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Schwalmtal
So wird in Lüttelforst Kies abgegraben

Schwalmtal: So wird in Lüttelforst Kies abgegraben
Blick auf die aktuelle Abgrabungsfläche in Lüttelforst: Der sandfarbene "Berg" rechts ist Kies, deutlich sind die einzelnen Schichten sichtbar. Unter der mehrere Meter dicken Kiesschicht liegt Ton - hier die dunkle Fläche in der Bildmitte. Die grünen Flächen hinten sind nach der Abgrabung schon rekultiviert worden. FOTO: Busch
Schwalmtal. Dorfbewohner rechnen durch den Kiesabbau mit mehr Lärm, Schmutz und Lkw-Verkehr im Ort. Das werde es alles nicht geben, sagt Sanders-Geschäftsführer Ralf Mocken. Schließlich sei das heute auch nicht so. Ein Besuch in der Kiesgrube Von Birgitta Ronge

Wirklich still ist es in der Kiesgrube nicht. Der Besucher hört vor allem das laute Zwitschern der Vögel. Manchmal zockelt ein Lkw vorbei in Richtung Hang, um sich per Radlader Kies in den Hänger schütten zu lassen. Der Lkw rollt langsam vorwärts - flott wäre auch unvernünftig: Sollte der Fahrer die Fahrspur verfehlen, könnte er zwei Meter tief in die Tongrube rutschen.

Dass man in Lüttelforst protestiert, weil der Kirchenvorstand beschlossen hat, ein Stück Kirchenland für den Kiesabbau zu verkaufen, dafür hat Ralf Mocken, Geschäftsführer des Tiefbau-Unternehmens Sanders, Verständnis. Es sei das legitime Recht jedes Bürgers, gegen ein Vorhaben zu sein. Kein Verständnis hat er für die Bürgerstiftung, deren Vorgehen er "unfair und unlauter" nennt und die nachweisbar falsche Angaben mache. "Ich stelle mich gern jeder Diskussion", sagt Mocken, "aber man muss fair bleiben." Viele Lüttelforster gingen in den rekultivierten Bereichen mit ihren Hunden spazieren, während nebenan abgegraben werde. "Die hören nix, die sehen nix", so Mocken. "Viele wussten gar nicht, dass hier eine Abgrabung ist."

Auf der Deponie wird Bauschutt in einer Maschine zerkleinert. So entsteht Recyclingmaterial, das zum Beispiel als Unterbau für Wege verwendet wird. FOTO: Busch Franz-Heinrich sen.

Der Kirchenvorstand in Schwalmtal hatte kürzlich beschlossen, ein Kirchengrundstück, "Pastorsfeld" genannt, an Sanders zu verkaufen. Das Unternehmen möchte dort Kies abgraben, wenn die Genehmigung für die jetzige Fläche endet. Sollte der Kiesabbau in Richtung "Pastorsfeld" weitergehen, werde es keinen Lärm, keinen Schmutz und keinen Lkw-Verkehr im Dorf geben, sagt Mocken: Für die Lkw gibt es an der Ausfahrt eine Reifenwaschanlage. Durch den Ort dürften die Lkw heute nicht fahren, und künftig würden sie es auch nicht tun: Gehe es in Richtung "Pastorsfeld", werde die Baustraße hinten über die jetzt abgegrabene Fläche eingerichtet. So müsse kein Lkw durchs Dorf fahren.

Konrad Kohl kennt die Lkw-Fahrer alle. Er sitzt in einem Container an der Einfahrt zur Kiesgrube. Jeder Fahrer, der das Gelände verlässt, und jeder, der den schmalen Weg vom Ortseingang hochfährt, geht zu Kohl und gibt einen Zettel ab. Darauf steht, was der Lkw geladen hat, von welcher Baustelle er kommt, und sein Kennzeichen. Jedes Fahrzeug wird gewogen und erfasst. So weiß man, was reinkommt und was rausgefahren wird.

Rein darf nur Material, das für die Lagerung auf einer Deponie der Klasse 0 zugelassen ist. Denn das Tiefbau-Unternehmen Sanders gewinnt in Lüttelforst nicht nur Kies und Ton, sondern betreibt auch eine Deponie. "Deponie klingt immer irgendwie gefährlich", sagt Mocken. Doch auf einer Deponie der Klasse 0 wie in Lüttelforst dürfe nur "sauberes Material" verkippt werden. Dafür liefern Lkw (und auch Privatleute) alles Mögliche an, das aus Kies, Lehm oder Ton hergestellt wurde: Da liegen Ziegelsteine, Steinzeugrohre, Blumentöpfe aus Ton, Bauschutt aus Beton, Gehwegplatten aus Beton, eine Kloschüssel, auch ein Grabstein ist dabei. Ein Bagger befördert alles in eine große Maschine. Im Inneren wird der Bauschutt geschreddert. Magnete sortieren Eisenteile aus. Werden diese eingeschmolzen, kann das Eisen wieder verwendet werden.

Was die Maschine klein hackt, landet auf dem nächsten Haufen. Von Ziegelsteinen, Betonplatten und Blumentöpfen bleiben nur kleine Stückchen übrig. Ihr Durchmesser: 0 bis 45 Millimeter. Das Recyclingmaterial "RCL 0-45 mm" kann zum Beispiel als Unterbau für Wege verwendet werden. "Würden wir hier nicht recyceln, würde viel mehr natürlicher Kies nachgefragt", sagt Mocken. Dann müsse man größere Flächen abgraben als bislang.

Für jeden Hausbau wird Kies benötigt. Das spürt die Firma Sanders immer dann besonders, wenn ein Neubaugebiet entsteht, in Waldniel zuletzt etwa das Baugebiet "Zum Burghof". Wer baut, braucht viel Kies: Er bildet den Unterbau, damit das Haus fest steht, und den Rahmen, damit der Keller nicht feucht wird. Etwa 250 Kubikmeter Kies, schätzt Mocken, sind für ein Einfamilienhaus nötig - ohne Beton gerechnet, der auch mit Kies hergestellt wird. Sanders verkauft den Kies für 2,50 Euro pro Tonne. Würde der Kies für die Häuslebauer aus Schwalmtal und Umgebung nicht aus Lüttelforst kommen, sondern zum Beispiel aus Düsseldorf, wäre er wegen des Transports sehr viel teurer. "Das lohnt sich nicht", sagt Mocken. "Kies ist immer ein regionales Produkt." Daher sei der Standort in Lüttelforst nicht nur für Sanders entscheidend, sondern für viele weitere Firmen. Mocken: "Jedes Bauunternehmen in Schwalmtal und Umgebung ist unser Kunde."

Neben dem Kies aus der Erde nutzt Sanders auch die anderen Schichten: Die oberste Schicht ist der wertvolle Mutterboden. Er wird gesiebt und zum Beispiel für die Anlage von Gärten verkauft. Darunter liegt eine Lehmschicht, etwa einen Meter tief. Sie wird für die Rekultivierung der abgegrabenen Flächen genutzt. Darunter liegt Kies, in Lüttelforst sieben bis zehn Meter tief. Und darunter wiederum liegt Ton, zwei bis fünf Meter tief. Der Ton aus Lüttelforst wird überwiegend zur Abdichtung von Abfalldeponien verwendet. Er liegt auf Deponien in Viersen, Brüggen, Elmpt, Schlibeck und auf dem Radermühlenberg.

Quelle: RP
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