünsche dar ... ".

Die Ausstellung sei bewusst so gestaltet, dass sie Gefühle wecke, sagen Franken und Pauly - auch mit Spielzeugen, die nicht perfekt sind, weil sie selbst gefertigt wurden oder nach jahrzehntelanger Aufbewahrung "abgeliebt" sind. Gerade diese nicht perfekten Dinge berühren, weil sie von der Liebe in der Familie und von der Liebe zu einem Spielzeug erzählen. "Die Besucher sollen staunen, eine emotionale Reise in die eigene Vergangenheit unternehmen", erklärt der Kurator. Er wünscht sich, dass Besucher stehenbleiben, ein Spiel ausprobieren, sich erinnern und einander erzählen: "Weißt du noch?"

Quelle: RP
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